The Sound of Silence

Im Beitrag „Weird Fishes“ habe ich visuelle Halluzinationen beschrieben. Ich weiß nach wie vor nicht sicher, ob es sich um einen physikalisch erklärbaren, optischen Effekt in meinen mehrfach angeschlagenen und fast blinden Augen oder um durch Cannabis ausgelöste (Pseudo-)Halluzinationen in meinem Gehirn handelt – vermutlich ist es eine Mischung aus Beidem. Seit ich das erste Mal ein solches Erlebnis hatte, beobachte ich aber all meine Sinneswahrnehmungen unter Cannabis-Einfluss sehr genau. Dass die visuellen Absonderlichkeiten nur im Zusammenhang mit Cannabis auftreten, deutet zumindest auf einen Zusammenhang oder einen verstärkenden Effekt hin.

Ganz generell ist mein Sehen brillianter, kontrastreicher und deutlicher, wenn ich bekifft bin. Licht ist heller, ohne zu blenden; Schatten sind dunkler. Dadurch werden Konturen und Umrisse viel klarer – mensch könnte auch sagen, das Bild wird schärfer, enthält aber trotzdem keine Details.  Das funktioniert vor allem in bekannten Umgebungen. Vielleicht baut sich mein Gehirn diese klareren Bilder also einfach selbst aus Wahrnehmung und Wissen zusammen. Es erkennt die Muster, von denen es weiß, dass sie da sind, ohne dass meine Wahrnehmung dafür wirklich ausreicht – es überzeichnet gewissermaßen die wahrgenommenen Bilder, indem es die erkannten Muster betont. Im Traum funktioniert es bei mir ähnlich – ich sehe oft in Träumen besser als in der wachen Realität, weil mein Gehirn Dinge ergänzt und konstruiert – Träume sind ja eh vollständige Hirngespinste, so dass hier die Grenze zwischen Wahrnehmung bzw. Wahrnehmbarkeit und künstlichem Konstrukt schlicht nicht existiert. Im Wachzustand kann die Überzeichnung erkannter Muster aber natürlich auch zu (Pseudo-)Halluzinationen führen, wenn das Gehirn falsch liegt und Dinge miteinander kombiniert, die gar nicht zusammenhängen.

Interessant wird das vor allem bei Halluzinationen – ich bleibe jetzt einfach bei diesem Begriff – aus dem akustischen Bereich. Das Hören ist für mich neben Tast- und Geruchssinn die wichtigste Informationsquelle über meine Umwelt. Akustische, taktile und olfaktorische Wahrnehmungen ersetzen fast vollständig das, was mir im visuellen Bereich fehlt. Mein Gehör ist nicht überdurchschnittlich gut. Allerdings achte ich wesentlich mehr auf akustische Eindrücke und gehe viel bewusster damit um als ein Mensch, dessen primärer Sinn das Sehen ist. Hier kann ich also auch viel genauer und dezidierter beobachten und beurteilen, was ich wahrnehme und wie es zustande kommt.

Akustische Halluzinationen unter Cannabiseinfluss hatte ich schon oft. Sei es durch weit entfernte Martinshörner, die in einer nächtlich ruhigen Statt irgendwann zu Musik mit einem komplexen, sich verändernden Rhythmus wurden, sei es durch den sich überlagernden Klang mehrerer PC-Lüfter und ähnlicher, leiser, gleichmäßiger Geräusche. Die zweifellos interessanteste akustische Halluzination, die ich bisher erlebt habe, basierte auf dem Atem bzw. verschiedenen Schleck-, Kratz- und Knabbergeräuschen der Hunde. Auch daraus entstand in meinem Kopf ein Rhythmus, dessen perkussive Elemente gar nicht mehr klangen wie Lebensäußerungen zweier großer Hunde kurz vor dem Einschlafen, und die mich daher erst vollkommen irritierten und dann faszinierten.

