Blindheit als Motiv konzeptioneller Metaphern

Schon in meiner Magisterarbeit beschäftigte ich mich mit Metaphern. Damals untersuchte ich, ob blinde Menschen andere Metaphern verwenden als sehende. Viele Metaphern basieren auf Konzepten der Wahrnehmung. Heraus kommen dann Aussagen wie „Wir sehen uns nächsten Dienstag“, wenn es eigentlich um ein Treffen geht, oder „Hast du schon gehört?“, wenn eigentlich gemeint ist, ob jemand eine Nachricht schon erhalten hat. Blinde Menschen nutzten in meinen Interviews tatsächlich weniger Metaphern aus dem Bereich der visuellen Wahrnehmung als die sehende Vergleichsgruppe. Vermutlich liegen ihnen diese Konzepte einfach weniger nah, weil sie nicht Teil ihrer Erfahrungswelt sind. Dennoch kenne ich keine einzige blinde oder gehörlose Person, die es schlimm findet, wenn jemand ihr gegenüber Seh- oder Hörmetaphern verwendet. Die meisten Menschen mit Behinderung tun das selbst auch weil es sprachlich völlig übliche und gar nicht mehr als Metaphern bewusste Wendungen sind. Sie tun es ein bisschen seltener, aber der Unterschied in der Häufigkeit war in meiner Untersuchung nicht sonderlich groß.

Hier soll es nun um einen anderen Aspekt von Metaphern gehen. Sehr viele metaphorische ausdrücke verwenden nämlich nicht nur Konzepte aus dem Bereich des Sehens sondern nutzen ganz unmittelbar das Konzept des Nichtsehens, also der Blindheit selbst. Beispiele finden sich schnell: „auf dem rechten Auge blind sein“, „blindwütig agieren“, „die Augen vor einem Problem verschließen“, „blind für etwas sein“. „blinde Ignoranz“ – you name it. Auf der anderen Seite stehen Redensarten wie „Liebe macht blind“ oder „sich von etwas blenden lassen“. Entweder, es wird als blind bezeichnet, dass jemand etwas bewusst und mit Absicht übersieht oder ausblendet, oder Blindheit wird mit Leichtgläubigkeit, Impulsivität oder dem Fehlen von Kritik und Skepsis gleichgesetzt. Alle diese Metaphern illustrieren entweder Ignoranz oder Irrationalität.

Oft stolpere ich in den Medien über Formulierungen wie „Die geistigen Brandstifter:innen für terroristische Anschläge, wie die vom 10. Oktober in Halle, sind überall anzutreffen, auch in Parlamenten. Deshalb kann es nur als blind, arrogant oder bequem gewertet werden, wenn Menschen sich (schon) wieder überrascht über rechten Terror geben.“ (taz vom 12.10.19- ja, sogar die von mir meist so geschätzte taz). So egal es mir ist, wenn sich jemand mit den Worten „Wir sehen uns!“ von mir verabschiedet, so sehr schmerzt es, wenn Journalist*innen Leugnung und Ignoranz von Naziterror mit Blindheit gleichsetzen. Auch blinde Menschen können Antifaschist*innen, Skeptiker*innen und sehr problembewusste und engagierte Menschen sein. Mir ist schon klar, dass es um die abstrakte Tatsache der Blindheit geht, die hier das Konzept für die Metapher hergibt und dass nicht allen blinden Menschen die dadurch verbildlichte Ignoranz unterstellt wird. Aber Blindheit ist nuneinmal genauso eine meiner Eigenschaften wie es die Skepsis und die antifaschistische Einstellung sind. Die Metapher und die Realität beißen sich und fügen meinem Selbstverständnis damit eine tiefe Wunde zu.

Auch, dass Liebe angeblich blind macht, finde ich keineswegs positiv. Was hier mit „blind“ gemeint ist, ist schließlich eine unkritische, idealisierende und Tatsachen verleugnende Blauäugigkeit, mit der ich mich ebenfalls nicht identifiziere. Liebe macht nicht blind, Liebe macht manchmal leichtgläubig und führt zur Überhöhung und Idealisierung einer Person, aber was zur Hölle hat das mit echter Blindheit zu tun? Blinde Menschen können genauso aufmerksam und ehrlich zu sich selbst sein wie sehende. Sie können zwar auch genauso auf Hochstapler*innen oder Charisma hereinfallen und sich dann etwas schönreden, was vielleicht gar nicht so schön ist. Aber das kann eben jedem Menschen passieren, unabhängig von ihrer oder seiner sensorischen Verfasstheit.

