Ayurveda: Ein skeptischer Selbstversuch Teil I

Manchmal wird ein Leidensdruck so groß, dass mensch nach beinahe jedem letzten Strohhalm greift. Meine Schlafstörungen und mein psychischer Zustand fallen für mein Empfinden langsam in diese Kategorie und ich habe den festen Plan, mehr für mich und mein Wohlbefinden zu tun. Das umfasst eine Psychotherapie, die ich gerade beginne und ein onehin mal wieder anstehendes, großes Blutbild inkl. Überprüfung von Vitamin D, Vitamin B12 und der ausführlichen Schilddrüsenwerte bei meiner Hausärztin. Aber es umfasst auch das allabendliche Aufbrühen und Trinken eines echt leckeren Schlaftees mit Melisse, Baldrian und anderen schlaffördernden Kräutern und, was ich mich beinahe nicht zuzugeben traue, mehrere Besuche bei einer Heilpraktikerin. Ja, ich, die Skeptikerin vom Dienst, die unspirituellste Person ever und die Verächterin jeglicher wissenschaftlich nicht begründbaren Esoterik, gehe zu einer ayurvedisch arbeitenden Heilpraktikerin.

Wie das? Ganz einfach, sie ist eine langjährige Bekannte von mir, ich kann sie gut leiden, habe ihre Homepage redigiert und auf Barrierefreiheit geprüft, und vor ihrer Heilpraktikerinnenkarriere war sie Ingenieurin. Eigentlich kommt sie also aus einer ganz anderen Denkrichtung und ich habe lange nicht verstanden, wie eine so rationale und vernünftige Person sich auf einen solchen, für mich mit ganz viel Misstrauen und Skepsis besetzten Bereich verlegen kann. Vielleicht spielt es eine Rolle, dass sie indische Wurzeln und daher vermutlich einen besonderen Bezug zu indischen Traditionen hat.

Ayurveda überschneidet sich in vielen Punkten mit der Phytomedizin, also der Pflanzenheilkunde, die ich zwar ebenso skeptisch hinterfrage wie alles potentiell Parawissenschaftliche, die dieser Skepsis aber deutlich besser die Stirn bieten kann. Pflanzenheilkundliche Methoden und Mittel sind vielfach wissenschaftlich durchgecheckt und ihre Wirkungen oftmals bestätigt worden. Dass viele Pflanzen heilsame Wirkungen bei allen möglichen Erkrankungen haben, Schmerzen an Muskeln und Sehnen lindern, Wundheilung, Schlaf und Beruhigung fördern können etc., weiß ich zu schätzen. Durch die wissenschaftliche Überprüfbarkeit ist diese Richtung der Naturheilkunde aus meiner Sicht keine reine Glaubens- und Placebo-Angelegenheit. Während mir Homöopathische Zuckerkügelchen und dergleichen auf magischem Denken beruhende Behandlungsmethoden also niemals ins Haus kämen, bin ich bei erfahrungsbasierten Mitteln von der Kräuterhexe weitaus weniger zurückhaltend.

Ich weiß aber, dass auch pflanzliche Medizin schwerwiegende Nebenwirkungen haben kann und keineswegs immer die viel bejubelte, sanfte Alternative ist – siehe den Fall Iberogast. Ich weiß auch um die Fälle von Vergiftungen durch Schwermetalle in Ayurvedischen Medikamenten, die für Viele erstmal außerhalb jedes Verdachts stehen, da es ja angeblich „nur“ Kräutermischungen sind. Ich bin also generell sehr kritisch und hinterfrage jedes Mittel, bevor ich es anwende, egal, ob es von einem Pharmaunternehmen, aus meinem Garten, der Kräuterdrogerie oder vom ausdrücklich empfohlenen Ayurveda-Onlineshop kommt.

Kräuterkunde und viele Lehren des Ayurveda sind nicht ganz so weird und esomäßig wie beispielsweise Anthroposophie oder Traditionelle Chinesische Medizin, das Einzig wirklich Bescheuerte ist die Geschichte mit den Schwermetallen. Der Rest ist ganzheitliche Betrachtung des Körpers, natürlich Erfahrungs- und nicht Evidenzbasiert, aber laut Wikipedia durchaus mit schon vor 3.000 Jahren vorhandenen Kenntnissen der Funktionsweisen von Organen, Stoffwechsel etc. unterfüttert. Natürlich kann mensch alles, auch Ayurveda, auf die esoterische Spitze treiben und sich in den Details von Chakren etc. verlieren – muss mensch aber nicht. Diesen Teil ignoriere ich also geflissentlich und ziehe aus dem Teil, den ich mitnehme, was ich an Verbesserungen für mich selbst erreichen kann.

