Highly mindful

In verschiedenen Beiträgen in meinem Blog habe ich mich schon darüber beklagt, dass ich mich schwertue, mich zu entspannen, zu meditieren oder im Alltag achtsam, also mit meinen Gedanken nur im aktuellen Augenblick zu sein. Auf meiner Forschungsreise rund um und mitten durch das Thema Cannabis ist mir nun ein neuer Aspekt aufgefallen, der mir offenbar hilft dieses Problem zu lösen. Eigentlich habe ich es auf eine Art schon gelöst, kommt also gerne mal wieder mit auf Erkundungstour.

So vielstimmig Sinneswahrnehmungen unter Cannabis-Einfluss einerseits sind, so klar und transparent sind sie zugleich. Vielleicht kann ich deswegen manchmal mehrere Sinneskanäle gleichzeitig verarbeiten, weil jeder einzelne Kanal in sich auf ein einziges Signal beschränkt, sehr fokussiert und damit leicht wahrzunehmen ist. Die Wahrnehmung wird deutlicher, einfacher, als hätte jemand die Sinne und Gedanken fein säuberlich gekämmt und entknotet. Das ganze chaotische Kuddelmuddel wird durchscheinend, sortiert sich und verliert seinen verwirrenden Schrecken.

Stoned sein kommt dem Zustand recht nahe, den Menschen heutzutage mit dem Begriff der Achtsamkeit bzw. Mindfulness belegen. Ich bin ganz im Hier und Jetzt, nehme einfach nur wahr, was ganz aktuell in und mit mir passiert, mache mir keine Gedanken über vergangene oder zukünftige Ereignisse und bin also problemfrei und unbesorgt. Ein Meditationsblogger, dessen Newsletter ich aus historischen Gründen verfolge, schreibt oft, dass wir Probleme nur in Bezug auf die Vergangenheit oder die Zukunft haben können. Jetzt in diesem Moment haben wir meist kein Problem. In etwa so fühlt sich mein Cannabis-High an; die Probleme sind räumlich oder zeitlich weit weg und können mir nichts anhaben.

Auch Zeitung lesen kann ich in diesem Zustand wunderbar, ohne dass mich all die schlimmen Nachrichten fertig machen. Ich kann mich gezielt für ein paar Stunden in Watte packen, Informationen aufnemen und zugleich davon distanziert bleiben. Das Hochgefühl bleibt da, auch wenn ich über Kriegsgräuel und Katastrophen lese. Mir ist dann bewusst, wie schrecklich alles ist, aber es tangiert mich emotional nicht, solange ich in meiner Wolke schwebe. Ich kann die Grausamkeiten grausam sein lassen, die Bedrohungen bedrohlich und die Welt apokalyptisch. Es ist eine Art Eskapismus, aber ich muss das, wovor ich flüchte, nicht aussperren sondern kann es aus sicherer Entfernung annehmen und verarbeiten. Für den Moment kann ich Probleme, die mich außerhalb des Highs umtreiben und verzweifeln lassen, schulterzuckend hinnehmen, denn lösen kann ich sie eh nicht.

Zwischendurch verzweigt sich dann die Fokussiertheit, der gelesene Text und die gehörte Musik tragen mich weiter und schaffen Raum für Gedanken, Ideen, Erkenntnisse. In solchen Momenten reproduziere ich ganze Thesengebäude, die sich schlaue Wissenschaftler*innen lange vor mir überlegt haben. Ich spinne vor mich hin und habe Heureca-Momente, nach denen ich dann hin und wieder denke „Moment, das gabs doch schonmal, das ist die Zeichentheorie von Peirce oder das Kommunikationsmodell von Saussure, aber ich habe es mir gerade neu ausgedacht“. Manchmal fallen mir auch wirklich neue Theorien ein, da sind wir wieder bei den von Carl Sagan beschriebenen Phänomenen.

Oft bin ich mitten in einer solchen Überlegung, schwimme darin, wie in einem tiefen, kühlen See, und plötzlich scheint jemand den Stöpsel zu ziehen. Es ist schade und ärgerlich, wenn so eine vielstrahlige Ideenfontäne plötzlich in einer Art mentalem Abfluss davongluckert. Es fühlt sich wirklich an, als würden die Gedanken sich verflüssigen und mal wie Wasser, mal wie zäher Schleim zerrinnen. Aber sie schaffen nur Raum für neue, mindestens genauso interessante Überlegungen, von denen längst nicht alle bloß Reproduktionen schon bestehender Gedankengebäude sind. Dann schwappt aus heiterem Himmel und einem Gedanken oder einer mitreißenden Musik bzw. ihren Lyrics eine neue Euphoriewelle über mich, flutet mein System mit Dopamin und lässt mich ganz hier im Moment glücklich sein.

In einer Meditation die eigenen Gedanken einfach vorbeiziehen zu lassen, nicht festzuhalten, aber auch nicht wegzuschieben, dabei nicht zu werten sondern einfach nur zu beobachten, dürfte ungefähr den von mir unter Cannabis-Einfluss wahrgenommenen Vorgängen entsprechen. Also ist vielleicht genau das meine Form von Meditation. Vielleicht ist es gar nicht falsch, dafür ein Hilfsmittel zu nutzen, denn auch andere Menschen meditieren an bestimmten Orten, in bestimmten Körperhaltungen oder unter Zuhilfenahme bestimmter Düfte, Klänge oder Utensilien. Natürlich muss es nicht bei dieser einen Form und Möglichkeit der Meditation bleiben, aber ich beantworte hiermit dennoch sehr zeitverzögert meine eigene Blogparadenfrage nach Entspannungsstrategien.

Alle weiteren Artikel aus meiner Highly-Reihe rund um Cannabis findet Ihr hier. Die ersten Beiden Texte zu Wahrnehmungen bzw. Halluzinationen im Zusammenhang mit Cannabiskonsum, die unter anderen Titeln erschienen, gibt es hier und hier.

Ein Gedanke zu “Highly mindful

  1. Tanja sagt:

    Das Gras wachsen hören…

    Ich hatte dir ja irgendwann erzählt, dass ich unter dem Einfluss von Gras sehr viel besser zu hören, war mir aber nicht sicher, ob es sich nicht vielleicht um akustische Halluzinationen handelt. Vielleicht war ich einfach nur fokussierter und habe deshalb auch weiter entfernte Geräusche und Stimmen gehört. Ich werde das mal bewusst ausprobieren, ob ich dann vielleicht auch die Stimmen der Vögel auf dem Baum vor meinem Haus unterscheiden kann.

    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

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