Im Zug – – 7 aus 12, das abc-etüden-Sommerpausenintermezo

Die Regionalbahn war voll. Es ging zu, wie im Flohzirkus, dachte sie, dabei war es erst 7 Uhr. Viele Menschen hatten großes Gepäck dabei. Die waren bestimmt auf dem Weg zum Flughafen, während sie, wie jeden Tag, in aller Herrgottsfrühe zur Arbeit fuhr. Zumindest der Hitze wich sie aus, wenn sie schon die Menschenmassen nicht meiden konnte. Tagsüber heerschten Temperaturen, denen man nur im Schatten oder als ausgewiesene Wasserratte etwas abgewinnen konnte. „Wie wenig wir einander kennen, die Welt und ich“, ging ihr durch den Kopf.

Sie fing den schüchternen Blick eines kleinen Mädchens auf. Es kuschelte sich an seine Mutter und schaute aus braunen Kulleraugen von der anderen Seite des Mittelgangs zu ihr herüber. Die Mutter sprach leise mit dem Kind, aber es schien nicht wirklich zuzuhören. Der Zug, die Menschen, die vorbeiziehende Landschaft, all das war viel zu spannend. Welche Sprache das wohl sein mochte? Die Worte der Mutter, die sie aufschnappte, klangen ein bisschen wie Russisch, aber dann auch wieder nicht. Vielleicht kamen die Beiden aus der Ukraine, geflüchtet vor Krieg und Terror, vielleicht traumatisiert, vergewaltigt, von ihren Lieben getrennt. Die anderen Fahrgäste beachteten sie nicht, beseelt von Sommerpause und Urlaub. Sie flüchteten vor der drohenden Wasserrationierung in Länder, wo es noch viel schlimmer war, dachte sie zynisch.

Das ukrainische Mädchen grinste sie an. Sie lächelte zurück. Das Tischtuch zwischen ihr und der Welt mochte längst zerschnitten sein, aber das trotzig-fröhliche Kinderlachen durchbrach für die Dauer der Zugfahrt ihre Trübsal.

Diese kleine Geschichte ohne echte Handlung ist ein Beitrag zum Sommerpausenintermezzo der abc.etüden, zu dem Christiane schon vor einer Weile eingeladen hat. Es gilt, 7 aus 12 Wörtern in einem Text zu verarbeiten, ich habe es auf 11 von 12 gebracht, und das auch nur, weil ich schlicht nicht weiß, was „milonga“ ist. Die Wörter lauten wie folgt: Flohzirkus, Flughafen, Herrgottsfrühe, Kulleraugen, Milonga, Regionalbahn, Schatten, Sommerpause, Tischtuch, Ukraine, Wasserrationierung, Wasserratte. Als zusätzliche Erschwernis sollte auch noch der Satz „Wie wenig wir einander kennen.“ im Text vorkommen. Das hätte ich fast vergessen, aber zum Glück ließ der Satz sich problemlos einbauen.
Entgegen einiger Unkenrufe, dass es sich diesmal um schwierig zu verbastelnde Wörter handelt, fand ich es ziemlich einfach. Ein öffentliches Verkehrsmittel und die Gedanken einer Berufspendlerin sind doch das perfekte Setting für eine Story mit allen möglichen und unmöglichen Einsprengseln.

14 Gedanken zu “Im Zug – – 7 aus 12, das abc-etüden-Sommerpausenintermezo

  1. Olpo Olponator sagt:

    Unkenrufe ? Die müssen von einer Seite kommen, die ich als zu krötig erachte, um bei der zu lesen. Ich kann dazu auch bloß feststellen, daß ich es keinesfalls schwierig fand, die Worte in einen Text einzubauen – dabei weniger abgehoben, dafür besser geerdet zu sein, ist bei solch alltäglichen Worten vermutlich ein Vorteil – abgesehen von ‚Milonga‘ vielleicht, dieses Wort klingt einigermaßen ungewöhnlich für Menschen, die sich nicht für die Tanzformen der Welt interessieren: es bezeichnet eine Musikrichtung, die aus Südamerika kommt, auch eine Sonderform des Tango/Flamenco wird so genannt.

