Der Plüschhund im Bett – eine Zimmerreise

Meine liebe Mitbloggerin Puzzleblume hat das Schreibprojekt der Zimmerreisen ausgerufen. In Ermangelung echter Reisemöglichkeiten reisen wir im Kleinen, in unseren Zimmern, Wohnungen, Häusern oder Nachbarschaften, anhand eines Gegenstands, der uns auf eine gedankliche Reise schickt. Was das Ganze soll und wie es funktioniert, lest Ihr hier. Für die erste Runde soll die Reise von einem Gegenstand ausgehen, der mit den Buchstaben A, B oder C beginnt. Mein eigentlicher Gegenstand tut nichts davon, aber davon lasse ich mich nicht bremsen 😉 Schließlich liegt der Gegenstand an einem Ort, der mit B beginnt, nämlich in meinem Bett.

Meine erste Zimmerreise beginnt daher gleich neben meinem Kopfkissen. Dort liegt erst seit ein paar Tagen ein Plüschhund – also in diesem Fall ein tatsächlicher Plüschhund, nicht mein echtes, lebendiges Profiplüschtier. Viele der Stofftiere, die mich in meiner Kindheit begleiteten, besitze ich noch, sicher eingelagert auf dem Dachboden. Der Hund in meinem Bett ist aber neueren Datums. Ihn fanden mein Ex-Partner und ich vor einigen Jahren auf dem Sperrmüll, zusammen mit einem riesigen Teddybären. Während der Teddy in verschiedenen Konstellationen und Ausstattungen von einer roten Bandana bis zu einer blauen Krawatte zum Protest-Utensil und Hingucker auf Klimaschutz-Demos wurde, fristete der Hund ein etwas vernachlässigtes Dasein.

Es handelt sich um einen fast lebensgroßen, allerdings sehr unzureichend ausgestopften und daher eher labberigen Golden Retriever. Das Maul ist offen und die samtige Zunge hängt raus, aber sie lässt sich auch aufrollen und ins Maul stopfen, das dann mit einem kleinen Klettverschluss schließbar ist. Ursprünglich gehörte zu diesem Hund, zumindest zu der mir aus dem großen, schwedischen Möbelhaus bekannten Variante, ein Welpe, der sich mit dem Klettverschluss am Maul der Mutterhündin befestigen ließ – leider fanden wir damals nur diese.

Letzte Woche entdeckte ich sie in der Garage wieder und steckte sie in die Waschmaschine, um sie nun endlich an ein Kind weiterzuverschenken, das damit vielleicht mehr anfangen kann als ich. Als ich sie weich und nicht mehr muffig zum Trocknen auf die Heizung legte, kamen mir aber Zweifel an diesem Plan. Wenn meine Hündin aus Fleisch und Blut irgendwann nicht mehr da wäre, würde ich mich sicher über etwas Tröstendes zum Festhalten freuen. Natürlich würde der Plüschhund mich nicht führen, abschlubbeln und anschnuffeln, aber zumindest wäre er kuschelig. Ich brachte es nicht übers Herz, dieses unförmige Stoffding in die Tüte mit den zu verschenkenden Kissen und anderen Plüschis zu stecken und drapierte es stattdessen neben meinem Kopfkissen.

Ich hatte nie Stofftiere im Bett, von kurzen Phasen abgesehen, wenn ich mal ein Bestimmtes auserkor, um irgendeinen Menschen zu vertreten, der gerade zu weit weg oder an mir zu desinteressiert war, um bekuschelbar zu sein. Dieser Hund vom Sperrmüllhaufen in der oberen Jakobstraße im Aachener Westen hat eine andere Funktion. Er passt auf und steht auf Abruf, wartet geduldig, bis ich ihn brauche.

Warum landete der Plüsch-Goldie auf dem Sperrmüll? Es ist ein billiges Ikea-Stofftier, Massenware ohne Individualität. Der Riesenteddy war allein wegen seiner Größe schon besonderer. Aber selbst der wurde einfach entsorgt. Menschen werfen so viel Gutes auf den Müll. Ob das einwandfrei genießbare Lebensmittel in Supermarktcontainern sind oder quasi neuwertige Möbel und Kleinkram auf dem Gehweg – warum tun die Menschen sowas? Warum wird mit Ressourcen nicht wertschätzender umgegangen? Warum bieten die Menschen das, was sie selbst nicht mehr brauchen, nicht einfach ihren Nachbar*innen, dem Sozialkaufhaus oder einer Hilfsorganisation an? Hygiene ist kein Argument, dieses Stofftier hat die Waschmaschine unbeschadet überstanden.

