Dia(b)log: Meine Hilfsmittel für PC-Arbeit und Texterei

Aus einer spannenden Begegnung in der Blogosphäre – oder vielleicht auch nur über den Gartenzaun in Bloghausen – hüpften mir neue Dia(b)llog-Fragen entgegen. Das ist super, denn ich glaube, diese Fragen stellen sich viele Leser*innen meines Blogs, nur stellen die Meisten sie wohl nur sich selbst und nicht mir 😉 Vielen Dank daher an Martina vom „Und sonst so?„-Blog, dass sie mich nun zu dieser öffentlichen Antwort angestiftet hat!

Sie schreibt: „Ich gehe mal davon aus, dass du ein Vorleseprogramm hast, das dir die Texte vorliest. Werden dir dann auch verknüpfte Links im Text vorgelesen? Wie machst du es mit deinen eigenen Texten beim Schreiben? Verwendest du Diktiersoftware, Brailletastatur/-schrift oder eine andere Tastatur? Und wie kannst du sicher sein, dass deine Texte dann richtig geschrieben/korrigiert sind?“

Ok, wo fange ich an? Eigentlich könnte ich das fast alles in einem einzigen Satz beantworten, aber dabei kann ich kommunikatives Etwas es natürlich unmöglich belassen. Der eine Satz wäre: Ich nutze zum Lesen langer Texte eine Sprachausgabe und zum schreiben und bearbeiten von Texten eine Braillezeile, wobei ich darauf nur lese und auf der ganz normalen Laptoptastatur schreibe.

Und jetzt die Langversion mit Erklärbär-Faktor:

Ich nutze, wie wohl annähernd alle blinden Menschen, am Computer eine sog. Screenreadersoftware. In meinem Fall ist das NVDA, der meines Wissens einzige Open Source Screenreader für das von mir eigentlich so verhasste und aus ideologischen Gründen abgelehnte Windows – nein, nicht wegen Bill Gates sondern wegen der Tatsache, dass es sich um kommerzielle und nicht quelloffene Software handelt.

Ein Screenreader ist, wie der Name schon sagt, einerseits tatsächlich eine Vorlesesoftware. Jede Taste, die ich drücke, jedes Bedienelement, das ich mit dem Cursor ansteuere und jeder Text, über den ich mit dem Fokus wandere, wird von einer synthetischen Stimme vorgelesen. Sprachausgaben klingen heutzutage regelrecht natürlich – von gelegentlich unterhaltsamen Aussprachewirrnissen wie „Unsicherheitsrat“ statt „UN-Sicherheitsrat“ einmal abgesehen. In den späten 1980er Jahren, als ich ein solches System zum ersten Mal ausprobieren durfte, klang soetwas noch wie eine monotone Roboterstimme aus der Blechdose. Heute haben synthetisierte Stimmen vielfach einen fast menschlichen Klang und Dank der Analyse von Interpunktion und Satzstrukturen eine richtige Sprachmelodie. Für längere Texte nutze ich die Sprachausgabe gern, weil ich eine faule Sau bin und – tadaa, Überleitung! – die Brailleschrift ein bisschen zu spät gelernt und wegen meines damals noch recht ausgeprägten Sehrests nicht genug geübt habe. Es war klar, dass ich sie zunehmend brauchen würde, je länger in der Schule die Texte wurden, aber als Kind wollte ich das nicht einsehen. Inzwischen käme ich ohne gar nicht mehr zurecht, weil sich mein Sehrest ja schon vor über einem Jahrzehnt verdünnisiert hat.

Ja, ich nutze am Computer auch die Brailleschrift, Punktschrift oder Blindenschrift. Dass geschieht mittels einer Braillezeile, einem Ausgabegerät, das als kleines, längliches Kästchen vor der Tastatur liegt und auf einer Plastikleiste die aus jeweils acht Punkten bestehenden Buchstaben des Computerbraille darstellt. Jedes Braillemodul bildet einen Buchstaben. Es hat acht Löcher, in denen acht kleine Plastikstifte sitzen, die via Piezzo-Technik nach oben gedrückt werden können. Die Plastikstifte, deren Enden die Punkte des gerade gewünschten Buchstaben bilden, werden also hochgedrückt, die anderen werden unten gehalten. Das passiert in Sekundenbruchteilen, ich kann also auf der Braillezeile genauso schnell scrollen wie Ihr auf dem Bildschirm. Es gibt Braillezeilen in unterschiedlichen Längen von 20 bis 80 Braillemodulen. Wie gesagt, jedes Modul ist ein Buchstabe. Ich habe zu Hause eine Zeile mit 40 Modulen und für die Arbeit und den mobilen Einsatz eine mit 32 Modulen. Da ich eh nur mit sechs Fingern effektiv lesen kann (Zeige-, Mittel- und Ringfinger beider HÄnde) reicht das völlig, ohne Scrollen gehts eh nicht.

Um beispielsweise Texte korrekturzulesen, ist die Braillezeile für mich unerlässlich. Viele Fehler höre ich auch heraus, wenn die Sprachausgabe sie vorliest und Wörter daraufhin seltsam ausspricht oder Sätze wegen falsch gesetzter Interpunktion falsch betont. Aber zum ernsthaften Überprüfen der Recht- und vor Allem groß-klein-Schreibung reicht das bei Weitem nicht. Ohne ein Wort im Zweifelsfall Buchstabe für Buchstabe durchgehen zu können, würde ich mich als Texterin verloren fühlen. Und wenn ich die vor Tipp- oder Diktierfehlern strotzenden -textlichen Ergüsse reiner Sprachausgabenutzer*innen lese, kann ich mich nur fremdschämen. Mit den Cursor-Rooting-Tasten der Braillezeile kann ich sogar jeden Buchstaben direkt anspringen, so wie Ihr mit der Maus darauf klicken würdet. Eine Maus nutze ich übrigens gar nicht. Wenn ich hier von Cursor schreibe, meine ich das blinkende Ding im Text oder die Markierung in Menüs, die die Auswahl eines bestimmten Menüpunkts anzeigt.