Dazu kommt, was ja auch immer wieder als Grund für den Boom des Heilpraktiker*innen-Unwesens angeführt wird und zweifellos für den oft einzig wirksamen Placebo-Effekt verantwortlich ist: Es geht eben nicht nur um die verordneten Mittelchen. Heilpraktiker*innen haben viel mehr Zeit als evidenzbasiert arbeitende Ärzt*innen. Sie reden Stunden lang mit ihren Patient*innen, stellen viele Fragen, helfen so dabei, Gedanken und Empfindungen ((ein-)zu-)ordnen und mensch fühlt sich tatsächlich wahrgenommen, gesehen und geborgen. Plötzlich interessiert sich jemand für mich und mein Befinden. Jemand versucht, gemeinsam mit mir aufzudröseln, woran es mir fehlt oder was mit mir nicht stimmt. Das fühlt sich gut, bestärkend und motivierend an. Oft bieten Heilpraktiker*innen, gerade auch im Ayurveda-Bereich, auch verschiedene Massagen und Dergleichen an. Es wird also nicht nur geredet sondern es passieren Dinge, die sich körperlich ganz unmittelbar gut anfühlen und zur Entspannung beitragen.

Meine Heilpraktikerin gibt auch Tips, die über ihren eigenen Bereich hinausgehen. Sie hat mich beispielsweise mit dem klaren Auftrag zu meiner Hausärztin geschickt, das eingangs erwähnte Checkup machen zu lassen, weil gerade die Vitamin D und Vitamin B12-Werte in meinem Fall eine wichtige Rolle spielen – Vitamin D wegen meiner MS, Vitamin B12 wegen meiner nicht ganz aber zumindest möchtegern-veganen Ernährung. Aber natürlich gibt sie auch einen Haufen Ratschläge und stellt Regeln auf, die eindeutig dem Ayurveda entspringen. So bekam ich bei meinem zweiten Termin von ihr eine lange Liste mit Lebensmitteln und Zubereitungsformen, auf die ich in den nächsten zwei Wochen verzichten soll, während ich ein ayurvedisches Mittel zur Entschlackung einnehme.

Ich glaube nicht an Schlacken, halte Entschlackung also eigentlich für totalen Humbug,, aber ich habe beschlossen, es nun, wo ich es angefangen habe, auch durchzuziehen – als interessanten Selbstversuch. Schlacken mögen Unsinn sein, aber was, wenn damit einfach nur Stoffwechsel- und Abbauprodukte gemeint sind, die der Körper mittels seiner Fresszellen aufräumen muss? Vielleicht ist Entschlackung nur eine Unterstützung dieses im Organismus unerlässlichen Selbstreinigungsprozesses. Auch das Gehirn entschlackt und entrümpelt sich schließlich im Schlaf, weshalb ein guter Schlaf mit allen Schlafphasen ja eben so wichtig ist – sagt die interessierte aber weitgehend ahnungslose Medizinlaiin in mir. Schlacken sind ein blöder Begriff und ein unpassendes Bild, aber sie stehen vermutlich für etwas im Organismus ganz Selbstverständliches.

Jetzt, wo ich einmal in die Mühlen des Ayurveda geraten bin, beobachte und berichte ich also gerne üpber meine Erfahrungen und bin selbst schon sehr gespannt. Bis jetzt kann ich sagen: Müsli mit warmer Hafermilch schmeckt erstaunlich gut – ja, ich soll feuchte, warme Nahrung, kein fermentiertes Brot, kein rohes Obst oder Gemüse essen. Auch den zur Unterstützung der Entschlackung angeratenen aber noch nicht probierten Trunk aus aufgekochtem gemahlenen Ingwer und gemahlenen Koriandersamen stelle ich mir durchaus lecker vor. In den nächsten Tagen hole ich mein Paket vom Ayurveda-Onlineshop bei der Post ab, dann geht es richtig los mit dem Selbstexperiment – hoffentlich ohne Blei und Quecksilber und vielleicht sogar mit positiven Effekten auf mein Wohlbefinden und meinen Schlaf. Bleibt dran, es wird bestimmt spannend 🙂

 

Weiter zu Teil II

8 Gedanken zu “Ayurveda: Ein skeptischer Selbstversuch Teil I

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.