Versöhnliches zum Jahresende

Das letzte Jahr beendete ich jammernd und nörgelnd. Nach dem völlig absurden, entbehrungsreichen und sorgengeschwängerten Jahr 2020 möchte ich es anders halten, nicht zuletzt in der Hoffnung, dass es diesmal dann vielleicht wirklich nach dem Jahreswechsel besser wird. Es kann ja nicht sein, dass sich Chaos und Ärgernisse jedes Mal noch steigern, nachdem ich die Prämisse ausgebe, die Talsohle müsse erreicht sein.

Vorsichtshalber behaupte ich das jetzt also nicht. Es liegt schließlich im Bereich des Möglichen, dass zu Jahresbeginn die Covid-19-Infektionszahlen aufgrund der feiertäglichen Umtriebe nochmal deutlich ansteigen und die zweite Welle dann erst richtig zur Höchstform aufläuft. Wir wissen alle, was 2020 schlecht war. Die Pandemie hat mindestens mit ihren indirekten Auswirkungen niemanden von uns verschont, auch direkte Auswirkungen haben Viele zu spüren bekommen und Manche haben dadurch liebe Menschen verloren oder wurden selbst gesundheitlich nachhaltig geschädigt. Wir, zumindest die Vernunftbegabten unter uns, haben auch alle das Aufkeimen und inflationäre Überhandnehmen irrsinniger Verschwörungsnarrative, verantwortungsloser Aufstachelung und Panikmache mitbekommen. Plattformen wie das GWUP-Blog, der Volksverpetzer oder das Ehepaar Waschkau vom Hoaxilla-Podcast zusammen mit Tommy Krappweis und diversen Gästen im grandiosen Ferngespräch-Talkrunden-Format (siehe Episodenliste unter dem Stichwort „WildMics Special“) haben sich ausführlich damit befasst und erheiternde, lehrreiche und hintergründige Informationsquellen geschaffen.

Es gibt so viele tolle und kenntnisreiche Menschen, denen ich stundenlang zuhören oder deren Texte ich pausenlos lesen könnte, wäre ich nicht eh schon angetrieben vom Dauerstress, bloß keine Nachricht und kein Thema zu verpassen. Und da gab es auch neben der Pandemie genug Deprimierendes, angefangen bei den brennenden Geflüchtetenlagern und der unsäglich grausamen Lage dieser Menschen, die Krieg, Armut und vielfältige Traumata bereits hinter sich haben, bis hin zur immer unaufhaltsameren und dennoch auch immer mehr aus der Berichterstattung verdrängten Klimakrise. „Krise“ ist dafür ein viel zu positives Wort, denn Krisen lassen sich überwinden. Diese Krise lässt sich mit sehr viel Glück und schnellem, allumfassendem Handeln höchstens noch eindämmen und abbremsen, aber retten können wir wohl nicht mehr viel.

So, wie mensch jeden Tag damit beenden soll, vor dem Schlafengehen zu überlegen, was an diesem Tag gut war und wofür mensch dankbar ist, möchte ich dies nun aber auch für das zuendegehende Jahr tun. Und es gibt genug Dinge, für die ich Dankbarkeit empfinde – nicht nur die genannten, wunderbaren Expert*innen und meinungsstarken Skeptiker*innen, die sich unwissenschaftlichem Quatsch entgegenstellen und über Fakten und Zusammenhänge aufklären.

Ich bin dankbar, dass Covid-19 mich und mein direktes Umfeld bisher verschont hat und dass ich auch in meinem Freundeskreis keine Verluste durch Abwanderung von Leuten in die abstruse Ecke der Pandemieleugner*innen, Impfgegner*innen oder Verschwörungsgläubigen zu beklagen habe. Ich bin dankbar, durch die Einschränkungen und Workarounds wegen Lockdown und Social Distancing so viele spannende, neue Veranstaltungsformate und digitale Nähe entdeckt zu haben. Vieles ist per Videokonferenz möglich, was zuvor niemand auf dem Schirm hatte. Durch die absolut perfekt organisierte Online-Texttreff-Akademie OTTA, das Ausweichen der Akademie der Vereine in den digitalen Raum und letztendlich die auf den letzten Drücker gelungene und für alle Beteiligten unglaublich schöne und bereichernde Online-Verleihung des Aachener Friedenspreises wurde mir oft deutlich, wie schön, nah und intensiv, ja sogar liebevoll auch virtuelle Begegnungen sein können. Dafür danke ich dem Texttreff, dem Akademie-der-Vereine-Team und dem Vorstand des Aachener Friedenspreis e.V. Ich habe alle diese Menschen richtig liebgewonnen, in dieser seltsamen Zeit noch viel mehr als zuvor.