Angesteuert wird die Braillezeile ebenfalls über die Screenreader-Software, so dass sie im Wesentlichen die gleichen Informationen liefert wie die Sprachausgabe. Sie ist, wie oben schon geschrieben, in erster Linie ein Ausgabegerät. Sie hat zwar ein paar Steuertasten und eben das Cursor-Rooting über jedem Braillemodul, aber eine Tastatur in dem Sinne ist sie nicht. Viele Zeilen haben eine Braille-Tastatur eingebaut, also Tasten, in denen sich die Punktkombinationen quasi abbilden. Da ich Braille zu tipppen unglaublich mühsam und nervig finde, haben meine beiden Zeilen aber keine solchen Tasten. Ich tippe auf der ganz normalen Laptoptastatur zehn-Finger-blind – haha 🙂 Das beherrsche ich seit krassen 30 Jahren, weil ich mit 9 oder 10 einen Schreibmaschinenkurs gemacht habe. Auf einer Blindenschule war ich nie und habe mich daher mit Blindentechniken und dem Computer hauptsächlich in meiner Freizeit beschäftigt.

Diktiersoftware am PC habe ich noch nicht ausprobiert, am Smartphone hasse ich sie aber wie die Pest, weil sie mich ständig misversteht. Außerdem kann ich nicht beim Reden denken oder beim Denken reden, was das Diktieren von Texten quasi unmöglich macht, wenn sie erst derweil entstehen. Beim Tippen kann ich das super. Ich kann Sätze und Gedankengänge anfangen, von denen ich noch keine Ahnung habe, wie sie enden – Schreiben und Denken fließen dabei tatsächlich ineinander. Und es ist auch viel einfacher, einmal Geschriebenes wieder zu editieren und zu verändern. Keine Ahnung, wie das mit einer Diktiersoftware gehen würde. Da müsste ich wohl total linear alles genau in der Reihenfolge denken und diktieren, wie ich es hinterher da stehen haben wollte. So sortiert bin ich aber nicht. Druckreif formulieren kann ich nur auf haptischem und chaotischem Weg, also mit den Fingern tippend und anschließend Wörter umsortierend. Frei vor Publikum sprechen kann ich im Gegensatz dazu übrigens komischerweise gut, nur vor einem künstlich intelligenten Digitaldingens geht es absolut nicht.

Achja, und dann war da noch die Detailfrage nach den Links. Ja, wenn ein Wort oder Satz in einem Text ein Hyperlink ist, sagt die Sprachausgabe das dazu und auf der Braillezeile steht vor dem betreffenden Textteil ein Kürzel, das sogar zwischen schon besuchten und noch unbesuchten Links unterscheidet. Darauf kann ich dann auch mit den Cursor-Rooting-Tasten klicken und den Link so direkt ansteuern. Auch andere Navigationselemente, Menüpunkte, Buttons, Eingabefelder etc. funktionieren so.

Eine sehr gute und ausführliche Beschreibung, wie blinde Menschen am Computer arbeiten, findet Ihr auch auf Lydias Welt. Dieses Blog ist sehr empfehlenswert, wenn Ihr mehr über den Alltag blinder Menschen erfahren wollt. Wie sehende sind natürlich auch blinde Personen Individuen und nicht alle machen alles genau gleich, aber Vieles, was Lydia beschreibt, ist durchaus repräsentativ und allgemeingültig.

 

6 Gedanken zu “Dia(b)log: Meine Hilfsmittel für PC-Arbeit und Texterei

    1. kommunikatz sagt:

      Das freut mich 🙂 Ich komme blöderweise nie von allein darauf, über solche dinge zu schreiben, weil sie für mich so normal und dadurch eben überhaupt nicht interessant sind. Deshalb ist diese Fragen- bzw. Dialog-Geschichte für alle Beteiligten inkl. mich so spannend.

      Gefällt 3 Personen

    2. Christian W. sagt:

      Von mir auch danke, tatsächlich habe ich mich so was schon mehrfach gefragt – aber noch nie genug Zeit gefunden, dazu mal zu recherchieren. Randnotiz vom Profi: Gemessen am Rechtschreib-Niveau im Internet allgemein ist die Vertipper-Quote hier noch angenehm niedrig. Chapeau!

      Gefällt 1 Person

      1. kommunikatz sagt:

        Danke. Naja, wie ich ja schrieb: Ich bin als Texterin und Sprachwissenschaftlerin da ein bisschen eitel und versuche, Vertipper möglichst zu vermeiden 😉
        Wie ich aber andererseits auch schrieb, bin ich eine faule Sau. Daher gehen mir immer schonmal welche durch. So kommt dann wohl die von Dir genannte niedrige Quote zustande 😉

        Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Gern geschehen! Es war tatsächlich mal an der Zeit für so einen Beitrag und ich bin richtig ddankbar für den Anstoß, endlich mal wieder etwas zu schreiben, das nicht vor Selbstmitleid trieft sondern sowas wie Leichtigkeit hat. Ja, das ist die Richtung, in die ich weitergehen muss 🙂 das und der alberne Quatsch 🙂

      Gefällt 2 Personen

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