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    1. kommunikatz sagt:

      danke fürs Schließen meiner Bildungslücke unter geduldiger Hinnahme meiner Recherchefaulheit 🙂
      Ich weiß nicht, was Du mit dem Krötenkommentar sagen willst, aber ich finde erstens Kröten sehr sympathisch und zweitens den Vergleich trotzdem vollkommen unpassend.

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      1. Olpo Olponator sagt:

        Kröten wie Unken gehören beide zur Ordnung der Froschlurche – interessant ist dabei für mich, daß Unkenrufe offenbar negativ belegt sind in ihrer Verwendung in unserer Sprache. Eine Geschichte die ich schrieb, titelt ‚Der Ruf der Kröte‘ und wer schon einmal das Glück hatte, eine solche in natura tatsächlich zu vernehmen, weiß, wie falsch das Wort ‚Unkenrufe‘ angewendet wird: die wenigsten Menschen dürften in ihrem gesamten Lebensverlauf die 14 grundverschiedenen Lautäußerungen einer Kröte jemals zu Gehör bekommen.
        Eine ‚häßliche Kröte‘ dagegen ist für das Schönheitsempfinden der Mehrheit unserer Gesellschaft in ihrem Kontext vermutlich leichter und so gesehen auch richtiger nachzuvollziehen.

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      2. kommunikatz sagt:

        Ich habe zu Unkenrufen gar keine so negativen Assoziationen, obwohl das Wort natürlich Kritik oder Zweifel und damit etwas vermeintlich Negatives bezeichnet. Irgendwie muss ich bei Unken immer an etwas märchenhaft Verwunschenes denken. Keine Ahnung, ob meine Erinnerung mir da einen Streich spielt, aber ich meine, ich hatte als kleines Kind mal eine Räuber Hotzenplotz Hörspielkassette und darin kam ein dunkler, verwunschener Unkenpfuhl vor, im Zusammenhang mit irgendeiner Fee oder Hexe. Sowas schwingt bei mir mit, wenn ich an Unken oder auch an Kröten denke. Wobei ich bei letzteren eher an die Exemplare denke, die meine Kellertreppe herunterfallen und dort unten leider manchmal kläglich sterben, weil das erwünschte Wasser eben nicht da ist.

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      3. nellindreams sagt:

        Eine alltägliche Momentaufnahme, wie ich sie allmorgendlich auf dem Weg zur Arbeit beobachten konnte/hätte können in den letzten Monaten. Unaufgeregt und banal im positiven Sinne, sehr schön beschrieben – was man alles doch so wahrnimmt, wenn man nicht ausschließlich auf sein Handy Stiere in der Bahn. Danke für diese Momentaufnahme!

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  2. blaupause7 sagt:

    Vielen Dank für diese Momentaufnahme – nicht jede Geschichte muss für mich eine Handlung haben… manchmal reicht auch einfach nur eine Situationsbeschreibung. Und ganz ehrlich, wenn ich ein Wort nicht kenne, schlage ich nach, was es heißt – danach kann ich immer noch entscheiden, ob ich es verwenden möchte oder nicht. Insofern stellt sich mir die Frage, ob ein Wort „schwierig“ zu verwenden ist, gar nicht erst.

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    1. kommunikatz sagt:

      Erwischt 🙂 stimmt, ich war nur zu faul zum Recherchieren. Aber da die anderen Wörter so perfekt an ihren Platz gerutscht waren, wollte ich das Konstrukt nicht wieder gefährden und habe die Milonga daher gar nicht erst nachgeschlagen. Ich stimme Dir zu, was die Handlung und die Momentaufnahmen angeht. In so einem kurzen Text finde ich die Schlaglichtartige Situationsbeschreibung oft einfach spannender als eine zusammengequetschte Story.

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