Ich bin dankbar, dass die Trennung von meinem Ex-Partner trotz vieler Unkenrufe und Anlaufschwierigkeiten so gut und gütlich über die Bühne ging und wir es tatsächlich geschafft haben, einen wertschätzenden, freundschaftlichen Umgang miteinander zu finden. Ich wollte ihn nie gänzlich aus meinem Leben werfen und als inspirierenden, alternativ verrückten und inhaltlich vernünftigen Freund behalten. Das ist gelungen – danke dafür!

Ich bin dankbar, dass ich im Sommer trotz der Pandemie und des fürchterlichen Gesamtsettings mit meinem MS-Schub im Aachener Uniklinikum so gut aufgenommen und behandelt wurde, für die Leichtigkeit und Expertise, die Freundlichkeit und das Engagement der Klinikumsmitarbeitenden. Dazu gab es einen eigenen Blogbeitrag, der sogar den Titel „Dankbarkeit“ trug.

Ich bin dankbar für die heilenden Hände meines Physiotherapeuten und die offenen Ohren meiner Psychologin, für die tollen Frauen und Männer, die mich als Ärzt*innen so brilliant und wertschätzend behandeln, mein plüschiges Hilfsmittel nicht nur akzeptieren sondern regelrecht lieben und es mir leicht machen, gesund zu bleiben und mit den vorhandenen Einschränkungen zu leben.

Ich bin dankbar für meine Eltern, die mich in so Vielem unterstützen und mir den Alltag erleichtern, obwohl sie Beide über 70 sind und eigentlich längst ich sie unterstützen und für sie da sein müsste. Ich möchte so Vieles von dem zurückgeben, was sie schon mein ganzes Leben lang für mich tun und getan haben, aber ich weiß meist schlicht nicht wie. Heute Abend waren wir zu Dritt zusammen, haben gegessen und getrunken, ohne weihnachtliches Gedöns, aber sehr schön, lustig, irgendwie auch tiefgreifend nah. Ja, ohne Masken, aber wir sind alle im Alltag extrem vorsichtig, treffen uns eh dauernd, dann allerdings fast immer entweder vermummt oder draußen. Meine Schwester war zeitweise via Zoom dabei, auch das war schön. Ein Abend ganz anders als sonst und dadurch um ein Vielfaches besonderer.

Ich bin dankbar für das wunderbare, tiefschwarze Hundetier an meiner Seite, ohne das ich mir mein Leben gar nicht mehr vorstellen kann. Arzu ist viel mehr als ein Hilfsmittel, sie ist meine engste Bezugsperson, meine Oxytocinquelle, mein Baby. Sie gibt mir genauso viele Streicheleinheiten wie ich ihr und es erfüllt mich gelegentlich mit existenzieller Angst, dass sie schon acht Jahre alt ist und nicht ewig leben wird. Bevor ich Hunde hatte, habe ich nicht geglaubt, ein pelziges Lebewesen so bedingungslos lieben und verstehen zu können. Jetzt schnarcht sie und schläft seelig, sie ist wieder fit, nachdem sie in den letzten Tagen ein bisschen kränkelte.

Vermutlich bin ich noch für viel mehr Dinge dankbar, aber das hier ist eine Auflistung derer, die mir ganz spontan eingefallen sind. Alles Weitere müsste ich mir umständlich aus dem Kopf drücken und der Beitrag ist schon lang genug. Daher nun nur noch ein letzter Punkt: Ich bin dankbar für Euch, die Leserinnen und Leser dieser Zeilen. Es ist schön, dass Ihr mein Blog mögt und mich hier immer wieder besucht, anteilnehmt, kommentiert und mich inspiriert. Ich schreibe hauptsächlich für mich selbst und um meine Gedanken zu ordnen, aber ohne Euch hätte ich dafür keine Zielgruppe und keine Projektionsfläche. Dafür danke ich Euch von Herzen!

Passt auf Euch auf, bleibt gesund, genießt die ruhige Jahresendzeit und hadert nicht mit den Einschränkungen und der Einsamkeit. Entspannt Euch, besinnt Euch auf das Wesentliche und seid einander auf andere Weise nah. Das ist möglich und kann genauso bereichernd und beglückend sein wie eine reale Begegnung. Bleibt sicher, im besten Sinne skeptisch und folgt der Wissenschaft!

6 Gedanken zu “Versöhnliches zum Jahresende

    1. kommunikatz sagt:

      Hoffen wir mal 🙂 Wie gesagt, ich behaupte vorsichtshalber nicht mehr, dass es nur besser werden kann, denn in der Vergangenheit lag ich mit dieser Prognose meistens meilenweit daneben. Aber diesmal gibt es doch ein paar anzeichen dafür, dass es in vielen Hinsichten bergauf gehen müsste. IN diesem Sinne auch Dir alles Gute!

      Gefällt 1 Person

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