Der Stoffhund erinnert mich an meine frühere Wohnung, in deren Umgebung wir ihn fanden. Die Stelle, wo der Sperrmüllhaufen lag, ist nur einen Steinwurf vom Welthaus entfernt, wo ich arbeite, wenn ich nicht gerade im Homeoffice sitze. Ich mag dieses vielfältige, bunte, lebendige und zugleich ruhige Viertel. Vielleicht werde ich dort irgendwann wieder wohnen. Er erinnert mich an meinen Ex, mit dem ich nach wie vor befreundet bin und Müll rette – ich schätze und mag ihn auch weiterhin, nur kann und will ich ihn eben nicht mehr zu nah an mich ranlassen, weil er leider einfach ein unglaublich desorganisierter, anstrengender Knallkopp ist. Und er, also jetzt wieder der Hund, ist Vektor für all die Erinnerungen an den großen Teddy, den mein Ex mitnahm, nachdem er uns auf so vielen Protestveranstaltungen begleitete, wo er Kinder magisch anzog und Erwachsene gehörig verwirrte. Wer rechnet schon mit Divestment-Bear, der mit Superheldenumhang und RWE-Krawatte auf dem Kopf des verschwINDEMANNs sitzt?

26 Gedanken zu “Der Plüschhund im Bett – eine Zimmerreise

  1. puzzleblume sagt:

    Vielen Dank, Lea, du hast auf jeden Fall alles genau so geschrieben, wie es für Zimmerreisen sein sollte. Und so viele schöne Worte darin, wie Profiplüschtier und bekuschelbar … auch dass du den Begriff Nachbarschaft für einen möglichen Zimmerreiseort gefunden hast, der mir nicht in den Sinn kam – den möchte ich in die 2., die Februar-Einladung aufnehmen.
    Die Plüschtiergeschichte mit all ihren darinsteckenden Emotionen in Verbindung mit dem Realitätsbezug zur Wegwerfgesellschaft finde ich auch sehr gelungen. Ob derzeit weniger einkaufen zu können den Menschen vielleicht wieder näherbringen kann, sich auch mit den Dingen mehr zu beschäftigen, die man zuhause hat? Schön wär’s ja.

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke für dieses seelenbalsamische Feedback! Ja, so eine Art Entschleunigung des Konsums aufgrund der Pandemie-Einschränkungen wäre wirklich ein schöner Effekt.
      Das mit der Nachbarschaft als Reiseort ist gar nicht von mir. Ich dachte zumindest, es bei Dir oder im Artikel über die Zimmerreisen vom Redaktionsnetzwerk gelesen zu haben. Falls es doch auf meinem Mist gewachsen sein sollte, überlasse ich es dir aber sehr gern. Und ich freue mich schon sehr auf die nächste Runde, denn dieses Format liegt mir sehr – einfach ungebremst über kleine Alltagsdinge und ihre Hintergrundgeschichten reflektieren – wunderbar.

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      1. puzzleblume sagt:

        In dem Moment ist es wohk nicht so bei mir eingesickert wie bei dir. Freut mich, dass dir diese Schreibvariante liegt. Ich habe auch das Gefühl, es gibt unglaublich viele naheliegende Ausgangspunkte, die einem auf diese Weise neu begegnen können.

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      2. kommunikatz sagt:

        Das ist wahr. Wobei ich auch schon, bevor ich das Konzept der Zimmerreisen kannte, gelegentlich auf solche Reisen geraten bin, einfach weil mich irgendein Gegen-, Um- oder Zustand zum Nachdenken angestiftet hat. Manchmal habe ich solche Gedankengänge dann sogar aufgeschrieben – mein Blog ist eigentlich voll von küchenphilosophischen Betrachtungen, die so oder ähnlich entstanden sind.

