Dia(b)log IV und Ayurveda V: warum ich mich auf unwissenschaftlichen Unfug einlasse

Diese Frage stelle ich mir selbst, aber sie wird mir auch von Anderen wie beispielsweise meinem Partner schon seit Wochen immer wieder gestellt. Deshalb möchte ich nun darüber schreiben, was mich zu meinem ayurvedischen Selbstversuch motiviert hat. Es war nämlich nicht nur der immer weiter steigende Leidensdruck durch meine Schlafstörungen und meinen allgemein unbefriedigenden Gesamtzustand. Es hat auch viel mit Neugier und Forschungsdrang zu tun.

Ich sehe meinen Selbstversuch als Feldforschung. Wie eine Anthropologin eine indigene Ethnie erforscht, indem sie sich in ihr Gebiet begibt und durch das gemeinsame Leben mit den Menschen mehr über sie herauszufinden versucht, stürze auch ich mich mitten in mein Forschungsobjekt hinein. Ich beobachte und analysiere nicht nur von außen sondern begebe mich direkt in das zu erforschende Thema und die dazugehörige Denkwelt. So versuche ich, nicht nur abstrakt zu verstehen, wie die ayurvedische Lehre funktioniert, wo Chancen, Risiken, Vor- und Nachteile liegen, sondern ich denke und fühle mich hinein und kann dadurch viel tiefer begreifen, was die Lehre und die an sie glaubenden Menschen ausmacht und antreibt.

Da ich all das mit der mir eigenen Skepsis und Aufmerksamkeit für die mir bekannten Kritikpunkte tue, bleibe ich dabei wachsam. Ich achte sehr genau auf meine Alarmglocken, die bei vielen Details deutlich anschlagen. Würde ich mich unkritisch in das Thema stürzen und einfach nur nach einer Lösung und einem Allheilmittel suchen, wären diese Alarmglocken wie ausgeschaltet. Ich würde sie selbst dämpfen und blockieren, weil ich ja unbedingt an meine Rettung glauben wollte. Ich würde mich gewissermaßen an einen vielleicht letzten Strohhalm klammern und so sehr auf eine positive Wirkung hoffen, dass ich alle Alarmsignale darüber viel zu leicht ausblenden würde.

Diese Gefahr eliminiere ich, indem ich von vornherein den klaren Plan eines Feldversuchs mit mir als einziger Probandin habe. Natürlich ist das eine erbärmlich kleine Stichprobe, aber was will mensch tun? Ich für mich kann schließlich erstmal nur an mir selbst forschen, und da ich neugierig bin, lasse ich mich dabei nicht bremsen.

Vielleicht bestätigt sich meine grundlegende Einstellung, dass es sich bei Ayurveda wirklich um alte und ehrenwerte aber dennoch völlig aus der Luft gegriffene Esoterik handelt. Dass es Aspekte gibt, die ich ablehne und deren Ablehnung durch den Selbstversuch auch nicht verschwinden wird, weiß ich von Anfang an. Schwermetalle in Medizin werde ich halt nie gut finden. Vielleicht erweisen sich andere Aspekte aber dennoch als sinnvoll und ich kann mir aus dem Gesamtpaket der ayurvedischen Lehre einzelne Dinge herausgreifen, die mir dennoch gut tun und für mich Sinn ergeben. In der Kräutermedizin gibt es ja auch Mittel und Behandlungsmethoden, die ich anwende und super finde, wohingegen ich andere für unsinnig oder gefährlich halte. Wieso sollte das im Ayurveda nicht ähnlich sein? Auf welchem Kontinent sich eine vorwissenschaftliche Erfahrungslehre entwickelt hat, ist kein Kriterium. Ich gebe der mitteleuropäischen Pflanzenmedizin da keine Vorschusslorbeeren sondern überprüfe gerne alles mit den gleichen Prämissen.

Die kritischen Stimmen, die mir immer wieder ins Gewissen reden und meinen Ansatz hinterfragen, empfinde ich dabei als hilfreichen Teil des Experiments. Die Kritiker*innen verhindern dadurch, dass ich meine eigene Kritik vergesse oder zu weit in den Hintergrund rücken lasse. Sie bleibt präsent und ich bleibe dementsprechend wach- und aufmerksam für alles, was die Skepsis nährt und mich zweifeln lässt. Ich glaube nicht, dass ich ohne die regelmäßigen Diskussionen beispielsweise mit meinem Partner unkritisch und leichtgläubig werden würde, aber ein Korrektiv von außen hilft, sich dieses Umstands umso sicherer zu sein. Auch, mich in solchen Gesprächen erklären und rechtfertigen zu müssen, finde ich nützlich. Ich kann so meine Gedanken ordnen und formulieren, werde mir klarer über möglicherweise noch diffuse Zweifel und finde massenhaft Inspiration, meine Gedanken dann auch aufzuschreiben.

Solange ich die Möglichkeit habe, alles kritisch zu hinterfragen, alle Informationen auszuwerten und tatsächliche Gefahren oder unkalkulierbare Risiken weitestgehend auszuschließen, sehe ich an meinem Vorgehen nichts Falsches. Ich spiele gewissermaßen nur ein Spiel mit, bis ich dessen Regeln verstanden und für mich herausgefunden habe, ob es mir gefällt oder nicht. Stelle ich fest, dass ich die Spielregeln, -aktivitäten oder Auswirkungen blöd finde, kann ich jederzeit aussteigen und aufhören. Ich habe nicht vor, mich in einen Strudel hineinziehen zu lassen und zum stumpf hinter einem Guru her trottenden Schaf zu werden. Wer mich kennt, weiß auch, dass ich mich als Schaf gar nicht gut mache, eben weil ich dafür viel zu viele Fragen stelle.

Ich werde dadurch nicht dümmer sondern sammele spannende und bereichernde Erfahrungen. Ohne Forschungsdrang und den Mut, Dinge an mir selbst zu testen, würde mir vielleicht eine Menge interessanter Erlebnisse entgehen. Warum sollte ich das zulassen?

Hier geht es zurück zu Teil IV der Ayurveda-Reihe.

5 Gedanken zu “Dia(b)log IV und Ayurveda V: warum ich mich auf unwissenschaftlichen Unfug einlasse

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