Unfreiwilliges Nachhaltigkeits-Update

Ich habe eine neue Waschmaschine. Die Alte, die ich vor sechs Jahren gebraucht kaufte und von der ich glaubte, sie hätte knapp 10 Jahre auf dem Buckel, entpuppte sich als tatsächlich schon fast 20jährig und gab letzte Woche sehr spontan den Geist auf. Leider war es diesmal nicht so ein simples Problem wie eine Euromünze sondern eine komplett abgerauchte und nicht mehr reanimierbare Elektronik. Das Ersatzteil hätte über 200 Euro gekostet – so viel habe ich damals für die ganze Maschine bezahlt. Sicher hätte ich, wenn keine Eile bestünde und wenn nicht gerade Pandemie und Lockdown wären, für das gleiche Geld auch wieder ein günstiges, gebrauchtes Modell gefunden. Angesichts der aktuellen Weltlage und der bevorstehenden Feiertage, des Matschwetters draußen und des somit bestehenden Bedarfs, flexibel diverse eingesaute Textilien und Hundesachen waschen zu können, wollte ich aber zeitnah für Abhilfe sorgen.

Ein Kundendienstmitarbeiter des Ladens aus der Nachbarstadt, den ich durch meinen Ex-Mann entdeckte und bei dem ich seit Langem zufriedene Stammkundin bin, kam binnen kürzester Zeit gucken. Nach der Feststellung, dass sich eine Reparatur nicht lohnt, und einem Telefonat mit seinem „Basislager“ konnte er mir sofort ein neues Gerät anbieten, das in meinem preislichen Rahmen, barrierefrei bedienbar und binnen 24 Stunden lieferbar war – ein Traum in Tüten!

Heute wurde die Maschine schon geliefert. Zwei sehr nette und offensichtlich auch sehr starke Mitarbeiter des Ladens schleppten die Maschine in den Keller, machten sie betriebsbereit und erklärten mir erstaunlich verständig und blindengerecht die Bedienung. Anschließend schleppten die Beiden die alte, kaputte Maschine nach oben, was sie kaum Mühe zu kosten schien. Wenn ich daran denke, was für ein Akt es für meinen Ex-Partner und einen Freund war, dieses Riesending runter in den Keller zu wuchten, beeindruckt mich diese Leichtigkeit ganz ordentlich. Aber vermutlich tun diese Leute das täglich und sind dadurch krass gut trainiert.

Ich markierte die Bedienelemente gleich mit ertastbaren Klebepunkten. Jetzt kann ich den Drehknopf für die Programm- bzw. Temperaturwahl richtig einstellen und direkt den Startknopf ansteuern, indem ich mit dem Finger am unteren Rand des Touchdisplays entlangfahre und am Klebepunkt nach oben abbiege, so dass ich wirklich nur das dort befindliche Bedienelement berühre. Die übrigen übers Touchfeld bedienbaren Funktionen sind mir wumpe, ich benutze nur die Standardfunktionen.

Die meisten Haushaltsgeräte haben heutzutage gar keine Dreh- oder Druckknöpfe mehr sondern sind nur noch per Touchscreen und Menüführung bedienbar. Einen Touchscreen können blinde Menschen aber nur dann nutzen, wenn Berührungen der Bedienelemente erst ein akustisches Feedback und nicht gleich die entsprechende Funktion auslösen. Das gibt es nur bei einer einzigen mir bekannten Waschmaschine. Diese verfügt über eine Sprachausgabe und ist somit vollständig barrierefrei bedienbar, kostet aber auch weit über 1.000 Euro. Da ich kein ganzes Monatsgehalt für eine neue Waschmaschine ausgeben wollte, kam dieses Modell nicht in Frage.

Ich bin sehr dankbar, dass die Mitarbeitenden des Ladens sofort mein Problem und meinen Bedarf verstanden und mir genau das empfahlen und letztlich lieferten, was ich brauche. Ganz ohne Touchelemente geht es wohl nicht, aber im Fall meiner neuen Maschine lassen diese sich gut taktil markieren und alle wesentlichen Funktionen sind zugänglich. Die Hauptsache läuft eh mittels herkömmlichem Drehrad, nur starten muss mensch per Touch.

Die Maschine hat nach Aussage des Mitarbeiters die Energieklasse A+++, die allerdings wohl irritierenderweise inzwischen C heißt, um nun auch Pluszeichen zu sparen. Die normalen Waschprogramme dauern mit gut drei Stunden doppelt so lang wie bei ihrer Vorgängerin. Auf den ersten Blick erscheint es unlogisch, dass ein längeres Waschprogramm sparsamer sein soll als ein kurzes, aber je länger die Maschine die Wäsche bearbeitet, umso weniger Wasser und Temperatur benötigt sie, um das gleiche Ergebnis zu erzielen. Und wenn die Maschine das Wasser weniger aufheizen muss, braucht sie auch deutlich weniger Strom, denn der größte Stromfresser in so einem Gerät ist das Heizelement. Kurz gesagt gibt es mit Wassermenge, Temperatur und Waschzeit drei Stellschrauben. Dreht mensch eine dieser Schrauben hoch, lassen sich die anderen reduzieren, so dass mehr Zeit weniger Wasser und Wärme ermöglicht.

Ich hatte bei dieser Rechnung lange ein komisches Gefühl, weil in meiner Vorstellung nur bei heißen Temperaturen Keime abgetötet und hartnäckiger Schmutz wirklich entfernt werden können. Von dieser Skepsis muss ich mich nun verabschieden. Zumindest ist Kochwäsche wohl unnötig, gegen Bakterienmief in der Maschine, Keime und Viren in der Wäsche helfen auch 60° und die waschaktiven Bestandteile des Waschmittels. Ein Kochprogramm hat diese Maschine daher, wie die meisten neuzeitlichen Modelle, wohl gar nicht mehr. Außerdem fasst die Trommel meiner neuen Maschine unglaubliche 9kg Wäsche. Die Alte galt schon mit einer 6kg-Trommel als Maxi-Modell. Ich kann nun also mehr Wäsche in einem Waschgang waschen, die Maschine läuft somit deutlich seltener, was auch Strom, Wasser und Waschmittel sparen dürfte.

