Wie Technik mein Leben verändert

Nun hat auch das „anders und doch gleich„-Blog, in dem ich vor einiger Zeit ein paar Gastbeiträge veröffentlicht habe, seine erste Blogparade ausgerufen. Carina und das Blog-Team wollen wissen, wie Digitalisierung und technische Entwicklung unsere Leben verändern. Das ist eine spannende Frage, denn als Kind der frühen 1980er Jahre habe ich mich quasi parallel zur Technik entwickelt und wurde unmittelbare Zeugin vieler Zwischenstadien – wovon ja auch der aktuelle Zustand nur eines ist.

Die ersten technischen Hilfsmittel nutzte ich schon als damals noch hochgradig sehbehindertes Grundschulkind. Zu dieser Zeit hatte ich ein Bildschirmlesegerät, eine Art elektronische Lupe, mit schwarz-weiß-Röhrenmonitor. bei meinem Betrachtungsabstand von wenigen Zentimetern, bei dem ich die riesenhaft vergrößerten Buchstaben oder Bilder auf der Mattscheibe erkennen konnte, muss ich mein Gehirn ordentlich gegrillt haben – ähnlich wie beim abendlichen Fernsehen, wo ich ebenfalls höchstens 20 Zentimeter vor bzw. wegen meines periferen Sehrests eher neben der Kiste saß. Irgendwann gesellte sich in der fünften oder sechsten Klasse eine elektrische Schreibmaschine dazu, deren Nutzung ich jedoch höchst frustrierend und ineffektiv fand, hatte ich doch keinerlei Chance, zu lesen, was ich bereits geschrieben hatte. Verlor ich den Faden, konnte ich nicht herausfinden, wo ich stehengeblieben war.

Das änderte sich erst, als ich in der siebten Klasse einen Laptop bekam. Laptop konnte mensch das Gerät eigentlich nicht nennen, denn es ähnelte eher einer mobilen Nähmaschine. Daher trug es auch schnell den Spitznamen „Nähmaschinenrechner“. Es war ein Kasten in der Größe und mit dem Gewicht eines kleinen Towers, nur hatte es oben einen Tragegriff und seitlich eine kabelgebundene, abnehmbare Tastatur, hinter der sich der gar nicht so kleine Bildschirm verbarg. Stellte Mensch das kofferartige Ding auf einen über dem Schreibtisch erhöhten Schwenkarm, nahm die Tastatur ab und stellte diese darunter auf den Tisch, ergab sich eine recht komfortable Arbeitsposition. Der damals höchst innovative TFT-Monitor hatte einen starken Nachzieheffekt. Wenn ich mit den Fingern darüber fuhr, konnte ich die vergrößerte Schrift aus der Form fließen lassen, was mir enorm gut gefiel Außerdem wurde beim Lesen zumindest von diesem Gerät meine Denkwaffel nicht weiter gebacken – dankeschön.

Den Nähmaschinenrechner nahm ich wegen seines Gewichts von einigen Kilo und seiner Empfindlichkeit nicht jeden Tag mit nach Hause sondern schloss ihn in der Schule in einem eigens dafür angeschafften Schrank ein. Zu Hause hatte ich aber schon seit Beginn meiner Gymnasialzeit eine ähnlich lustige Hilfsmittelausstattung. Diese bestand aus einer ganzen Reihe von Komponenten. Zunächst war da der alte 386er PC. Wie auf dem Schul-Laptop lief auch hier DOS in einer Version mit einer 5 oder 6 am Anfang. Die Textvergrößerung machte aber keine Software sondern ein zusätzlicher Rechner, der als etwas kleinerer Schneider-PC hinter dem eigentlichen Tower stand. Dieser hatte eine eigene Maus, mit der die Lupenposition der Vergrößerung gesteuert wurde. Verschob ich die Lupe, die als dicker, knallroter Streifen über den monströsen 21″-Röhrenmonitor wanderte, ertönte ein PC-Speaker-Begleitsound, der nerviger kaum hätte sein können und sich nicht abschalten ließ. Als Kind fand ich das nicht schlimm, aber das Geräusch erinnerte frappierend an ein primitives Autorennspiel.

Zu allem Überfluss gab es dann noch einen Scanner und ein weiteres Kästchen, das auf einem kleinen brett unter dem Schreibtisch saß und die Sprachausgabe des Vorlesesystems beherbergte. Scannte ich ein Dokument ein, wurde es von einer synthetischen Stimme vorgelesen, die kaum Betonung, Satzmelodie oder sinnvolle Ausspracheregeln beherrschte – wir sprechen hier über Technik aus den 80er Jahren. Das Kurrioseste am Lesephon – so hieß das Vorlesesystem – war aus meiner heutigen Erinnerung die Tatsache, dass es das Nummernzeichen, also den heutigen Hashtag, immer als „Gartenhark“ vorlas. Das At-Zeichen hieß auch nicht einfach „Klammeraffe“ sondern irgendwas wie „Affenschwanz“, aber dieses Zeichen gab es nur als Scanfehler. Meinen ersten Internetzugang und eine e-Mail-Adresse hatte ich erst Jahre später.

