Anleitung zum Tafelputzen

In meinem Beitrag „Das Haus vom Nikolaus“ habe ich mich darüber ausgelassen, wie gerne und meiner Meinung nach gut ich Abläufe und Handlungsanweisungen in Textform erkläre. Dass ich das offenbar auch als Kind schon konnte, bewies mir auf frappierende Weise das alte Schulheft, das mein Vater aus einer Kiste in seinem Keller gezogen und mir kürzlich vorgelesen hat. Darin findet sich u.a. auch der folgende Aufsatz, den ich am 20.05.1991 als zehnjährige, fast blinde Viertklässlerin an einer Regelschule geschrieben habe.

Mein Vater hat den Aufsatz abgetippt, der Originaltext ist handschriftlich mit blauer Tinte in ein DIN-A-5-Schulheft mit liniertem Papier und 15 Zeilen pro Seite geschrieben. Die Schriftgröße ist ca 11mm. Die Textwiedergabe entspricht in Zeilenlänge und Zeichensetzung dem Original, Seitenwechsel werden durch eine Leerzeile angegeben.

***
Ich putze die Tafel
Zuerst räume ich den Zei-
gestock und die Kreide
von der Ablage.
Dann schiebe ich die Tafel
herunter.
Jetzt feuchte ich den Schwamm
an.
Ich wische die Tafel von
oben nach unten ab, dann
wende ich den Schwamm,
damit der nun
darin hängende
Kreideschlamm nicht
wieder auf die Tafel ge-

schmiert wird.
Wenn ich eine Tafelseite
fertig geputzt habe, säu-
bere ich den Schwamm. +1
Dann reinige ich die Abla-
ge.
Nun reibe ich die Tafel mit
einem trockenen Lappen
ebenfalls von oben nach
unten ab.
Ich drehe den Lappen ab
und zu.
Jetzt trockne ich auch die
Ablage.
Dann säubere ich den

Schwamm und breite
den Lappen zum Trock-
nen aus.
Ich lege den Zeigestock
zurück auf die Ablage.
Dann betrachte ich mein
Werk, es sind keine Wol-
ken zu sehen.

+1 Jetzt putze ich den Rest
der Tafel.
***

Das ist eine beeindruckend detaillierte Schritt-für-Schritt-Anleitung, nach der mensch problemlos und ohne Steckenbleiben eine Schultafel aus den 1980er Jahren putzen könnte, ähnlich wie beim Haus vom Nikolaus oder meiner Anleitung zum Schiffchenfalten. So funktioniert von der Struktur her auch Leichte Sprache. Jede Aussage muss sich lückenlos sinnvoll an die vorherige anschließen, ohne Gedankensprünge oder Brüche. Jeder Schritt ist logisch und einfach, es gibt kein um-die-Ecke-Denken, keine Auslassungen und kein unnötiges Geschwurbel – von der „Betrachtung meines Werks“ einmal abgesehen.

Auch hier finde ich wieder faszinierend, wie visuell meine Beschreibung ist. Kreidewolken auf der Tafel konnte ich damals wohl kaum sehen – eherkonnte ich die staubige Oberfläche ertasten oder den Kreidestaub riechen. Offenbar wollte ich aber genauso schreiben, wie meine sehenden Mitschüler*innen. Ich wollte nicht aus dem Rahmen fallen und wusste natürlich, dass es gerade bei der Tafel um Optik ging. Für mich war die Tafel vollkommen nutzlos und uninteressant, denn was die Lehrer*innen darauf schrieben, konnte ich auch dann nicht lesen, wenn ich direkt davorstand. Ich hätte mich mit dem Gesicht so nah an die Tafel drücken müssen, dass hinterher ich selbst voller Kreidestaub gewesen wäre. Die Tafel und der Vorgang, sie zu putzen, waren für mich also gänzlich abstrakt. Tun muste ich es trotzdem, wie alle Anderen, wenn ich an der Reihe war. Und ich hatte verstanden, was für die Anderen bei der Sache wichtig war, was so zu sagen den Sinn ausmachte, der bloß für mich nicht existierte.

Ich passte nicht in das System, aber ich verstand das System und konnte es offensichtlich brilliant erklären. Von außen beobachtete und analysierte ich nach Herzenslust. Mein Abstraktions- und Beschreibungsvermögen wurden so wohl schon früh geschult, was mir heute das Texten und vor allem auch das Übersetzen in Leichte oder Einfache Sprache enorm erleichtert. Ich konnte mich schon damals gut in Abläufe hineinversetzen, selbst wenn sie für mich persönlich keine Rolle spielten oder keinen Zweck erfüllten. Und was ich einmal nachempfunden und verstanden hatte, konnte ich auch ausdrücken. Schon als jüngeres Kind erklärte und kommentierte ich alles. Ich fasste in Worte, was ich dachte oder was passierte. Und da ich verstanden werden wollte, versuchte ich mich dabei meist so verständlich wie möglich auszudrücken.

Offenbar habe ich viel Hilfreiches aus dem Umstand gelernt, dass aufgrund meiner Behinderung meine Bedürfnisse und Vorgehensweisen oft von denen der Anderen abweichen. Meine Neugier und der Drang, zu verstehen, wie die Welt um mich herum tickte, wurden noch dadurch befeuert, dass sie anders tickte als meine eigene. Die Erkenntnis dieses Unterschieds hat mich sehr tolerant und verständnisvoll gemacht, denn die Verschiedenheit beinhaltete für mich nie eine Wertung – und falls doch, dann zu meinen Ungunsten. Die Anderen waren der Standard und hatten es offenbar leichter; diese Diskrepanz machte die Sache interessant. Mir wurde nie langweilig, weil ich immer damit beschäftigt war, ihnen nachzueifern und so wenig wie möglich aus dem Rahmen zu fallen. Allerdings hielt mich dieser ständige Kampf so sehr in Atem, dass mir viele meiner eigenen Möglichkeiten und Vorteile hinter all dem Anpassungsstreben gar nicht auffielen.

PS:Gibt es in Schulen heutzutage eigentlich noch Tafeln und Kreide, deren Schlamm und Staub Kinder in Aufsätzen beschreiben können?

Ein Gedanke zu “Anleitung zum Tafelputzen

  1. Myriade sagt:

    In der Schule, in der ich arbeite, gibt es white-boards auf denen man mit speziellen Filzstiften schreibt. Zwar läuft ein Projekt, das die Stifte wiederbefüllt trotzdem entsteht da eine Menge Abfall. Andererseits ist ja der Kreidestaub um nichts gesünder als der Kohlestaub.

    Gefällt 1 Person

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