Reizwort-Aufsatz

Zu meiner Grundschulzeit hießen so Aufsätze, die wir anhand von vorgegebenen Begriffen, sog. Reizwörtern schreiben mussten. Das war ein bisschen wie die abc.etüden, nur ohne vorgegebenen Umfang. Ich erinnere mich nicht, ob diese Art von Aufsätzen als Klassenarbeit während des Unterrichts in der Schule geschrieben wurde oder ob es Hausaufgaben waren. Eigentlich erinnerte ich mich überhaupt nicht mehr an irgendetwas Dergleichen, bis meine Schulaufsätze mich vor einem Vierteljahr ganz unverhofft heimsuchten.

Es war der vergangene Silvesterabend, den ich alleine verbrachte, weil mein Partner mit gebrochenem Bein im Krankenhaus lag. Auch mein Vater saß alleine zu Hause und beschloss irgendwann im Laufe des Abends, mich spontan zu besuchen. Im Gepäck hatte er Schokolade und ein altes Schulheft, das er beim Aufräumen seines Kellers gefunden hatte. Wir standen in der Küche, aßen Pralinen und er begann, aus dem Heft vorzulesen, ohne mir zu sagen, was er da las. Zwischendurch fragte er mich, von wem dieser Text wohl geschrieben worden sei. Mir war der Inhalt sonderbar vertraut, aber der Text strotzde dermaßen vor visuellen Beschreibungen, dass ich ihn nicht mir sondern meiner jüngeren Schwester zuschrieb. Vielleicht hatte sie ihn für die Schule verfasst und mir vorgelesen. Das hätte erklärt, warum er mir so bekannt vorkam.

Als mein Vater aber die Bewertung und Anmerkungen unter dem Text vorlas, erkannte ich meinen alten Grundschullehrer. Es war mein Aufsatz, geschrieben am 12.03.1991. Ich war 9 Jahre alt und in der vierten Klasse einer Regelgrundschule. Damals hatte ich einen Sehrest von ca. 2%, konnte unter einem Bildschirmlesegerät mit der Hand schreiben und meine Schrift auf dem Bildschirm lesen. Heute wäre das nicht mehr denkbar, nachdem mein Sehrest vor mehr als zehn Jahren auf wolkige hell-dunkel-Eindrücke zusammenschnurrte.

Stark vergrößerte Bilder konnte ich erkennen – schematische Darstellungen deutlich besser als Fotos, da ich auf starke Kontraste und scharfe Linien angewiesen war. Aber dass ich so viele Details hätte erkennen können, wie der folgende Text es nahelegt, halte ich für ausgeschlossen. Ich kann höchstens eine sehr grobe Zeichnung gesehen und in Worte übersetzt haben. Mit einem Foto, einer naturgetreuen Illustration oder gar dem lebenden Objekt (bzw. Subjekt) wäre das unmöglich gewesen, oder die Vergrößerung hätte so stark sein müssen, dass jeder Überblick verlorengegangen wäre. Wahrscheinlicher ist, dass ich eine genaue Beschreibung wiedergegeben habe, die ich zuvor gelesen oder gehört hatte. Anders hätte ich soetwas Kleinteiliges niemals (be)schreiben können.

Lest selbst, was mein Vater mir dankenswerterweise abgetippt hat. Der Text ist handschriftlich mit blauer Tinte auf liniertem Papier in ein DIN-A5-Schulheft mit 15 Zeilen pro Seite geschrieben. Die Buchstaben sind ca. 11mm hoch. Die Textwiedergabe entspricht in Zeilenlänge und Zeichensetzung dem Original. Seitenwechsel sind durch eine Leerzeile angegeben. Welche Reizwörter ich verwenden musste, ist leider nicht überliefert.

***
Der Wellensittich Joschi
Heute brachte meine Mit-
schülerin Sonja ein
Wellensittichpärchen mit
in die Schule. Einen davon
möchte ich in diesem Auf-
satz beschreiben.
Der Wellensittich heißt
Joschi und ist etwa
handgroß. Sein Kopf ist
oben gelb und hinten
schwarzgelb gestreift.
Joschis Gesicht ist gelb
und verziert mit
sechs schwarzblauen

Punkten. Der Schnabel
biegt sich nach unten,
wobei der Oberschnabel
etwas länger ist. In
der darüberliegenden
blauen Wachshaut
befinden sich zwei
Nasenlöcher. Joschis Au-
gen sind schwarz.
Die Brust ist leuchtend
grün. Auf beiden Seiten
sieht man die schwarz-
gelb quergestreiften Flügel.
Der schwarz-grün-blaue
Schwanz nimmt fast die

Hälfte des Vogels ein. Mit
seinen gräulichen großen
Krallen ist Joschi ein
guter Baumkletterer. Er
frißt am liebsten Körner.
Joschis g Gesang ist nur
ein (l)Krächzen aber die
Hauptsache ist, daß er
überhaupt etwas sagen
kann.
***

Irre, oder? Erstens mal ist schon in diesem fast 30 Jahre alten Schulaufsatz deutlich meine Affinität zu Sprache und Text erkennbar. Und zweitens bin ich völlig von den Socken, wie sehr ich mich den sehenden Menschen um mich herum angepasst habe, einfach nur, weil das offenbar erwartet wurde. Wieso hätte ich sonst so stark auf den visuellen Aspekt abheben sollen? Wellensittiche haben genug andere Merkmale und Eigenschaften – aber uns wurden damals wohl fast nur die visuellen vermittelt, so dass ich diese anscheinend für wichtig und das meiste Andere für vernachlässigbar hielt.