Wegen der immer länger werdenden Texte, mit denen meine Augen nicht mehr in annehmbarer Geschwindigkeit zurechtkamen, bekam ich gegen Ende der Mittelstufe in der Schule einen richtigen Laptop mit einer Braillezeile. Texte und Arbeitsblätter wurden mir nun in Punktschrift ausgedruckt. Gelernt hatte ich die Schrift schon am Ende meiner Grundschulzeit – wenn auch unter Protest. Nun war ich froh, dem Drängen meines Vaters nachgegeben zu haben: In Schwarzschrift hätte ich die Textmengen nicht mehr bewältigen können. Ein paar Schulbücher und vor allem die Lektüren für den Deutsch- und Englischunterricht las ich jetzt sogar als dicke, Regalbretter füllende Punktschriftwälzer. So machte ich im Jahr 2000 mein Abitur – den Schul-Laptop noch immer im Schrank einschließend, obwohl ich dafür einen Rucksack hatte und der Rechner „nur“ rund viereinhalb Kilo wog – 10% meines damaligen Körpergewichts.

Die ersten Semester meines Studiums mogelte ich mich beinahe ohne Hilfsmittel durch. Zu Hause hatte ich natürlich einen Rechner mit Vergrößerungssoftware und Scanner sowie ein inzwischen deutlich neuzeitlicheres Bildschirmlesegerät, mobile Hilfsmittel für Seminare und Vorlesungen waren aber Fehlanzeige. Ich informierte mich immer mal wieder über Möglichkeiten, aber alle verfügbaren Lösungen gingen auf unterschiedliche Art und Weise an meinem Bedarf vorbei. Laptops und Braillezeilen waren noch immer klotzig schwer und groß, brauchten dauernde Stromversorgung und passten weder auf meinen Schoß noch auf die klassischen Hörsaal-Klapptische. Die Notizgeräte, bei denen Braillezeile und Textverarbeitung ohne zusätzlichen Laptop in einem Gerät kombiniert waren, verfügten alle nur über Brailletastaturen – blöd für mich, die ich die Brailleschrift zwar passabel lesen aber nicht schnell schreiben konnte. Nach einem guten Jahr legte ich mir dann aber – hauptsächlich wegen meines hochschulpolitischen Engagements – einen Laptop und eine dann endlich verfügbare, annehmbar portable Braillezeile zu.

Seither habe ich diese Hilfsmittelausstattung vom Grundprinzip her beibehalten, nur die Geräte selbst tauschte ich natürlich hin und wieder aus. Das Bildschirmlesegerät wurde vor gut zehn Jahren überflüssig, da mein Sehrest wegen einer beidseitigen Linsentrübung auf eine graue hell-dunkel-Suppe zusammenschmolz – auch gut, mehr Platz auf dem Schreibtisch und zwangsweise mehr Routine in der Nutzung der Brailleschrift.

Über meine diversen Betriebssystemwechsel lasse ich mich jetzt nicht lang und breit aus. So viel sei aber gesagt: Ich habe von Dos über Windows 3.1 bis Windows 10, zwischenzeitlich die Linux-Distributionen Suse, Debian und Ubuntu bis hin zu Mac OS schon alles benutzt – von Linux kam ich nur wieder ab, weil es ohne eine*n fachlich versierten Informatiker*in mit Hang zu Open Source und Skriptbastelei schlicht nicht möglich ist, ein barrierefrei funktionales System aufrechtzuerhalten. Tatsächlich habe ich vor der Trennung von meinem Mann auch mit diesem Thema gehadert, denn es hieß nicht nur, eine nicht mehr funktionierende Partnerschaft und Liebesbeziehung zu beenden, sondern auch, mich von der mir eigentlich so wichtigen Open Source Idee zu verabschieden.

Trotzdem ist Technik der einzige Lebensbereich, in dem ich mich mit fug und Recht als Konservativ bezeichnen kann. Wenn etwas funktioniert, nutze ich es, bis es auseinanderfällt. Ich hasse es, mich umständlich in neue Lösungen einarbeiten und mir anfangs unlogisch und umständlich erscheinende Abläufe aneignen zu müssen. Handbücher lesen finde ich grauenhaft – trial and error führt aber meistens nur zu Chaos und Dysfunktionalität – error eben.

