Back on the Chain Gang

34715821873_f330a0e235_kProtesters near Maastricht. Photo copyright: Gary Evans

Am vergangenen Sonntag fand die seit Langem größte Anti-Atomkraft-Protestaktion in der Euregio statt. Ein breites Bündnis vieler Organisationen hatte zur Kettenreaktion aufgerufen, einer trinationalen Menschenkette durch Belgien, die Niederlande und Deutschland. Die 90km lange Strecke, auf der laut Organisator*innen 60.000 Menschen sich die Hände reichen sollten, erstreckte sich vom pannengeschüttelten und mit Rissen im Druckbehälter des Reaktors 2 durchzogenen AKW Tihange über Maastricht bis Aachen.

Gäbe es in einem der drei Druckwasserreaktoren von Tihange einen größeren Störfall, wäre das gesamte Dreiländereck verstrahlt und unbewohnbar. In diesem Bewusstsein lebt die Aachener Bevölkerung spätestens seit dem Jahr 2012 – seit immer mehr und immer größere Risse im Druckbehälter von  Tihange 2 entdeckt wurden und seit alle drei Reaktoren aus den 70er und 80er Jahren wegen kleinerer Störfälle und diverser Probleme immer wieder vom Netz genommen werden, nur um dann kurz darauf wieder anzulaufen. Protest gegen die belgischen Rissereaktoren in Tihange und Doel ist in Aachen und inzwischen in ganz NRW so etwas wie Staatsräson. Stadt, Städteregion und Landesregierung fordern die belgischen Behörden und den AKW-Betreiber Electrabel immer wieder zu Maßnahmen auf, die Städteregion zog Anfang 2016 sogar gemeinsam mit Greenpeace gegen den Weiterbetrieb der Reaktoren vor Gericht.

Fast kann der Eindruck entstehen, der Kampf gegen die belgischen Atomkraftwerke sei für die Städteregion Aachen eine willkommene Ablenkung von den riesigen Braunkohletagebauen vor der eigenen Haustür. Darum kann mensch sich natürlich nicht kümmern, solange mensch sich mit dem Nachbarland über Atomkraft streitet – auch wenn die irreversiblen Klimaschäden durch die Braunkohle keinen Deut besser oder ungefährlicher sind als die Effekte eines Super-GAUs. Sich auf Probleme zu konzentrieren, auf die mensch direkt gar keinen Einfluss hat, ist ein hervorragendes Ausweichmaneuver – und wer kann etwas dagegen Sagen, wenn sich eine ganze Region gegen eine solche Gefahr wehrt?

Es gab eine Zeit, als mir selbst, wie großen Teilen der Befölkerung, die Folgen der Kohleverstromung kaum bewusst waren. Ich wusste, dass Kohle das Klima zerstört, aber dass diese Zerstörung so rapide und drastisch ist, machte ich mir nicht klar. Deshalb fühlte sich auch für mich damals die von Tihange und anderen AKWs ausgehende Gefahr viel unmittelbarer und größer an und ich nahm regelmäßig an Protesten gegen Atomkraft teil. Auch jetzt, wo ich mich viel aktiver gegen Braunkohle als gegen Atomkraft einsetze, habe ich die Gefahr noch deutlich vor Augen. Natürlich hängt auch in meinem Fenster ein „Stop Tihange“-Plakat und auf meinem Laptop klebt neben dem „Fossil Free“-Aufkleber auch einer gegen Atomkraft. Es ist und bleibt eine Abwägung zwischen Pest und Cholera – zerstörerisch und fatal sind beide Formen der Stromerzeugung, nur die Art der verheerenden Effekte ist unterschiedlich. Atomkraftwerke ruinieren im Fall eines GAUs ihr direktes Umfeld und den Bereich des etwaigen Fallouts. Kohleverstromung ruiniert permanent schleichend – oder rasend – das gesamte Weltklima, egal, wo die Kohle verbrannt wird.

