Faden gerissen

Seit dem vergangenen Sommer ist mein ohnehin schon lange dünner und spröder Kreativitätsfaden gerissen. Im Mai schrieb ich meine letzte abc.etüde, danach wollte mir partout nichts Fiktionales mehr einfallen. Und selbst die Etüde beruht auf einem realen Ereignis, um das ich nur eine Geschichte herumspinnen musste. Die letzte Zimmerreise veröffentlichte ich Mitte Juni zum Buchstaben M. Die ganze zweite Hälfte des Alphabets habe ich inzwischen verpasst, obwohl ich zu einigen Buchstaben durchaus Ideen gehabt hätte. Aber Schreiben ging irgendwie nicht. Ein paar wenige Beiträge zu meinem allgemeinen vor-mich-hin-Leben bekam ich zusammen, aber ohne die diversen Pressemitteilungen der zweiten Jahreshälfte wäre es in meinem Blog sehr still geworden. Sogar das Blogwichteln in meinem Lieblingsnetzwerk, dem wunderbaren Texttreff, lasse ich dieses Jahr aus. Es ist mir einfach zu unkalkulierbar, ob ich etwas zustande bringe oder nicht.

Vielleicht geben die wenigen persönlichen Beiträge aus diesen Monaten einen Einblick in meine Verfassung und erklären ein Stück weit meine Unfähigkeit, Gedanken in die Tastatur zu hacken. Aber warum ich überhaupt in diese Breduille kam und vor allem, wie ich wieder herauskommen kann, sagen sie leider nicht.

Ich weiß, dass ich eigene, kreative Texte nur schreiben kann, wenn eine Idee mich überfällt und mir im Nacken sitzenbleibt, bis ich sie in Worte fasse. Am besten läuft es, wenn die Worte einfach aus mir heraus in die Tasten fließen. Das tun sie manchmal – auch jetzt, an einem Samstag Abend, spüre ich einen Anklang davon. Aber es ist eben nur ein Abklatsch dessen, was ich aus der Vergangenheit von mir kenne. Seit Monaten ist Schreiben ohne klaren Auftrag von außen unsäglich schwierig geworden. Es gibt kaum noch Momente, in denen Einfälle mich anspringen und sich an mir festkrallen, bis Texte wie von allein auf meiner Festplatte wachsen. Diese raren Gelegenheiten zelebriere ich – sie sind selten und kostbar geworden.

Früher hatte ich ständig Schreibanfälle in allen erdenklichen Situationen und mit den unmöglichsten Auslösern. Inzwischen packt mich der Schreibimpuls nur noch, wenn ich stoned bin. Dann lockern sich meine Gedanken und schweben wie durchscheinende Wolken und duftige Seifenblasen ziellos dahin, anstatt in to-do-Listen gequetscht und zwischen den Anforderungen Anderer zerrieben zu werden. Das ist es wohl und ich schrieb es auch irgendwo schonmal: Mir fehlt Leichtigkeit. Die brauche ich zum Schreiben wie Atemluft.

Ich möchte wieder mehr schreiben, denn ich weiß, wie gut es tut. Leichtigkeit ist nicht nur eine Voraussetzung für das Schreiben sondern auch eine Auswirkung dessen. Wenn ich eine gute Idee habe und in einen Schreibflow komme,fühlt sich das leicht und erleichternd an. Aber ganz ohne Startimpuls geht es eben nicht. Irgendwoher muss gerade so viel Leichtigkeit kommen, dass sie mich in den Flow gleiten lässt. Das möchte ich auch ohne THC wieder hinkriegen, denn komplexere Stories sind mir zu anstrengend, wenn ich nicht geradeaus denken kann. Außerdem möchte ich auch gerne wieder tagsüber schreiben können, aber ich rauche prinzipiell nur abends.

Allein, dass ich diesen Beitrag schreiben kann und sich das gut anfühlt, deutet aber auf eine gewisse Besserungstendenz hin. Ich bin gespannt und werde diese Tendenz weiter beobachten. Vielleicht finde ich dann auch heraus, woher sie kommt und wie ich sie befördern kann.

8 Gedanken zu “Faden gerissen

  1. puzzleblume sagt:

    Dein Schreiben über das Schreiben oder auch das Nichtschreibenkönnens erinnert mich an eigene Verluste von Schreib-Impulsen, die früher aus inneren, heftigen Gemütsbewegungen kamen, die sich in Worten kanalisierten, und die durch Projekte mit ihren thematischen Anschubsern von aussen nur notdürftig ersetzt werden. Es ist besser als nichts, aber nicht dasselbe libidonöse Gefühl.
    Wie immer, wenn du über THC-Einflüsse schreibst, habe ich aber dazu mangels eigenem Gebrauch absolut nichts zu sagen.

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Mensch muss ja auch nicht alles aus eigener Erfahrung kennen. Du hast aber sehr Recht, dass es zwischen dem, was ich Schreibflow nenne, und der Libido tatsächlich große Gemeinsamkeiten gibt. Es ist etwas Mitreißendes, Unwiderstehliches, das eine*n manchmal einfach packt. Und vielleicht hat es sogar etwas miteinander zu tun: zumindest scheine ich Beides in letzter Zeit langsam wiederzufinden, nachdem es unterschiedlich lange und unterschiedlich intensiv verschwunden war.

      Gefällt 2 Personen

      1. kommunikatz sagt:

        Eigentlich ist das ja total logisch, fällt mir gerade auf: Meine Depression hat Beides abgewürgt und das Antidepressivum tut halt jetzt nach und nach, was es soll, und macht Dinge möglich, die vorher kaputt waren 🙂 Dass das THC im Ansatz ähnlich wirkt, erklärt auch seinen bahnenden Effekt.

        Gefällt 1 Person

      2. puzzleblume sagt:

        Freud war – wen wundert’s – der Überzeugung, dass es Zusammenhänge gäbe, und ich neige dem im Falle vom sublimierenden Drang, sich spontan kreativ ausdrücken zu „müssen“ tatsächlich zu, auch wenn das wohl, wie so vieles, auch kontrovers diskutiert wird.

        Gefällt 2 Personen

      3. kommunikatz sagt:

        Eben. Die Psychoanalyse wird daher ja auch von Leuten, die Ahnung von Psychologie haben, im Wesentlichen als Scharlatanerie betrachtet und nicht ernst genommen. Ich meine, mich zu erinnern, dass mir schon in der Einführungsvorlesung im ersten Semester sehr eindringlich erzählt wurde, dass Freud nichts mit heutiger Psychologie zu tun hat und von seinen Theorien ganz überwiegend doch bitte weiträumig Abstand zu halten sei 🙂

        Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.