Highly persceptive – Wahrnehmungen und Gedanken unter Cannabis-Einfluss

Cannabis bzw. seinem hauptsächlichen WirkstoffTHC wird nachgesagt, die Wahrnehmung zu verändern. Im visuellen Bereich kann ich diesen Effekt kaum beurteilen, auch wenn mein minimales Restsehen unter dem Einfluss von Cannabis lichtstärker und kontrastreicher wird und ich gelegentlich sogar Farben wahrnehme, die sich eigentlich schon vor über zehn Jahren aus meinem Wahrnehmungsrepertoire verabschiedet haben. Ganz allgemein wird, wenn ich high bin, alles dynamischer, ist mehr in Bewegung und auf eine spannende Art sehr ausdifferenziert. Im akustischen Bereich fiel mir dieses Phänomen zuerst auf, aber es ist auf andere Sinne übertragbar.

Bin ich straight, beherrsche ich keinerlei Multitasking im Wahrnehmungsbereich. Ich kann nicht gleichzeitig Musik hören, deren Text ich verstehe, und Zeitung lesen. Genauso wenig kann ich einen Wortbeitrag im Radio verfolgen und zugleich ein Gespräch führen. Dafür muss ich nichteinmal auf das Radio achten, es dudelt sich ganz automatisch in meine Aufmerksamkeit hinein. Mehreren Dingen gleichzeitig akustisch folgen oder eine akustische und eine taktile Quelle gleichzeitig aktiv wahrnehmen ist anstrengend bis unmöglich.

Nach einer Pfeife sieht das völlig anders aus. Mein Hören wird quasi zum Mehrspurrekorder und zerlegt die gehörten Signale in diverse Ebenen. Da bekommt die Musik oder Stimme im Radio, die Sprachausgabe des Computers, das Klappern und Gurgeln der Spülmaschine, das Schnarchen der Hunde und die Stimme des Engländers jeweils ihre eigene Spur, die ich jeweils mit mehr oder weniger Aufmerksamkeit belegen kann. Ich switche gezielt zwischen Ebenen hin und her, regele sie bewusst herauf und herunter oder folge mehreren zugleich, als liefe jede für sich, unabhängig voneinander, in ein eigenes, distinktes Ohr. Innerhalb einer solchen Ebene gibt es dann manchmal sogar noch Unterebenen, also jedes einzelne Musikinstrument eines Musikstücks oder einzelne perkussive oder melodische Elemente des Spülmaschinengeräuschs.

Auch die taktile Wahrnehmung verändert sich. Besonders spürbar ist das beim Lesen der Brailleschrift. Die schrift wirkt größer. Die Punkte innerhalb der einzelnen Zeichen und die Zeichen als Ganze scheinen weiter voneinander entfernt zu liegen, haben größere Abstände zueinander. Sogar synästhetische Effekte treten auf. Wenn meine Fingerspitzen die Punkte ertasten, erzeugt mein Gehirn zeitgleich ein Bild weißer Punkte auf dunklem Hintergrund. Durch das schlechte Schriftbild meiner Braillezeile bilden die unter meinen Fingern verschwindenden oder nur halb erscheinenden Punkte in meiner Wahrnehmung bewegte, in allen Graustufen changierende Punktwolken.

Ähnlich transparent und federleicht aufgedröselt werden auch meine Gedanken, also die Wahrnehmung nach innen. Ich denke und formuliere logisch und druckreif – so erscheint es mir zumindest. Ich komme auf geniale Ideen, tolle Wortspiele oder interessante Analogien; und wenn ich mir diese aufschreibe und sie am nächsten Tag wieder lese, entbehren sie tatsächlich sehr oft nicht einer gewissen Qualität. Sprich, ich bin high oft sehr kreativ und habe Einfälle, die mir straight vermutlich nicht kommen würden. Carl Sagan beschreibt in „The 2 Ingredients for Understanding Cannabis – Without considering the mystique of cannabis, scientific facts are blind.“ in Psychology Today diesen Effekt und viele Weitere sehr zutreffend.

