Ayurveda und die Skepsis Teil IV, der Selbstversuch geht weiter

Natürlich musste ich meine Heilpraktikerin mit meinen Zweifeln konfrontieren. Alles Andere wäre unfair gewesen und ich wollte ihr nicht einfach vor den Latz knallen, dass ich ihre Empfehlungen alle von jetzt auf gleich in den Wind schlage. Ich schrieb ihr daher direkt nach Veröffentlichung des dritten Teils dieser serie eine lange e-Mail:

Auf meine ersten Bedenken wegen der Immunmodulierenden Wirkung der Aswagandha-Tabletten hatte sie geantwortet, dass ich ein Mittel nur nehmen solle, wenn ich mich damit gut fühlte. Unsicherheit sei kontraproduktiv und würde positive Effekte verhindern, was Sinn ergibt. Da ich wirklich verunsichert bin und erst mit meinem Neurologen sprechen möchte, schrieb ich ihr also, dass ich auf dieses Mittel bis auf Weiteres verzichten werde. Dazu schickte ich ihr auch alle Ergebnisse meiner Onlinerecherche, die ich auch hier nochmal aufliste.

https://www.webmd.com/vitamins/ai/ingredientmono-953/ashwagandha

Ayurveda

https://heretothrive.net/2017/06/ashwagandha-and-autoimmune/

http://www.mensahmedical.com/ashwagandha-dangers/

Größere Sorgen machten mir aber die Schwermetalle. Laut einer Studie aus der Datenbank der US National Library of Medicine wurde bei 252 getesteten ayurvedischen Medikamenten in 65% der Proben Blei gefunden. 38% enthielten Quecksilber, 32% enthielten Arsen. Zwischen einem Drittel und der Hälfte der jeweils belasteten Proben wiesen Konzentrationen auf, die die täglichen Grenzwerte für Verunreinigungen durch Schwermetalle in pharmazeutischen Produkten um das mehrmalige Tausendfache überschritten. Die Studie beklagt daher eine globale Gesundheitsgefahr durch fehlende Kontrollen der Herstellung und Reinheit ayurvedischer Medikamente. Dass ayurvedische Mittel Schwermetalle enthalten können und es dadurch schon zu Todesfällen kam, war mir bekannt. Die hohen Zahlen schockierten mich dennoch.

Schwermetalle gelten in der Ayurvedalehre als Wirkstoffe und werden absichtlich beigemischt, nachdem ihre Giftigkeit durch eine Wärmebehandlung angeblich unschädlich gemacht wird. Das klingt für mich mehr nach Esoterik denn nach chemie. Wenn Blei erhitzt wird, schmilzt es vielleicht, bleibt aber giftig. Quecksilber verdampft und wird so zum Gift für die Person, die das Medikament anmischt, anstatt diejenige zu schädigen, die es später einnimmt. Wie es sich mit Arsen verhält, weiß ich ehrlich gesagt nicht, aber eine Giftige Wirkung verschwindet nie, nur weil sich Agregatzustand oder Aussehen eines Stoffs ändern.

Ich schrieb meiner Heilpraktikerin daher, dass ich mich nun mit keinem Mittel mehr sicher fühlte und fragte, wie sie diese Thematik bewertet. Sie versicherte mir, dass sie sehr genau auf die Vertrauenswürdigkeit ihrer Quellen achtet. Der empfohlene Onlineshop habe seinen Sitz und seine Produktionsstätten in Deutschland und unterläge damit allen hier vorgeschriebenen Kontrollen. Zusätzlich führte der Händler eigene Kontrollen durch. Die Schwermetallproblematik sei ihr und auch dem Händler bewusst, sie vertraute ihm, würde aber dennoch so weit wie möglich auf Mittel mit Schwermetallen verzichten und darauf achten, dass die Mittel möglichst nur pflanzliche Wirkstoffe enthielten. Auch sie kam allerdings mit der unglaubwürdigen Geschichte an, die Schwermetalle würden durch Erhitzen oder Verbrennen und die Verwendung der übrigbleibenden Asche ungiftig gemacht. Wie das chemisch funktionieren soll, konnte sie allerdings nicht erklären.

