Kalt erwischt – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

„Mein Herr, darf ich etwas Schabernack mit euch treiben?“ Der Mann trug einen albernen Hut und einen Umhang, der aussah, wie eine Wolldecke. Das sollte wohl eine mittelalterliche Gewandung sein. Auf dem Festival spielten auch ein paar Bands, die im 90er-Jahre-Trend des Mittelalter-Rocks hängengeblieben waren. Linus hatte keine Lust auf Schabernack und schob den überdreht grinsenden und albern gestikulierenden Gaukler höflich aber bestimmt zur Seite. Wer war hier breit, er oder dieser Heini? Von sich selbst wusste Linus, dass er gerade einen fetten Joint geraucht hatte, aber der Kerl musste auch irgendwas Interessantes intus haben. Linus war auf dem Weg zum Gig seiner Lieblingsband, die eine Mischung aus Ska-Punk und dubbigem Reggea spielte. Das Festival und sein Publikum waren bunt und vielfältig. Einen Knallkopp, der sich bei schönstem Sommerwetter in eine Decke wickelte, konnte er trotzdem gerade nicht gebrauchen.

Er kämpfte sich weiter durch die fröhlichen Menschen. Bei ihm kam keine richtige Partystimmung auf. Erst vor einer Woche hatte Mira ihm die Brocken vor die Füße geworfen. Eigentlich hatten sie zusammen zum Festival fahren wollen – hatte sie zumindest bis zu ihrem Abgang behauptet, nur, um sich dann freitags abends mit dem Kommentar vom Küchentisch zu erheben „Das war unser letztes gemeinsames Abendessen, morgen ziehe ich um“.

Am nächsten Vormittag waren ein paar Freundinnen aufgetaucht, hatten ihre Habseligkeiten in Taschen und Bananenkartons gepackt, in ein Auto geladen und waren abgedampft. Abends hatte Linus dann gemerkt, dass sie sich noch großzügig an seinen Grasvorräten bedient hatte – die olle Opportunistin konnte ihn mal kreuzweise. Wer wusste, wo sie nun war?

Linus war verletzt und traurig, hatte sich aber vorgenommen, sich auf dem Festival abzulenken. Hier fand er bestimmt entspannte Leute, – vielleicht sogar eine nette junge Dame, die ihn trösten würde. Genug Gras hatte er auch dabei, also was sollte noch schiefgehen?

Die zu verwurstenden Wörter für diese abc.etüde waren Schabernack, breit und erheben. Wie immer durfte der gesamte Text höchstens 300 Wörter umfassen. Danke an die Etüden-Erfinderin Christiane und den Wortspender René von BerlinAutor!

7 Gedanken zu “Kalt erwischt – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

  1. Christiane sagt:

    Ah, gut! Ich überlege auch schon die ganze Zeit, in was für einem Setting „Schabernack“ als Wort nicht so auffällt.
    Mag ich, deine Etüde. Das ist so eine Sorte von schlichter Geschichte, wo man bereit ist, jedes Wort zu glauben. Fein! Gerne mehr davon!
    Liebe Grüße
    Christiane :-))

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    1. kommunikatz sagt:

      Hallo Christiane,
      danke 🙂 freut mich! Ja, ich hatte keine Lust, über Karneval zu schreiben und sonst fiel mir zu Schabernack nur irgendwas gekünstelt Mittelaltermäßiges ein – und auf der Schiene saß ich dann 🙂
      Bevor ich in die Etüden einstieg, dachte ich, ich schreibe sie so wie meine bisherigen Kurzgeschichten. Darüber sagte mal jemand, sie seien vom Stil her magischer Realismus. Bei den Etüden bin ich jetzt wohl bei vollkommen unmagischem Realismus gelandet – es sind Alltagsschnipsel, wo ganz bewusst und absichtlich gänzlich im Unklaren bleibt, wer gut, böse, im Recht oder im Unrecht ist. Alle sind kommunikative Katastrophen, dementsprechend kommt auch nur Murks raus. Haha, vielleicht sagt das einfach etwas über meine eigene derzeitige Lage aus! Alles nur Verarbeitungsstrategien… 😉
      liebe Grüße
      Lea

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      1. Christiane sagt:

        Ja, aber wer weiß, ob das auf Dauer so bleibt? Ich weiß nicht, ob du Zeit und Möglichkeit hast, bei den anderen Mitschreibenden zu lesen, aber da sind einige dabei, die herumprobieren, und ich finde, die Etüden sind dafür hervorragend geeignet.
        Magischer Realismus klingt übrigens auch ziemlich gut. 😁

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      2. kommunikatz sagt:

        Absolut, das Etüdenformat ist klasse und zum Experimentieren sehr schön. Insofern werde ich da sicher auch nicht bei einer einzigen Text- und Stilgattung bleiben 🙂

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