Nosebook – oder: Laternenpfahl ganz unten 2.0

Robyn, die pechschwarze Mischlingshündin mit dem seltsamen Wachstumsverhalten, dem unbändigen Appetit und der altruistischen Ader, hatte ein neues Hobby. Es war langweilig geworden, nachts alle Packungen mit potentiell essbarem Inhalt vom Küchenschrank zu klauen und ins Hundebett zu tragen, wo sie die meisten davon letzten Endes eh nicht öffnen konnte und ihre Chefin Lena Hauser sie am nächsten Morgen wieder einsammelte. Stattdessen übernahm sie nun in unbeobachteten Zeiten das Regiment über Lenas Laptop.

Die schlaue Hündin hatte lange genug dabei zugeschaut, wie die Menschen Computer benutzten. Lernen durch Beobachtung war ihr Ding, daher fiel es ihr auch jetzt leicht. Mit Nase und Pfoten war sie geschickt und treffsicher genug, um eine Tastatur zu bedienen. Sonderlich schnell ging das nicht, aber ihr reichte es. Eine Maus herumschieben und im richtigen Moment auf irgendein Element klicken konnte sie mit ihren beeindruckenden Plüschtatzen genauso gut wie ein Mensch mit seinen vergleichsweise filigranen Händen. Schnell entwickelte Robyn auch den richtigen Riecher für die passenden Online-Aktivitäten. Sie entdeckte die sozialen Medien und stellte fest, dass dort auch viele ihrer Artgenoss*innen über Profile verfügten. Kurzerpfote dachte sich Robyn, dass es bei der Internetnutzung durch Hunde doch sicherlich eine Reihe von Verbesserungspotentialen geben müsse.

Die erste Wortmarke, die sich Robyns hündisches Startup-Unternehmen schützen ließ, war „Nosebook“. Das erste Endgerät war das passende Interface: Ein Duftmonitor mit dazugehörigem Sensor, quasi eine elektronische Nase mit gleichzeitiger Stinkfunktion. Nun konnte ihre konspirativ mit Unterstützung zweier im Internet akquirierter, menschlicher Programmiererinnenneu entwickelte Social-Media-Plattform an den Start gehen: Ein Online-Netzwerk mit Duftprofilen, die jeder Hund für sich selbst hochladen und editieren sowie von den anderen Nutzer*innen abrufen und eingehend studieren konnte. Gleichzeitig wurde auf dem Bildschirm Werbung eingeblendet oder zwischen den des Lesens und Schreibens mächtigen Hunden via Textnachricht kommuniziert.

Nutzer*innen konnten geruchscodiert und in Textform Interessen und Gesuche posten sowie der Öffentlichkeit ihren Beziehungs- sowie Kastrationsstatus und ihre Vorlieben mitteilen. Natürlich wurden auch die Werbeeinblendungen entsprechend angepasst – stets individuell und zielgruppenorientiert. Es gab Werbebanner für besonders delikate Pferdeäpfel vom nahegelegenen Reiterhof, für den Gehweg vor der Eisdiele, wo immer wieder Menschen ihr Eis auf den Boden tropfen oder gleich als Ganzes fallen ließen, für das Waldstück mit den besonders wurfgeeigneten Stöcken oder für den Weier mit der optimalen Gelegenheit zum Schwimmen oder Pfoten kühlen. Auch der Biobauernhof mit eigener Schlachtung schaltete eine Anzeige für leckere Schlachtabfälle und Knochen. Robyn konnte sich nicht entscheiden, ob dies ihre Lieblingswerbung war oder ob sie doch eine Anzeige aus der Pharmabranche favorisierte: Es gab da dieses Banner mit dem Bild eines entrückt und glücklich dreinblickenden Schäferhundes mit einem großen, leicht zerknautschten Ball im Maul. Darüber prangte der Schriftzug „Balldrian – gegen Schlaflosigkeit und innere Unruhe“