Da ich hier keine Werbung machen möchte, nenne ich Modell und Hersteller nicht. Wenn jemand eine barrierefreie, erschwingliche und unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten vertretbare Waschmaschine sucht, verrate ich es aber gern per e-Mail. Da ich vom gleichen Hersteller schonmal eine Waschmaschine hatte und es sich zufällig ergeben hat, dass auch mein Kühlschrank und meine Spülmaschine aus dem gleichen Hause kommen, hoffe ich jedenfalls, dass ich mit meinem Neuzugang so zufrieden sein werde wie mit al dem anderen Geraffel.

11 Gedanken zu “Unfreiwilliges Nachhaltigkeits-Update

  1. puzzleblume sagt:

    Viel Glück mit deinem neuen Haushaltsmitglied.
    Das Problem mit den Bedieneinheiten ist für Blinde sicherlich ein anderes, aber mit Touch-Flächen etlicher Geräte, ob Handy oder Küchenherd, habe ich auch Probleme, weil manche dieser Bedienfelder mit meinen nur unzureichend energiegeladenen Finger nicht miteinander kommunzieren.

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    1. kommunikatz sagt:

      Ich glaube, dieses ganze Touchgedöns geht total vielen Leuten massiv auf den Geist und die Industrie müsste das nur mal merken. Die sind da auf einem völlig schrägen Trip und meinen, die Leute wollten immer absurdere und vor allem auch immer fehleranfälligere rocketscience-Technik in ihren Haushalt stellen. Aber die Smarthome- und Technikfreaks sind halt dann doch nur eine Teilmenge der Verbraucher*innen und ich würde mir wünschen, dass auch der Rest mal wahrgenommen und bedient wird. Ich witzelte schon mit dem Kundendienstler darüber, dass es eigentlich viel mehr Geräte im Stil von Senior*innen-Handys geben müsste, also eben auch bei Waschmaschinen und Dergleichen, ganz schlichte Geräte, die einfach nur simpel bedienbar sind und das Gewünschte tun, ohne massenhaft Schnickschnack und Sonderfunktionen. Und dabei bin ich ja noch gar keine Seniorin.

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      1. puzzleblume sagt:

        Du hast so recht! Andererseits werden viele Kunden immer ahnungsloser, was die Warenkunde angeht, und wissen im Gegensatz zu ihren Grossmüttern nicht mehr, was einen Waschgang für Seide oder Wolle von einem „Pflegeleicht“-Gang oder einem Niedrigtemperaturgang für normale Buntwäsche unterscheidet, um andernfalls eine Maschine bedienen zu können, die nicht 12 automatische, mit dem Wäschetyp gelabelte Programme zur Wahl stellt, sondern bei der z.B. Temperatur, Wassermenge, Zeit und Schleudergeschwindigkeit frei kombiniert werden, weil der Mensch selbst weiss, was die Maschine mit genau diesem sortierten Haufen Wäsche tun soll. Die meisten wollen nur zwei Knöpfe drücken müssen. Die Programmwahl und „An“.

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      2. kommunikatz sagt:

        Das stimmt, das Hintergrundwissen über die Zusammenhänge geht verloren, längst nicht nur beim Wäschewaschen. Es gibt inzwischen so viel zu wissen, dass niemand mehr von Grundlagen bis zu aktueller Anwendung alles überblicken kann. Deshalb gibt es auch in wissenschaftlichen Disziplinen so viele Fachidiot*innen, weil ohne Spezialisierung gar nichts mehr geht. Und bei der Nutzung von Technik aller Art ist es halt ähnlich. Als ich Ende der 80er/Anfang der 90er angefangen habe, Computer zu nutzen, war dafür noch Grundlagenwissen nötig und das Thema war noch so überschaubar, dass mensch eine Chance hatte, es von grundauf zu verstehen und die Funktionsweise nachzuvollziehen. Heute ist alles so komplex und leider oft auch gar nicht mehr logisch genug, um mehr als die oberflächliche Bedienung eines Rechners oder eines beliebigen anderen Geräts, das mit Sicherheit auf einem Rechner basiert, hinzubekommen. Deshalb ist es auch ein Trugschluss, dass die Digital Natives uns wissensmäßig in Bezug auf Technik so weit voraus wären. Sie haben die Bedienung aller möglichen Geräte verinnerlicht, aber verstehen tun sie herzlich wenig davon.

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    1. kommunikatz sagt:

      Das kann schon sein mit dem C statt A+++. Ich erinnere mich auf jeden Fall an eine Nachrichtenmeldung, dass irgendwo beschlossen worden sei, die Energieeffizienzklassen von den überhandnehmenden Pluszeichen zu befreien und mit den Klassenbezeichnungen ein paar Stufen zurückzuschalten. Nur wann, wo und von wem das beschlossen wurde, weiß ich leider nicht mehr. Ich hätte vielleicht den Wikipedia-Artikel über die Energieeffizienzklassen nicht nur verlinken sondern auch lesen sollen 😉 da steht das bestimmt drin.
      Das mit Japan muss ich mal recherchieren. Klingt wirklich erstaunlich, Wäsche nur kalt zu waschen. Oder geht es um das Wasser, mit dem die Waschmaschinen betrieben werden? Das ist hier ja auch kalt, die Maschine erhitzt es erst, wenn es drin ist bzw. reinläuft.

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