Teil III des ayurvedischen Selbstversuchs: Die Skepsis übernimmt

Letzte Woche war ich zum dritten Mal bei meiner Heilpraktikerin. Es war ein ausführlicher Termin, wir sprachen über meine bisherigen Erfahrungen, sie fragte viel, hörte mir lange zu und machte sich einen Haufen Notizen. Unser Gespräch war offen und wertschätzend und der krönende Abschluss des Termins war eine halbstündige ayurvedische Fußreflexzonenmassage. So entspannt wie nach dieser Behandlung war ich schon lange nicht mehr. Während der Massage war es vollständig still, alles war warm und angenehm, ihre Hände an meinen Füßen übten zwar teils recht starken Druck aus, irgendwie fühlte sich aber trotzdem jede Berührung intim und beinahe zärtlich an. Ich wäre derweil fast eingeschlafen – einfach nur schön.

Auf meiner Zunge meinte die Heilpraktikerin, diesmal weniger Schlackstoffe zu sehen – ihrer Aussage nach hatte die Entschlackung mit dem Choornam-Pulver funktioniert. Auch meine Berichte zu meinem Befinden wertete sie als Zeichen von Erfolg, während ich das Gefühl hatte, in jede kleinste Regung, animiert durch sie, viel zu viel hineinzuinterpretieren. Da das Pulver inzwischen aufgebraucht war, hatte ich am Abend vor dem Termin die erste Aswagandhaa-Tablette genommen, die mir beim Schlafen helfen soll. Tatsächlich hatte ich, als ich anschließend im Bett lag, ein wohlig warmes, geborgenes Gefühl, das mir meist fehlt und das ich zum besseren Einschlafen schon oft herbeigesehnt habe. Signifikant besser schlief ich in der Nacht dennoch nicht, da ich einen erkälteten und sich ständig herumwälzenden Mann neben mir liegen hatte – ich selbst hatte die Erkältung eine Woche zuvor hinter mich gebracht.

Trotz dieser in Ayurveda-Hinsichtüberwiegend positiven Entwicklungen wachsen in mir seit ein paar Tagen mehr und mehr Zweifel. Die Gründe dafür sind vielfältig – dass die Heilpraktikerin einen gewissen Druck ausübte, half jedenfalls nicht. Bei unserem Termin begann sie, sich schon alle möglichen weiteren Medikationen und Vorgehensweisen auszudenken, obwohl ich ja gerade erst mit einem neuen Mittel, nämlich dem Aswagandha begonnen hatte. Ich bremste sie im Gespräch ein wenig aus, sagte am Ende aber doch zu, die neuen Mittel auszuprobieren bzw. wollte zumindest alles darüber wissen, was sie als Zusage interpretierte. Eines der Mittel ist ein fermentiertes Gebräu aus Kreuzkümmel und diversen anderen Zutaten, von dem ich nach Frühstück und Abendessen je 30ml trinken soll, das andere ist ein Öl für Einläufe. Sie will diese Mittel nun für mich mitbestellen, da sie für andere Patient*innen eh Sachen bestellen muss – wie komme ich bloß aus dieser Nummer wieder heraus?

Abends zeigte ich meinem Partner das Döschen mit den Aswagandha-Tabletten und er begann, online zu recherchieren. Ich hatte das natürlich auch längst getan, allerdings hatte mich die deutschsprachige Wikipedia-Seite nicht auf die Fährte irgendwelcher Risiken oder Bedenken gesetzt und ich war überzeugt, ein unbedenkliches Mittel vor mir zu haben. Mein Partner, der hauptsächlich im englischsprachigen Netz suchte, stieß auf Interessanteres. Seinen Suchergebnissen zufolge stärkt Aswagandha das Immunsystem. Erstmal hört sich das ja gut an und fügt sich nahtlos in die vielen, positiven Effekte ein, die das Mittel haben soll, jedoch ist ein aktiveres Immunsystem für Menschen wie mich ein Problem.

Ich habe Multiple Sklerose. Das ist eine Autoimmunerkrankung, basiert also auf einem überaktiven und den eigenen Körper angreifenden Immunsystem. Im Fall von MS wendet es sich gegen die Myelinschichten, die quasi die Isolierung um die Nervenbahnen bilden. Werden diese durch Entzündungen geschädigt, leidet auch die Leitfähigkeit der Nerven und die vielfältigen und unkalkulierbaren Symptome der MS entstehen. Da die Läsionen nach dem Abklingen derartiger Entzündungsherde irreversibel sind, kann ein solcher Entzündungsherd bleibende neurologische Schäden hinterlassen. Bildet sich die Symptomatik zurück, wie es in meinem Fall bisher immer war, liegt das nicht an einer Rückbildung der Läsion sondern lediglich daran, dass der jeweilige Nerv sich auch mit beschädigter Isolierschicht gut genug regeneriert, um weiterhin ausreichend leitfähig zu sein.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich, warum ich mein Immunsystem nicht stärken oder triggern sollte – das kann MS-Schübe auslösen, die mir unwiederbringliche Schäden bescheren können. Neben all den positiven Auswirkungen von Aswagandha wie Verbesserung des Schlafs, Reduktion von Stress, Steigerung der Libido und was nicht noch alles macht sich dieser Umstand leider sehr ernüchternd aus. Darüber finden sich im Internet auch Berichte anderer Menschen mit Autoimmunerkrankungen. Wie sie finde ich es durchaus schade, die erwünschten Wirkungen nicht nutzen zu können, aber diese eine unerwünschte Wirkung ist einfach ein Ausschlusskriterium.