Schnell wurde Nosebook in der Hundewelt zum Renner. Und auch Robyn selbst liebte ihre Erfindung. Sie wollte ihre regelmäßigen Gassirunden zwar nicht missen, allein schon, um ihren Traumstoffwechsel in Gang zu halten, aber dennoch war sie begeistert von den vielen, neuen Möglichkeiten der digitalen Welt. Nosebook brachte die Hundewelt näher zusammen und ermöglichte einen ganz neuen Austausch. Ganze Bewegungen nahmen ihren Ursprung in dem sozialen Netzwerk, Tausende Hunde verabredeten sich zu Events und Protestaktionen. Es kam zu einer Demonstrationswelle gegen den Leinenzwang in öffentlichen Parks und Wäldern. Demonstriert wurde mittels ohrenbetäubender Bellkonzerte vor den Rathäusern und Parlamenten der Menschen. Eine andere Massenbewegung erhob sich gegen die menschliche Angewohnheit, die mit Informationen aufgeladenen Häufchen ihrer Hunde wegzuräumen und so Botschaften und Spuren in der realen Welt zu verwischen. Als Protestform bot sich hier ein Shit-In an, das denn sogleich auch an beinahe jedem öffentlichen Ort durchgeführt wurde.

Dies alles sorgte für große Verwirrung unter den Menschen, die sich ohnehin schon länger fragten, warum ihre PCs in letzter Zeit so müffelten. Auch fragten sich selbst die Halter*innen der ehemals leinenführigsten Hunde, warum sie neuerdings so zielstrebig durch die Gegend gezerrt wurden, als hätten ihre Vierbeiner*innen einen Termin. Und gänzlich Maßlos wurde die Irritation, wenn die Menschen sich plötzlich inmitten eines choreographiert wirkenden Gebells aus hunderten Mäulern oder zwischen unzähligen Kackhaufen wiederfanden.

Da aber auch Menschen nicht dumm sind, entdeckte irgendwer bald in seiner Browserhistory die Aufrufe der Nosebook-Startseite. Auf dieser gab es ein Impressum und eine Copyright-Angabe. So stießen die Menschen auf Robyns menschliche Unterstützung – und die beiden Informatikerinnen wurden zu Dogwhistleblowern. Nosebook ging durch die Medien und die Menschen waren baff, wozu ihre Haustiere mit etwas Rückhalt aus der Menschenwelt in der Lage waren.

Der Hype um die Plattform ebbte aber bald wieder ab. Der Reiz des Konspirativen war nun weg, da ja alle Bescheid wussten. Zur Organisation von Protesten hatte Nosebook weitgehend ausgedient, da die Menschen dort nun auch regelmäßig reinschauten und somit stets bereits im Vorfeld über alle Geheimpläne informiert waren. Im Gegensatz zu den Menschen kapierten die Hunde zudem recht schnell, dass all der digitale Aufwand völlig übertrieben war. Mehr und mehr Hunde fragten sich, wo der Vorteil von Nosebook gegenüber ihrem Gassirundenpark oder dem Stadtwald lag. Auch dort gab es Botschaften und Profile zu erschnüffeln, nur, dass sie dort auch gleich live und in Farbe den Urheberinnen und Urhebern begegnen konnten. Nosebook wurde letzten Endes nach einem starken Rückgang der Nutzer*innen-Zahlen nur ein halbes Jahr nach seinem Launch wieder eingestellt.

Dieser Beitrag ist Teil einer Fortsetzungsgeschichte. Alle Teile in chronologisch umgekehrter Reihenfolge findet Ihr hier.

5 Gedanken zu “Nosebook – oder: Laternenpfahl ganz unten 2.0

    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Sarah,
      das war die schwarze Labradormuse mit dem schlechten Atem 🙂 Arzu, mein Assistenzmonster, steht ja ohnehin schon seitBeginn der Serie Modell für Robyn, aber diese Story ist von allen Möglichen Hunden und Hundeanekdoten inspiriert. Der „Balldrian“-Joke geht z.B. auf das Konto des Balljunkies Akiro, für den sein Ball wirklich eine Art beruhigender Schnuller ist.
      Freut mich, dass ich Dich zum Lachen gebracht habe 🙂
      liebe Grüße
      Lea

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.