Seit die Planung der Menschenkette begonnen hatte, sahen wir die Aktion kritisch. So viele Menschen zu mobilisieren, wirkte auf uns unmöglich. Der organisatorische und finanzielle Aufwand erschien uns viel zu groß, dafür, dass das gesamte Projekt eigentlich zum Scheitern verurteilt und ohnehin reine Symbolpolitik war. Dennoch war völlig klar, dass wir teilnehmen würden, damit es zumindest nicht an uns scheiterte. Es gab viele Ideen: Wir wollten die Anti-Atom- und die Anti-Kohle-Bewegung verknüpfen, den Leuten klar machen, dass die Protestbewegungen und Energieträger nicht miteinander konkurrieren, dass die Bewegungen sich nicht gegeneinander ausspielen lassen dürfen und nur erneuerbare Energien die Lösung beider Probleme sein können. Wir hätten die rote Linie aus Paris oder den verschwINDEMANN in die Menschenkette einbauen können, wir hätten Flyer schreiben und verteilen können oder sonst etwas Aufsehenerregendes – zumindest hätten wir mit den Menschen reden und ihnen die Dinge erklären können. Letztendlich waren wir aber zu desorganisiert und es ergab sich keine Anti-Kohle-Gruppe, die sich gemeinsam zur Menschenkette anmeldete. Alle Anti-Kohle-Menschen schlossen sich verschiedenen anderen Gruppen an. So war kein koordinierter Anti-Kohle-Block möglich und wir machten einfach unser Ding.

Und das sah so aus: Die Strecke der Menschenkette führte genau an dem Baggersee vorbei, auf dem wir sowieso fast jedes Wochenende mit dem Boot verbringen. Wir fuhren also ein Stück in Richtung ufer, ankerten dort, fuhren noch ein paar Meter mit dem Beiboot an den Strand, liefen zwei Minuten und standen mitten in einem völlig unkoordiniert wirkenden Haufen von Menschen. Alle paar hundert Meter gab es solche Haufen und es wirkte nicht so, als könnte sich daraus irgendwie sinnvoll eine Kette formen. Doch irgendwann ordnete sich das Chaos, alle sortierten sich, fassten sich an den Händen oder verlängerten ihre Arme mit gelben Bändern, Fahrradketten, Hundeleinen oder was eben gerade da war – es entstand eine weit und breit lückenlose Kette.

Laut offiziellen Angaben gab es auf der gesamten Strecke nur kleinere Lücken, es hatten sich tatsächlich rund 50.000 Menschen mobilisieren lassen. Trotz aller – auch meiner eigenen – Unkenrufe war die Kettenreaktion ein gelungener Protest mit Strahlkraft. Nachdem wir einige Minuten lang für die Kameras in Hubschraubern und Autos als geschlossene Kette dagestanden hatten, löste sich das Ganze auch schon wieder auf, wir gingen zu unserem Kleinboot, fuhren zum Großboot und aßen in Ruhe zu Mittag. Eine entspanntere Möglichkeit, zu einer Protestaktion dieser Größenordnung beizutragen, kann ich mir kaum vorstellen. Abends, zurück in Aachen, trafen wir viele Menschen, die an unterschiedlichen Stellen Teil der Kette gewesen waren. Gemeinsam ließen wir den erfolgreichen Tag auf dem Weltfest des Eine Welt Forums ausklingen.

Ja, die Menschenkette war Symbolpolitik, aber welche Protestform ist das nicht? Symbolische Zeichen zu setzen ist der beste Weg, Aufmerksamkeit zu erregen, Diskurse zu gestalten und Bewusstsein zu schaffen. Auch der verschwINDEMANN ist ein Symbol, genau wie es die rote Linie ist. Vielleicht sollten wir uns die Kritik an den Symbolen der Anderen noch häufiger verkneifen und die Bewegungen auch in unseren eigenen Köpfen viel solidarischer miteinander verbinden. Es gibt genug gemeinsame Stränge, an denen wir ziehen können, zumal im Bereich Energiepolitik wirklich nur eine einzige, gemeinsame Lösung existiert: Erneuerbare Energie aus Sonne, Wind und Wasserkraft.

PS: Den Titel dieses Beitrags habe ich mir bei den Pretenders ausgeliehen – eigentlich hauptsächlich, weil das Lied während der Menschenkette einen gewissen Ohrwurmfaktor hatte.

2 Gedanken zu “Back on the Chain Gang

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