Atmen und leben – oder so …

Im Texttreff, dem besten Netzwerk wortstarker Frauen, wird auch dieses Jahr wieder geblogwichtelt. Das heißt, wir beschenken uns gegenseitig mit Gastbeiträgen für unsere Blogs. Dieses Jahr durfte ich die liebe Silke Bicker bewichteln, die letztes Jahr für mich einen Beitrag über das naturerleben mit allen Sinnen verfasst hat. Meinen diesjährigen Beitrag für sie findet Ihr hier.

Nun aber zum Wesentlichen, nämlich der spontanen quasi-abc.etüde, die mir von Heike Baller geschenkt wurde. vielen dank für diesen perfekt hier reinpassenden Text, liebe Heike!

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Atmen und leben – oder so …

Anne sitzt gerade. Versucht es zumindest.
Immer wieder sackt sie ein wenig zusammen und richtet den Rücken erneut auf. Das kann nicht so schwer sein. Und dabei an nichts denken …? Unmöglich.
Empört schaut sie auf diesen Gedanken. Sie muss doch nur sitzen, gerade sitzen, den Atem beobachten und nichts denken. Himmelherrgottnocheinmal – das muss doch zu schaffen sein.
Ein neuer Anlauf: Gerade sitzen. Den Atem beobachten. Nicht manipulieren. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Aus – die Waschmaschine, sie muss die Waschmaschine ausschalten. Ob das Wetter hält? Dann kann sie nach dieser Meditation – achja:
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Ein – wo sind die Briefe, die sie noch in den Kasten stecken muss? Auf dem Schreibtisch? Oder auf dem Schrank an der Tür? Briefmarken – hat sie die schon draufgeklebt? Sonst muss sie nach dieser Medi – achja:
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Einatmen.
Sind die fünf Minuten denn immer noch nicht vorbei?
Anne wirft einen verstohlenen Blick auf ihr Handy – waaaas? Noch drei Minuten …?
Soll sie es noch mal versuchen? Rücken gerade. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen. Weiter: Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
Der Gong der Meditationsapp erklingt – so schnell kann es gehen mit einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.
Anne bleibt noch einen Moment sitzen. Spürt, wo die Knöchel aufeinander liegen. Den leichten Schmerz im Knie. Richtet noch einmal den Rücken auf und lässt den Atem tief in den Körper fallen.
Geht doch!
Beschwingt steht sie auf. Der Blick aus dem Fenster zeigt: Wäsche raushängen ist nicht. Der Regen strömt nur so herab. Die Wasserströme auf dem Fenster mäandern. Was steht ihnen im Weg? Sollte sie mal wieder Fenster putzen? Ob sie dann gerade runterfließen? Wäre glatt einen Versuch wert. Aber klar, wenn die Fenster sauber sind, ist wunderschönes Wetter und wenn dann der Regen kommt, haben sich unsichtbare Staubteilchen festgesogen und verlangen Mäanderströme vom Regen.
Leben halt. Einatmen. Ausatmen.

Im Rahmen des jährlichen Blogwichtelns in unserem gemeinsamen Netzwerk Texttreff darf ich heute hier zu Gast sein. Ich bin Heike Baller, gebe Seminare rund um Recherche und biete seit mehr als 25 Jahren Recherche-Dienstleistungen an. Für den Text heute habe ich mir bei Twitter drei Wörter schenken lassen: gerade, Regen, wunderschön; sie kommen von @blablue. Anregung waren die Texte, die Lea selber hier geschrieben hat – nicht mehr als 300 Wörter und darin vorgegeben Begriffe.

6 Gedanken zu “Atmen und leben – oder so …

  1. puzzleblume sagt:

    Ein Erlebnis verhinderten Loslassens, das bestimmt schon vielen gelegentlich in Momenten begegnet ist, in denen man weder die Tages-Agenda noch irgendetwas anderes als die Gegenwart im Kopf haben wollte.
    Wie eine ABC-Etde geschrieben, aber mit minimal anderem Einstieg hätte der Text mit seinem in und her zwischen Meditaionssversuch und Wohnungsgegenständen bzw. Haushalt auch gutes Potential als Zimmerreise, finde ich. 🙂

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Stimmt, da steckt eigentlich alles drin, und dabei hat Heike den Beitrag geschrieben, bevor bei mir die Zimmerreisen zum Thema wurden und konnte davon definitiv noch nichts wissen 🙂 Manchmal gibt es tolle Zufälle. Auch, dass die Beschreibung sich so super mit meinen eigenen Meditationserfahrungen deckt, die oft ähnlich holprig aussehen, fand ich erstaunlich passend.

      Gefällt 2 Personen

      1. puzzleblume sagt:

        Ich glaube, die Anfangnsschwierigkeiten beim Sicheinlassen sind vergleichbar dem Moment, wo sich vor allem kleine Kinder erschrocken gegen das Einschlafen wehren. Da hält wohl irgendein Alarmempfinden Wache, das erst lernen muss, wann es gebraucht wird und wann nicht.

        Gefällt 1 Person

      2. kommunikatz sagt:

        Sehr treffend beschrieben! Genau dieses Alarmdings muss mensch lernen, abzuschalten oder zu ignorieren bzw. wenn es zuschlägt, schnell wieder die Kurve kriegen und sich nicht „festdenken“. Das ist reine Übungssache, ich sollte also einfach mal mehr üben.

        Gefällt 1 Person

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