Das High, das ich am meisten schätze, ist ein Zustand, den ich tatsächlich als erweitertes Bewusstsein bezeichnen würde. Meine geistigen und sensorischen Kapazitäten scheinen sich auszudehnen und bekommen eine Art schillernde Brillianz, einen intrinsischen Zusammenhang und eine oftmals zwingende und völlig offensichtliche Logik. High kann ich gleichzeitig einen Artikel lesen, den Lyrics einer Musik zuhören und über etwas ganz Anderes nachdenken, ohne auch nur im Ansatz überfordert zu sein. Jeder einzelne Kanal funktioniert für sich, ohne die anderen zu stören, aber trotzdem nehme ich alle zugleich mit voller Aufmerksamkeit wahr. Vielleicht ist es dieser Effekt, den manche Menschen als spirituell erleben. Für mich ist es einfach nur ein erholsamer Rundflug durch mein Hirn auf den Schwingen des körpereigenen Cannabinoidsystems. Auch dessen Funktionsweise erklärt Sagan sehr anschaulich in seinem Artikel.

In Kombination mit der stimmungsaufhellenden bzw. negative Gefühle dämpfenden Wirkung von Cannabis finde ich in diesem Zustand Entspannung und Erleichterung, die mir ohne dieses Hilfsmittel nicht zugänglich wären. Da die kreativen Eingebungen oft genauso schnell verblassen, wie sie auftauchen, und ich längst nicht alle schnell genug aufschreiben kann oder will, hat der Effekt auch viel mit Loslassen zu tun. Wahrnehmungen und Gedanken einfach vorbeiziehen zu lassen, nichts festzuhalten sondern einfach als Wattewolke mit dem Strom der anderen Wattewolken in der leichten Briese zu treiben, ist meditativ und heilsam für mein im wachen Alltag permanent angespanntes und unter Druck stehendes Nervensystem. Ich kann mich in bester eskapistischer Manier in Texten oder Musik verlieren und in Feinheiten und Details schwelgen, sogar, wenn mein Hör-, Lese oder Denkstoff reale und/oder unschöne Hintergründe hat.

Mit diesem Text möchte ich eine Frage beantworten, die mein jugendliches, neugieriges Ich sich lange gestellt hat: Wie füehlt sich ein drogeninduziertes High an und wie wirkt es sich auf die Sinneswahrnemung aus? Ich hoffe, es ist mir gelungen und ich ermögliche der einen oder anderen interessierten Person einen Einblick in eine Welt, die nicht Jede*r selbst betreten kann oder will. Dabei bleibt in diesem Artikel unberücksichtigt, dass andere Drogen zu anderen Erfahrungen führen. Ich beziehe mich hier nur auf Cannabis und kenne die meisten anderen möglichen Highs selbst gar nicht aus eigener Erfahrung, so dass ich auch keine Vergleiche anstellen kann.

Alle weiteren Artikel aus meiner Highly-Reihe rund um Cannabis findet Ihr Hier. Die ersten Beiden Texte zu Wahrnehmungen bzw. Halluzinationen im Zusammenhang mit Cannabiskonsum, die unter anderen Titeln erschienen, gibt es hier und hier.

5 Gedanken zu “Highly persceptive – Wahrnehmungen und Gedanken unter Cannabis-Einfluss

  1. All English Matters sagt:

    Fun, fun, fun, but only in the right dosage. Too much and you get too high and off you go on a bad trip, which is not to be recommended. Paranoid people with red eyes hiding under the sofa – not a good idea! That’s why education and help from experienced users in the right setting is advisable.
    If anyone is really interested in where all this leads, consider the effects of hallucinogenics like psilocybin, LSD or mescaline. These experiences are well described in the literature. Aldous Huxley’s seminal book „The Doors of Perception“ is highly recommended here (no pun intended),.

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Danke für die Ergänzung! Ja, Huxley muss ich genauso noch lesen wie diverse weitere Dinge von Sagan. Aber ich scheine wirklich stumpf zu sein, denn eine solche Überdosis mit den entsprechenden Effekten ist mir noch nie untergekommen – ein Glück sicherlich, aber deshalb ist dieser Beitrag auch nur als persönlicher Erfahrungsbericht zu betrachten und nicht als allgemeine Empfehlung.

      Gefällt 1 Person

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