Ich gehe nicht so weit, zu behaupten, dass solche Metaphern diskriminierend sind. Zur Diskriminierung gehört für mich gewissermaßen eine Diskriminierungsabsicht, und die unterstelle ich nicht jeder Person, die unüberlegt eine solche Redensart benutzt. Allerdings verletzen oder ärgern mich diese Metaphern auch ganz ohne Diskriminierungsabsicht. Ich würde mir wünschen, dass Menschen etwas mehr über ihren Sprachgebrauch nachdenken. Vor allem die schreibende Zunft, also Journalistinnen und Journalisten, sollte sich dieser möglichen Auswirkung ihrer Formulierungen bewusst sein und ihre Metaphernverwendung vor diesem Hintergrund ganz bewusst hinterfragen. Es handelt sich bei den oben genannten Beispielen schlicht um schiefe und unpassende Bilder, die keinem Text gut tun und im Zweifel den Leser*innen sauer aufstoßen, weil sie von eben jener Ignoranz zeugen, die sie oftmals beschreiben wollen.

10 Gedanken zu “Blindheit als Motiv konzeptioneller Metaphern

  1. Sandra sagt:

    Dein Text gefällt mir und ich teile Deine Meinung. Ich habe bisher nur englische Texte zu dem Thema gelesen, Deiner ist der erste deutsche.
    Wenn etwas spirituell angehauchte Leute verdeutlichen wollen, dass jeder eine andere Perspektive hat und dieselbe Sache anders sieht, erzählen sie gerne die Geschichte von den drei Blinden, die einen Elefanten anschauen. Wo jeder einen andern Teil des Elefanten anfasst und behauptet, der Eelefant sei so oder so oder so. Die ärgert mich jedes Mal, weil sie nix damit zu tun hat, wie man sich als Blinder etwas anschaut. Blinde werden darin völlig dumm dargestellt, und der Erzähler der Geschichte will weise wirken.

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    1. kommunikatz sagt:

      Hallo Sandra,
      danke für Deinen Kommentar! Stimmt, über diese Geschichte habe ich mich auch schon das eine oder andere Mal geärgert. Als ob ein blinder Mensch nicht wüsste, das ein großes, unübersichtliches Ding aus verschiedenen Teilen und Aspekten besteht. Auch da wird Blindheit mit Ignoranz oder allgemeiner Planlosigkeit gleichgesetzt, so als wäre Sehen gleichbedeutend mit Verstehen. Und durch solche Geschichten, Redensarten oder Metaphern setzt sich dieses schräge Bild auch in vielen Köpfen fest und tatsächliche Blindheit wird dann eben wirklich oft dahingehend gedeutet, dass die betroffene Person ja auch gleichzeitig irgendwie verwirrt und minderbemittelt sein muss, weil ihr ja der einzig wahre Zugang zum Wissen und Verstehen fehlt. Dass es jede menge anderer, guter Möglichkeiten gibt, sich Wissen anzueignen, Dinge zu begreifen, intelligent und gebildet zu sein, können sich scheinbar viele Menschen nicht vorstellen. Deshalb ist es so wichtig, dass die vermeintlich nichtbehinderten Menschen in ihrem Alltag ganz selbstverständlich auf Menschen mit Behinderungen treffen und im Umgang mit ihnen Erfahrungen sammeln. Diese Erfahrungen fehlen viel zu Vielen und deshalb kann mensch ihnen ihre Ahnungslosigkeit nichtmal vorwerfen – woher sollen sie es besser wissen? Inklusion auf allen Ebenen hilft 🙂
      viele Grüße
      Lea

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  2. Melina/Pollys sagt:

    Danke für diese wache Auseinandersetzung mit dem Thema Metaphern. Ich liebe Metaphern und sammle sie – und ich untersuche auch den Bezug meiner Mitmenschen zu Metaphern seit langem. Ich erzähle ständig welche und habe die Feststellung gemacht (war sehr erstaunt darüber), dass nicht alle Menschen Metaphern verstehen können. Das hat mich überrascht und ich habe mir darüber sehr viele Gedanken gemacht, wieso das so ist (es sind oft hoch intelligente Menschen darunter). Ich bin ohnehin ein Mensch, der sehr in lebhaften Bildern denkt und es fällt mir leicht, sie zu ’sehen‘. Ich denke es sind linkshirnig ‚angelegte‘ Menschen, denen es schwer fällt sie zu verstehen. Mir gefällt an den Metaphern so sehr, dass sie praktisch unter dem ‚Radar‘ laufen (also den Verstand umgehen) unterlaufen und direkt in unserer Seele landen.
    Die Überlegung, dass Blinde weniger Metaphern benutzen, finde ich sehr interessant. Du bist wohl auch jemand, der gern den Sachen auf den Grund geht 😁