Es ging immer um Bilder und sichtbare Eigenschaften. Diese Dinge galt es zu beschreiben, egal, wie fern sie mir waren, und egal, wie sehr ich dafür auf Auswändiggelerntes zurückgreifen musste. Für Sichtbares hatte ich Begriffe, für Akustisches und Olfaktorisches kaum. Geräusche und Gerüche wirklich en Detail wahrzunehmen und zu benennen, musste ich viele Jahre später regelrecht aktiv lernen, weil ich es als Kind nie wirklich geübt hatte. Ich hatte zwar Musik-Hörspiele und schon als Sechsjährige Klavierunterricht, aber ein echter Zugang fehlte mir dennoch lange. Möglicherweise kannte ich schlicht keine Worte für das, was ich hörte oder roch. Für mich war das ganz normal – die Welt bestand eben aus Dingen, die ich nur unter erschwerten Bedingungen wahrnehmen oder eben auswändig lernen konnte.

Vielleicht habe ich als Kind und Jugendliche deshalb Jahre lang Bilder gemalt, wobei ich die kleinsten Details unter dem Lesegerät mit riesiger Vergrößerung ausgestaltete. Das ging gut, ich verstand die Zusammenhänge, kannte mich mit Farbenlehre aus und lernte viel über Formen und Perspektive. So machte es Spaß und brachte viel Anerkennung ein. Musikmachen war immer viel frustrierender und ich war nie zufrieden mit den Ergebnissen – da kannte ich zwar auch theoretische Hintergründe, aber irgendetwas fehlte und das Ganze blieb mir immer fremd und unzugänglich. Heute bereuhe ich diese Schwerpunktsetzung sehr, denn alles, was ich im kreativen Bereich damals gut konnte und gerne gemacht habe, geht heute nicht mehr. Hätte ich mich weniger auf den visuellen Bereich fixiert, wäre mir nicht so viel verlorengegangen.

6 Gedanken zu “Reizwort-Aufsatz

  1. kommunikatz sagt:

    Ohje, mein Lehrer hätte gesagt, dass sich da wohl der Fehlerteufel eingeschlichen hat – oder eher, dass ich hier der personifizierte Fehlerteufel war. Dieser Aufsatz war gar kein Reizwort-Aufsatz. Deshalb gibt es auch keine Reizwörter. Aber der Titel und Bezug passen so gut, deshalb ändere ich es jetzt auch nicht mehr. Ich habe den Text mit einer anderen Wellensittichstory verwechselt, die tatsächlich ein Reizwort-Aufsatz war und wo die Reizwörter auch dabeistanden. Sorry für den Fehler! Dieser Text war von der Aufgabenstellung her vermutlich ein Bericht über den tatsächlichen oder fiktiven Besuch der Sittiche im Unterricht. Ich erinnere mich nicht daran, ist halt 30 Jahre her…
    schönen Gruß von der Terrasse
    Lea

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  2. Myriade sagt:

    Der Text verdeutlicht aber wunderbar, was du meinst, dass du auf die Beschreibung visueller Eindrücke hin getrimmt wurdest. Vielleicht war der Lehrer ein rein optischer Typ und hatte von anderen Zugängen der sinnlichen Wahrnehmungen keine Ahnung. Leider gibt es ja in allen Bereichen Menschen, die für ihre Berufe eigentlich nur eingeschränkt geeignet sind.

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    1. kommunikatz sagt:

      Kann schon sein. der Typ war eh etwas sonderbar. Allerdings war ich auch das einzige quasi blinde Kind, das er in seiner gesamten Berufslaufbahn jemals unterrichtet hat. Klar, dass er darin keine Übung hatte und seine Methoden und Maßstäbe insofern oft nicht passten. Es war auch nicht nur er sondern irgendwie ein total durchgängiges Prinzip, aus dem ich nie versucht habe, auszubrechen, weil es mir erst viele Jahre später klar wurde. Dass irgendetwas schräg war, fühlte ich schon, aber was das war, habe ich als Kind nie kapiert.

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      1. Myriade sagt:

        Da erhebt sich dann die Frage, ob eine Schule für sehbehinderte Kinder für dich gut gewesen wäre oder doch nicht. Das ist ein Thema zu dem es mir noch nicht gelungen ist, mir eine zufriedenstellende Meinung zu bilden

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      2. kommunikatz sagt:

        Im Großen und Ganzen bin ich mir sehr sicher, dass die Inklusion bzw. Integration für mich der steinigere aber absolut richtige Weg war. Abgekapselt in einer Parallelwelt hätte ich nicht aufwachsen wollen, nur um dann am Ende der Schulzeit um so härter ins kalte Wasser der nicht auf Blinde ausgerichteten Welt geworfen zu werden. In manchen Aspekten wird mir auch erst in letzter Zeit klar, welche Macken und Narben ich doch teilweise davongetragen habe. Aber tut das nicht irgendwie auch jedes Kind in jeder Schulform und jedem Umfeld? Und alle diese Macken und Narben sind so spannend und erkenntnisreich. Insofern – ich bereuhe nichts 🙂
        liebe Grüße
        Lea

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