Allen Auslösern dieser Halluzinationen ist eines gemeinsam: Es ist immer eine sehr ruhige Atmosphäre mit leisen, relativ gleichmäßigen Geräuschen. In natürlichen Umgebungen wie z.B. am See habe ich solche Effekte bisher nie erlebt. Meiner Theorie nach liegt das daran, dass der Halluzinationen erzeugende Mechanismus im Gehirn nur funktionieren kann, wenn Klänge verschwimmen. Zu stark herausstechende Geräusche sind für das Gehirn zu eindeutig und klar interpretierbar. Sie strukturieren zu stark und das Gehirn erkennt sie sofort als das, was sie sind – den Ruf eines bestimmten Vogels, das entfernte Aufheulen eines Motors, ans Ufer schwappende Wellen, die aufs Wasser schlagenden Flügel kämpfender Schwäne – viel zu abgehackt und identifizierbar. (Pseudo-)Halluzinationen oder Illusionen entstehen, weil die Mustererkennung des Gehirns über ihr Ziel hinaus schießt. Das bekiffte Gehirn neigt dazu, Muster und Strukturen zu erkennen, wo keine sind. So werden aus mehreren Martinshörnern Klänge, die an experimentelle Synthesizer-Musik erinnern, aus PC-Lüftern und einer Spülmaschine im Nebenraum sphärisch-meditativ schwebende Klangteppiche und aus Körperpflege betreibenden Hunden beinahe gruselig anmutende Industrial-Sounds. Die vorhandenen Klänge überlagern und ergänzen sich. Siewerden im Gehirn neu zusammengesetzt und ergeben plötzlich eine Struktur, die sie in Wirklichkeit gar nicht haben.

Ich kann mir natürlich auch unbekifft solche Klangstrukturen ausdenken. Wenn ich der Spülmaschine zuhöre, entstehen in meinem Kopf oft Rhythmen, über die ich vor meinem geistigen Ohr irgendwelche Melodien oder ergänzende Elemente legen kann. Das sind aber bewusste Prozesse des sich-etwas-ausdenkens. Die amoklaufende Mustererkennung des Gehirns fühlt sich echt an. Die Geräusche sind da und bleiben da, egal, wie sehr ich mir klar mache, dass sie vermutlich Illusionen sind. Vielleicht gehen sie für kurze Zeit weg oder kehren zu ihrer tatsächlichen Struktur zurück. Aber wenn ich aufhöre, sie zu analysieren, ist ganz schnell die Musik, der Rhythmus oder der Klangteppich wieder präsent und klingt absolut authentisch. Die ausgedachte Musik zum Spülmaschinensound muss ich mir im Gegensatz dazu aktiv vorstellen. Höre ich damit auf, sie absichtlich zu erfinden und zu gestalten, verstummt sie sofort.

Sicher gibt es noch viele Formen veränderter Wahrnehmung, die ich noch nicht erlebt habe. Bekannte von mir erzählten von Geräuschen, die sich nicht neu zusammenfügten sondern in Einzelteile zerlegten. Aus dem Geräusch eines Lüfters wurden so drei verschiedene, sich überlagernde, metallische Klänge. Oder die einzelnen Instrumente eines Musikstücks wanderten durch den Raum und erzeugten ein weit über Stereo hinausgehendes Klang- und Raumerlebnis wie in einer großen Konzerthalle. Solche Halluzinationen hatte ich bisher nicht – vielleicht ist das Gehirn ein zu individuelles Ding und die Effekte äußern sich einfach von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Oder es liegt an der Darreichungsform des THC. Vielleicht erzeugt gerauchtes Gras andere Effekte als gegessenes. Es gibt auf jeden Fall noch viel zu erforschen und ich bin viel zu neugierig, um das nicht zu tun.

 

PS: Ich schätze, ich muss nicht erklären, dass es sich bei dem Titel dieses Beitrags um einen Song von Simon & Garfunkel handelt.

2 Gedanken zu “The Sound of Silence

  1. kommunikatz sagt:

    Ich glaube, nun habe ich es verstanden: Es ist vermutlich wirklich eine Kombination aus optischem Effekt und Halluzination. Die Farben und das Licht inkl. aller Brechungseffekte sind wirklich da, aber die Bilder der Fische, Wolken und Icons erzeugt mein Gehirn durch die übers Ziel hinausschießende Mustererkennung.

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