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Melina,
      vielen Dank 🙂 Ja, den Dingen auf den Grund zu gehen, ist durchaus spannend. Dass ich es in diesem Fall so detailliert getan habe, lag aber hauptsächlich daran, dass es nuneinmal das Thema meiner Magisterarbeit war und ich da gewisse Vorgaben erfüllen musste. War aber sehr spannend, da es mir die Hintergründe klar gemacht hat, warum, wie du richtig schreibst, Metaphern quasi den Verstand umgehen und direkt in irgendetwas Seelenartigem landen. Es sind die Konzepte, auf die Metaphern zurückgreifen. Eine konzeptionelle Metapher ruft ein ganzes Universum von Sinn und Bedeutungen wach. Das kann wunderschön oder sehr aufschlussreich sein, aber es kann tatsächlich auch zur Verständnisbarriere werden. Manche Menschen haben diesen Zugang nicht. Beispielsweise für viele autistische Menschen ist das um die Ecke Denken und das Verstehen bildlicher Sprache kaum möglich. Autist*inen nehmen Aussagen häufig wörtlich, was zu irren Missverständnissen führen kann, da Autist*innen ja eben nicht dumm oder geistig behindert sondern oft hochintelligent sind und nur andere Denkstrukturen haben. Aber auch für Menschen mit kognitiven Einschränkungen können Metaphern zu Fallstricken werden – und letztendlich auch für Menschen ohne Einschränkung, denen bloß vielleicht ein bestimmtes Konzept oder Sprachbild einfach nichts sagt weil ihnen der Bezug zum Thema fehlt. In Leichter Sprache sind Metaphern beispielsweise verboten weil zu verwirrend. Da muss alles im Klartext auf den Punkt gebracht werden, um wirklich Alle mitzunehmen.
      Ein spannendes Gebiet, in der Tat!
      liebe Grüße
      Lea

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      1. Melina/Pollys sagt:

        Liebe Lea, wie gut dass ich beides bin 😉 (rechts- und linkshirnig – und mit zunehmenden Jahren immer mehr rechts, das gefällt mir sehr). Zu den kognitiven Einschränkungen möchte ich Dich fragen, welche zählst Du da genau dazu – für das Metapher-Unverständnis? (außer geistige Behinderung)

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      2. kommunikatz sagt:

        Liebe Melina,
        „kognitive Einschränkungen“ benutze ich als Synonym für geistige Behinderungen aller Art, die eben die Kognition einschränken. Aber auch Erkrankungen wie Demenz würde ich dazuzählen.
        liebe Grüße
        Lea

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      3. kommunikatz sagt:

        Wobei bei Demenz ja das Langzeitgedächtnis meist noch lange intakt bleibt und daher auch das Sprachverständnis erst recht spät in Mitleidenschaft gezogen werden dürfte. Darüber weiß ich aber zu wenig, genau wie über die Funktionen der beiden Gehirnhälften im Detail.
        lg
        Lea

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    2. kommunikatz sagt:

      …wobei das mit der Magisterarbeit eigentlich mehr für einen anderen meiner Blogbeiträge gilt, wo ich darauf auch ausführlicher eingehe. Das Ding mit den Erfahrungswelten – ist auch im Beitrag oben verlinkt. Aber dass ich überhaupt so intensiv anfing, Metaphern zu untersuchen, lag eben daran und setzte sich dann u.a. in obigem Text fort.

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  3. Lena Reiner sagt:

    Danke für diesen differenzierten Text, den ich mir sofort abgespeichert habe, als ich ihn eben entdeckt habe (also den Link gespeichert, nicht den Text). Was ich spannend finde: Du bist sehr behutsam bei deiner Diskriminierungsdefinition. Ich habe in mehreren Workshops zum Thema inzwischen gelernt (und auch von der hiesigen Antidiskriminierungsstelle), dass die Absicht eigentlich nebensächlich ist. Die Wirkung zählt. Gut gemeint radiert den diskriminierenden Aspekt nicht aus, genau so wenig wie er ausradieren kann, dass du dich verletzt fühlst. Das wollte ich nur ergänzend sagen, weil ich einfach ein bisschen verwundert war, dass du es nicht so nennen magst. Vielleicht ist es auch schlau, weil viele sich von dem Begriff Diskriminierung direkt angegriffen fühlen.

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Lena,
      Du hast natürlich Recht, dass Diskriminierung da beginnt, wo ein negatives Gefühl wie eine Verletzung entsteht. Ich würde meine Definition da inzwischen auch etwas anders fassen. Aber ich werfe einer Person ihr diskriminierendes Verhalten ungern vor, wenn ich weiß, dass keine Absicht dahinterstand. Dadurch überzeuge oder bekehre ich nämlich niemanden sondern erzeuge durch meinen Vorwurf eher noch zusätzlichen Widerstand. Wenn ich Verständnis erreichen will, muss ich das also anders und ohne Vorwurfshaltung tun. Darum ging es mir hier hauptsächlich.
      Danke, dass Du mich animierst, das richtigzustellen.
      viele Grüße
      Lea

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