Dennoch glaube ich, mehr von den Hintergründen der Technik zu verstehen, als die meisten Digital Natives. Ich bin Jahrgang 1981, hatte aber das Glück, viel früher als die meisten Anderen in meiner Generation einen Computer zu besitzen und viele Dinge ohne diesen gar nicht machen zu können. Dadurch entwickelte ich Routine und ein gutes Grundverständnis. In der Zeit, als Verzeichnisbäume noch logisch und Benutzer*innen-Oberflächen noch nicht graphisch waren, kam dieses Grundverständnis beinahe freihaus. Hilfreich war auch, dass mein Vater als Elektroniker, der Zeit seines Berufslebens Industriemaschinen baute und programmierte, mir eine Menge erklären und auch viel Faszination wecken konnte. Schon als Grundschülerin stöpselte ich im Physikunterricht und dann auch nachmittags Zuhause kleine Stromkreise mit Schaltern und Glühlämpchen oder Leuchtdioden zusammen, baute dafür Lampenschirme aus Schneckenhäusern und war begeistert von einer Blinkerlampe mit Bimetall.

Aber wenn es zu komplex wurde, verlor ich schon immer schnell das Interesse. Ein Smartphone mit Touchscreen auszuprobieren, war mir Jahre lang ein Gräuel. Ein Handy hatte ich seit 1998 und habe bis heute die gleiche Nummer. Lange bediente ich meine Mobiltelefone im Tastatur-Blindflug und benutzte sie daher wirklich nur zum Telefonieren. Da ich, ohne das Display zu sehen, keine Menüs oder Telefonbücher bedienen konnte, hatte ich alle wichtigen Telefonnummern im Kopf und tippte sie für jeden Anruf per Hand ein. Erst viele Jahre später mit Sprachausgabesoftware auf einem Nokia-Handy begann ich, unter Protest SMS zu schreiben. Ich war untröstlich, als mein altes handy das Zeitliche segnete.

Eine Freundin musste mir ihr ausgedientes iPhone 5 geradezu aufdrängen, damit ich wieder ein Mobiltelefon hatte. Dieses alte Gerät benutze ich noch immer, meist unter lautstarkem und unflätigem Fluchen, weil das Ding fast nie tut, was ich von ihm will. Ihr könnt Euch vorstellen, dass ich erstens aufgrund dieser Einstellung und zweitens wegen des Alters meines Telefons kaum Apps nutze und die vielen, tollen, gerade für blinde Menschen so hilfreichen Errungenschaften nur vom Hörensagen kenne.

Was ist nun meine Antwort auf die Frage der Blogparade? Schwer zu sagen. Technik beeinflusst mein Leben zweifellos, aber ich glaube, ich habe mich immer ein Stück weit dagegen gewehrt, es dadurch zu stark verändern zu lassen. Ich verlasse mich sehr ungern auf Technik, weil ich ihr nicht traue. Sie kann ausfallen, der Aku kann leer sein, die Software fehlerhaft oder ich zu verpeilt, um sie richtig zu bedienen. Meine körperlichen Fähigkeiten wie beispielsweise die Motorik oder Sensibilität meiner Hände können durch meine MS Schaden nehmen – tausend Dinge können passieren, die die Technik für mich plötzlich unzugänglich machen. Wenn ich mich einmal von solcher Technik abhängig gemacht hätte, wäre das Ärgernis umso größer.

Viele technische Möglichkeiten finde ich auch schlicht zu unpraktisch. Als ich beispielsweise einmal ein Navi für blinde Fußgänger*innen ausprobiert habe, überforderte es mich völlig, gleichzeitig auf die Geräusche und Bewegungen um mich herum zu achten und der Stimme zuzuhören, die mir via Kopfhörer Richtungsanweisungen und Informationen über meine Umgebung gab. Gleichzeitig dann auch noch mit meiner Führhündin zu kommunizieren, führte zu totalem Information Overload, was mich orientierungsloser machte als ohne Navi. Ähnlich waren meine Erfahrungen mit einem Handscanner zum Lesen von Barcodes auf Produkten im Supermarkt, um diese dann mit einer Datenbank abzugleichen und so die Produkte zu identifizieren. In einer hand das Blindenführhundgeschirr mit vor der Kühltheke gerne mal unkonzentriertemHund, in der anderen Hand die Leine, in der dritten Hand den Scanner, in der vierten das Handy, das die Software enthielt, und in der fünften das zu scannende Produkt – merkt Ihr was?

Also, ich bin technikkritisch und vielleicht auch einfach nur faul, aber ich bin verdammt gespannt auf die anderen Beiträge zu dieser Blogparade! Vielleicht finde ich ja darin etwas Technisches, was mein Leben ernsthaft zum Positiven verändert und nicht immer nur noch komplizierter macht. Oder möchte ich doch lieber die Welt um mich herum ohne digitale Filter und elektronische Ablenkung wahrnehmen und dabei vielleicht etwas beschränkt aber zumindest doch so achtsam und stromsparend wie möglich leben?

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2 Gedanken zu “Wie Technik mein Leben verändert

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