Auf Nachfrage per e-Mail schrieb meine Heilpraktikerin, sie hätte auch recherchiert und sogar ihren Ayurvedalehrer gefragt – er habe gesagt, Aswagandha sei gut bei MS, das Immunsystem werde nicht getriggert sondern nur allgemein der Körper gestärkt. Auf mehreren Webseiten hatte ich andere Aussagen gefunden und werde bei nächster Gelegenheit auch meinen Neurologen dazu befragen. Bis dahin bleibt die Dose mit den Tabletten unangetastet und ich werde auch die mir inzwischen per Mail zugeschickten Inhaltsstofflisten der anderen Mittel auf Herz und Nieren prüfen.

Nun bin ich verunsichert und stehe unter scharfem Beschuss meines Partners, wie ich mich denn überhaupt auf so einen unwissenschaftlichen Unfug einlassen konnte. Ja, Ayurveda ist unwissenschaftlich – genau wie alles, was hierzulande passierte, bevor mensch die evidenzbasierte Medizin erfand. Es ist eine auf Erfahrungen beruhende Lehre, wie die Kräuterheilkunde, die auch mein Partner sich gern zu Nutze macht. Im Ayurveda gibt es einige suspekte Dinge, wie ich bereits schrieb. Vielleicht habe ich mich aber darin geirrt, dass diese Dinge sich wirklich durch Wachsamkeit umgehen und vermeiden lassen. Ich kann vielleicht doch nicht jeden einzelnen Inhaltsstoff komplett durchrecherchieren. Fände ich dadurch überhaupt jede unerwünschte Nebenwirkung jedes enthaltenen Krauts heraus? Und stehen überhaupt alle Inhaltsstoffe auf den Listen? Schwermetalle in ayurvedischen Präparaten sind keine Verunreinigungen sondern absichtlich enthaltene Wirkstoffe, die angeblich durch Erhitzung unschädlich gemacht werden. Aber werden sie aufgelistet? Gefunden habe ich bislang keine auf den Listen – beruhigend oder nicht?

Etwas Risiko ist immer, das ist klar. Auch bei Medikamenten der evidenzbasierten Medizin kann ich nicht jede Nebenwirkung kennen und Dinge können schiefgehen. Aber der Ausschluss von Risiken ist deutlich leichter und ich mache mich nicht vom Gutdünken einer nur ansatzweise medizinisch ausgebildeten Person abhängig. Bleiben von Ayurveda also doch nur der Wellnessaspekt, die entspannenden Atemübungen, die Erkenntnis, dass Frühstücken gut tut und das leckere Ingwer-Koriander-Gesöff?

Da meine Heilpraktikerin in den nächsten Tagen für einen Monat nach Indien fliegt und ich sie vorher voraussichtlich nur kurz sehe, wenn ich die mir bereits jetzt hochgradig suspekten neuen Mittelchen abhole, werde ich erst ende November wieder einen Termin bei ihr haben. Mal sehen, was ich bis dahin mache oder ob mir die Pause den Absprung erleichtert.

Faden verloren? Hier geht es zurück zu Teil II.
So begann die Story.

Und hier geht es weiter zu Teil IV.

8 Gedanken zu “Teil III des ayurvedischen Selbstversuchs: Die Skepsis übernimmt

  1. All English Matters sagt:

    Hey, check this out: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6060866/

    Results:
    Lead was found in 65% of 252 Ayurvedic medicine samples with mercury and arsenic found in 38 and 32% of samples, respectively. Almost half of samples containing mercury, 36% of samples containing lead and 39% of samples containing arsenic had concentrations of those metals per pill that exceeded, up to several thousand times, the recommended daily intake values for pharmaceutical impurities.

    Conclusions
    Lack of regulations regarding manufacturing and content or purity of Ayurvedic and other herbal formulations poses a significant global public health problem.

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke Dir! Ist ja echt gruselig, und auf den Inhaltsstofflisten taucht
      davon nichts auf, obwohl es ja tatsaechlich keine Verunreinigungen in
      dem Sinne sondern absichtlich beigefuegte Zutaten sind. Krasse Welt, das
      Zeug will ich weder trinken noch es mir in den Hintern schieben…

      Gefällt 1 Person

  2. All English Matters sagt:

    The problem lies in a lack of oversight and regulation when it comes to alternative medicines. India is a wonderful continent with a million villages and tiny workshops. Anyone can fly in and buy products without having any idea of the true nature of the contents. It’s incredible that toxic metals like lead, cadmium and mercury are deliberately added to some Ayruvedic products for internal consumption.
    I can only assume it’s one way of making a killing.

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