Weihnachten mit Familie – eine Adventüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

Sanna hatte es sich mit Kuscheldecke auf dem Sofa ihrer Mutter bequem gemacht und knabberte Lebkuchen. Sie war schon seit gestern bei Heide und würde bis nach den Feiertagen bleiben. Sannas Freund rieb sich, wie jedes Jahr, zwischen den Patchworksträngen seiner Familie auf.

Sie hatten weder Wichtel-Geschenke noch ein großes Weihnachtsmenü mit Braten, Semmelknödeln und Zimt-Käsekuchen vorbereitet. Es gab etwas Leichtes, das auch ihre vegane Schwester Luisa essen würde. Ihr Vater würde auch ohne fettes Fleisch einen Grund finden, sich nach dem Essen einen Gin oder etwas ähnlich Widerliches zu genehmigen.

Sanna verdrehte die Augen beim Gedanken an den bevorstehenden Heiligabend. Wenigstens war Luisa nicht mehr mit diesem nervigen Typen zusammen, der jede Diskussion mit seinen Themen dominierte. Das Tischgespräch war dadurch oft zu einer unangenehmen Schlittenfahrt mutiert. Dieses Jahr würden sie wieder als vierköpfige Kernfamilie Weihnachten feiern, auch wenn ihnen das eigentlich allen herzlich egal war. Sie taten es nur für Heide, die sich nie damit abgefunden hatte, dass es diese Kernfamilie schon lange nicht mehr gab. Die Eltern hatten sich vor über zehn Jahren getrennt, Sanna und ihre Schwester waren nie wirklich Familienmenschen gewesen. Luisa war wie ein Zugvogel und wechselte viel zu häufig ihre Partner, als dass sie diese jemals in ihre Familie hätte integrieren, geschweige denn die Familie mit Enkeln bereichern können. Auch Sanna hatte das nie vorgehabt.

Sie würden ohne Weihnachtsbaum und Lichtermeer um den Tisch sitzen, sich unterhalten, essen, trinken, der Vater würde das Etikett jeder Weinflasche studieren, als suchte er darauf das Geheimrezept für den Wunschpunsch, Heide würde gelegentlich Nebelschwaden negativer Stimmung versprühen, Luisa würde aus ihrem Blog zitieren wie aus einem Märchenbuch und Regelmäßig unterm Tisch verschwinden, um ihrer Hündin Streicheleinheiten zu verpassen. Solange sie sich auf die Töle fixierte und nicht wieder auf den Minnesang irgendeines Idioten hereinfiel, war sie okay.

Dies ist meine Adventüde zu Christianes diesjähriger Schreibeinladung aus dem Sommer. Im Advent veröffentlicht sie in ihrem Blog „Irgendwas ist immer“ jeden Tag eine Adventüde aus der Feder eines Mitglieds der abc.etüden-Community. Es gelten ähnliche Regeln wie für die abc.etüden im restlichen Jahr. In einem Text, der maximal 300 Wörter umfasst, sollen (mindestens) drei der folgenden fünfzehn Begriffe vorkommen: Etikett, Gin, Käsekuchen, Kuscheldecke, Lebkuchen, Lichtermeer, Märchenbuch, Minnesang, Nebelschwaden, Schlittenfahrt, Semmelknödel, Streicheleinheiten, Wichtel, Wunschpunsch, Zugvogel. Ich war mal wieder etwas entscheidungsschwach und habe nicht nur drei der Wörter verwendet 🙂

Mit meiner Geschichte spinne ich die abc.etüde „Der Lauf der Zeit“ aus dem April 2020 weiter. Unter der Veröffentlichung der Adventüde in Christianes Blog findet Ihr einen langen und spannenden Kommentarthread.

9 Gedanken zu “Weihnachten mit Familie – eine Adventüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

    1. kommunikatz sagt:

      Danke! Als ich den Text im Sommer schrieb, war ich nur so halb überzeugt, aber mit Abstand und im Angesicht der Kommentardiskussion bei Christiane hat sich das deutlich geändert. Realistische Miniaturen scheinen wohl mein Ding zu sein und bilden einen schönen Gegenpol zu meinen sonst oft leider so ausufernd langen Beiträgen 😉

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  1. Christiane sagt:

    Dann danke ich dir auch hier noch einmal ganz herzlich für diese Adventüde aus der Realitäten-Abteilung! Ich finde es sehr wichtig, dass die Adventüden viele Facetten des Lebens einfangen – nicht nur die Träume, auch die Realität und das, was daraus entsteht. Von daher bist du damit genau richtig!
    Herzlichen Dank und auf viele gelungene Etüden im neuen Jahr! 😁👍
    Mittagskaffeegruß 😁🌥️🌟👍

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke! Das freut mich sehr und ich freue mich auch schon auf die Etüden im nächsten Jahr 🙂 Hier kann ich Dir nun auch antworten – nebenan bei Dir im Blog ließ mich WordPress irgendwie ausgerechnet auf den Kommentar mit Deinem Dank nicht reagieren.
      Die Realität finde ich viel interessanter als kitschige Träume, auch wenn Viele wohl lieber die seelenstreichelnden Glitzergeschichten oder dann gleich die heftigen Krimi-, Unfall-, Mord- und Todschlag-Themen lesen. Und da ich für meine Realitätsschnipsel einfach nur in meine eigene Erfahrungskiste greifen und die herausgezogenen Ideen bloß noch mit ein bisschen Phantasie und den passenden sprachlichen Mitteln anreichern muss, fällt mir dieses „Genre“ auch am leichtesten 🙂 Umso schöner, wenns dann auch noch gut ankommt.

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    2. fundevogelnest sagt:

      Das ist für mich der Zauber der Etüden, dass so ein paar Wörter so unterschiedliche Dinge aus den Erzählenden locken können.
      Und mit der überschaubaren Struktur des Adventskalenders wird die Manigfaltigkeit der Erfindungsgaben besonders sichtbar.
      Ein Freudenfest der Vielfalt.

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    1. kommunikatz sagt:

      Ja, ne? 😉
      Vermutlich ist es stimmungsmäßig so ungefähr das, was bei den Meisten herauskommt, wenn sie Harmonie unterm Baum anstreben. Meine Protagonist*innen sind da immerhin ehrlicher zu sich selbst und erwarten gar nicht erst zu viel vom Heiligabend. Desillusioniertheit hat den Vorteil, dass mensch nicht mehr so leicht enttäuscht werden kann.

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