Ihrer Aussage nach sind enthaltene Schwermetalle auf jeden Fall unter den Inhaltsstoffen aufgeführt, also zumindest überprüfbar. Wenn sie tatsächlich versucht, Mittel mit Schwermetallen zu vermeiden, erklärt das ein Stück weit, warum ich auf keiner der Inhaltsstofflisten meiner Mittel etwas Verdächtiges gefunden habe. Die Frage ist nur, ob ihre halbherzige Aussage mich wirklich beruhigen sollte. Sie verzichtet schließlich nur nach Möglichkeit auf Mittel mit Schwermetallen, obwohl sie an die Ungiftigkeit glaubt. Es könnte also doch mal ein belastetes Mittel dazwischenrutschen. Und sie war sich unsicher, ob die neu empfohlenen Mittel wirklich frei von Schwermetallen sind. Sie will das erneut checken und ich habe mir die Listen natürlich auch nochmal durchgelesen – es stehen nur Pflanzennamen drauf. Dennoch, selbst wenn ich diese Mittel nun einnehme, weil meine Sorgen in diesen konkreten Fällen ausgeräumt sind, ändert das nichts an der generell mehr als gerechtfertigten Skepsis gegenüber ayurvedischen Mitteln.

Da das hier noch immer ein Selbstversuch ist, werde ich also ab heute Abend nach dem Essen und dann morgen wieder nach dem Frühstück das Mittel namens Jeerakadyarishta einnehmen, jeweils 30ml einer fermentierten Flüssigkeit mit Kreuzkümmel und allen möglichen anderen, pflanzlichen Zutaten. Ich bin gespannt, wie seltsam das Zeug schmecken wird und auch ein bisschen froh, dass das andere neue Mittel mir heute von meiner Heilpraktikerin nicht ausgehändigt wurde. Ich hätte sonst echt nicht gewusst, wie ich mir damit Einläufe machen soll.

Hier geht es zurück zu Teil III  und hier weiter zu Teil V.

9 Gedanken zu “Ayurveda und die Skepsis Teil IV, der Selbstversuch geht weiter

  1. Tom sagt:

    Der einfachste Ansatz zur Bewertung wäre vielleicht dieser: Geht es den Indern gut? Ist Hinduismus ein erfolgreiches Lebens-Bewältigungs-Programm? Oder man könnte auch fragen: Warum interessieren sich so wenig Japaner für Zen? Warum befindet sich der Budhismus in Asien in solch einem trostlosen Zustand? Offensichtlich ist Exotisches immer geeignet, Rationalität vorübergehend oder dauerhaft zu sedieren. Als Westler glaubt man leicht, da was entdecken zu können. Inzwischen versuchen Asiaten das gleiche im Westen.

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    1. kommunikatz sagt:

      Anscheinend brauchen Menschen den Reiz des Neuen und der Entdeckung, wenn ihnen langweilig wird. Und das passiert wohl, wenn Dinge zu etabliert und gewohnt sind, obwohl sie sich ja gerade dann eigentlich bewährt haben. Ich bin und bleibe jedenfalls Verfechterin und Nutzerin der evidenzbasierten Medizin und vertraue auch ansonsten am liebsten auf wissenschaftlich nachweisbare und logisch nachvollziehbare Fakten, nicht nur auf anekdotisches Erfahrungswissen und schonmal gar nicht auf magisches Denken und Geschwurbel.

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      1. Tom sagt:

        So sehe ich das auch, und wenn Wissenschaft korumpiert ist – wie im aktuellen Corona-Totalitarismus – dann handelt es sich nicht um Wissenschaft. Aber die Inder haben supergute traditionelle Musik!

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