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  2. pflanzwas sagt:

    Sehr schön erzählt und gut geschrieben, deine Zimmerreise, es liest sich alles so schön. Auch diese Gedankensprünge von Teddybär, Exfreund und Konsum sind dir gut gelungen. Ich habe auch gerade wieder so etwas erlebt und ein noch heiles Alpenveilchen aus der Biotonne gerettet, obwohl ich eigentlich kein Fan davon bin, aber genau wie du sagst: man kann es doch einem Nachbarn schenken oder an die Straße stellen. Ich verstehe sowas auch nicht. Den Moment, den Stoffhund doch nicht wegzugeben, kann ich gut nachvollziehen. Manchmal ist da was, etwas zum Liebhaben festzuhalten 🙂

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    1. kommunikatz sagt:

      Genau. Oh, mit dem Alpenveilchen bringst Du mich auf eine Idee. Es gab in meinem Leben mal einen Drachenbaum, der eine lange Odyssee machte, die ich nur teilweise kenne aber sehr gern beschreiben möchte. Der Baum ist zwar nicht mehr bei mir sondern inzwischen aufgrund seiner nicht mehr transportablen Ausmaße im Treppenhaus des Hauses, wo ich früher wohnte, aber vielleicht kann ich ihn trotzdem beim nächsten Mal bereisen 🙂 Dann ist ja auch der Buchstabe D dran, würde also passen.

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      1. kommunikatz sagt:

        Ist gebongt 🙂 Jedes Mal, wenn ich über diesen Drachenbaum (genannt „die Palme“) nachdenke oder spreche, befinde ich mich sofort auf dieser Reise, also schreibe ich sie einfach mal auf 🙂 Das passt einfach zu gut in das Zimmerreisekonzept.

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      2. kommunikatz sagt:

        Absolut. An meiner Postingfrequenz in den letzten Tagen ist schon sichtbar, dass ich gerade total im Blogstress bin 😉 Daher ist Vorräte anlegen wirklich eine gute Idee, aber jetzt brauch ich erstmal ein bisschen Schreibpause.

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      3. kommunikatz sagt:

        Genau, und das darf nicht sein, denn Schreiben soll Spaß machen und funktioniert ohne das bei mir auch gar nicht. Daher setze ich mich erst an den nächsten Text fürs Blog, wenn dieses Stressgefühl sich wieder verkrümelt hat 🙂

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      4. kommunikatz sagt:

        So weit ist er gar nicht gereist, nur ein paar Mal kreuz und quer durch Aachen. Dabei hat er sich aber von einem vertrockneten, höchstens 50cm Hohen Pflänzchen auf dem Müll dank guter Pflege durch verschiedene Leute auf seinen Zwischenstationen zu einem mehr als drei Meter hohen, mehrstämmigen und äußerst lustig knorrig-verwachsenen echten Baum entwickelt 🙂 Jetzt passt er nur noch ins hohe Altbautreppenhaus und ich hoffe, dort wird er noch sehr lange stehen dürfen. Bald besuche ich ihn mal wieder, glaub ich 🙂 Und das alles lässt ja noch außen vor, was ihm widerfuhr, bevor er auf dem Müll landete. Irgendjemand hielt da das Leben dieser Pflanze offenbar ja schon für beendet, was ein großer Trugschluss war, denn das ist über 10 Jahre her 🙂

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      5. pflanzwas sagt:

        Das zeigt doch wieder, daß man allem eine zweite Chance geben sollte. Toll, daß er sich so entwickelt hat! Ich glaube übrigens, wenn sie zu groß werden, daß man sie kappen und in Wasser bewurzeln kann. Ganz sicher bin ich nicht, aber bei Yuccapalmen geht das zum Beispiel. Habe ich einmal gemacht. Innerhalb von Tagen gabs neue Wurzeln. Falls „deiner“ zu groß wird, kann er vielleicht noch mal von vorne anfangen und noch 10 Jahre machen 🙂

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      6. kommunikatz sagt:

        Danke, das ist ein super Hinweis! Dann kann ich mir ja einen Ableger machen, schön gewachsen ist das Ding nämlich eh nicht und es stört vermutlich kaum, wenn ich einen Teil abschneide. Hoffentlich geht es dem Baum gut, ich habe ihn seit fast einem Jahr nicht mehr besucht. Ein anderer, noch deutlich kleinerer aber ebenfalls geretteter Drachenbaum steht allerdings eh schon hier, der bekäme dann halt wieder einen Kumpel.

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      7. pflanzwas sagt:

        Hihi, ein Kumpeldrachenbaum 🙂 Bei mir siehts ähnlich aus. Ich hab einen und der Platz bis zur Decke reicht nicht mehr lange, sein „Kumpel“ ist irgendwann abgestorben. Da müßte ich auch mal bei. Kann sein, daß es bei Drachenbäumen mit den Wurzeln länger dauert, als bei Yucca. Ich muß da wirklich noch mal nachlesen.

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