Der Westpark und mein schlechtes Timing

Der Aachener Westpark ist, wenn Mensch seine bewegte Geschichte vor und in den Weltkriegen außer Acht lässt, eigentlich nichts Besonderes. Es ist ein mittelgroßer Park zwischen der wuseligen Innenstadt, einer großen Ausfallstraße und einem ruhigen, nicht so eng bebauten Bereich, der viel mehr nach Stadtrand aussieht, als mensch vermuten würde. Mensch vermutet das vor allem deshalb nicht, weil zwischen dieser Rückseite des Parks und dem historischen Stadtkern keine 20 Minuten Fußweg liegen.

Um den Park herum gibt es mehrere Kindergärten, Wohneinrichtungen für alte Menschen und Wohnheime für Menschen mit Behinderung. Das West(park)viertel ist ein buntes und multikulturelles Viertel mit sehr gemischter Bevölkerung. Viele Studierende leben hier, aber auch viele Familien und Menschen jeden Alters und jeder Herkunft.

Ich kenne den Park, seit ich denken kann, da ich im Westen Aachens aufgewachsen bin. Als ich klein war, in den 80er Jahren, war der Westpark eine Art No-go-Area. Er war dunkel und heruntergekommen, es gab Müll, Dreck,  Obdachlose und Junkies. Der kleine See mit der charakteristischen Fontäne und der lauschigen Insel war stinkig und vermüllt, die Fontäne war fast nie an, weil sie vermutlich dauernd verstopfte. Irgendwann wurde der Stadt der Schandfleck scheinbar unangenehm und sie räumte auf. Die Obdachlosen und Junkies verschwanden und suchten sich anderswo eine Bleibe, das Dickicht wurde in Parkmanier zurückgeschnitten, die Sport- und Spielplätze wurden erneuert und es wurden neue Bänke, Mülleimer und irgendwann ein Pissoir für Männer aufgestellt. Nach und nach änderte sich der Park. Die Neuerungen wurden dankend angenommen, Kinder spielten, Leute gingen spazieren, saßen oder lagen auf den Wiesen, picknickten oder grillten und feierten. Der Park wurde zum Begegnungsort und zum Herzen des Viertels.

Eigentlich gab es kein wirkliches Viertel, weil der Park, wie gesagt, von viel zu unterschiedlichen Straßen umgeben ist. Auf der einen Seite sind Garten- und Lochnerstraße – zwei relativ kleine und ruhige Innenstadtstraßen – die Lochnerstraße führt aus historischen Gründen, die im Wikipedia-Artikel über den Westpark nachzulesen sind, direkt auf den großen Haupteingang zu. Auf der stadtauswärtsgewandten Seite begrenzt die Welkenrather Straße den Park. Das ist die Seite, an der mensch das Gefühl hat, sich längst in einem Außenbezirk zu befinden. Und an der dritten Seite ist die Vaalser Straße, die mehrspurig, laut und hektisch die Aachener Innenstadt mit Vaals, einer niederländischen Kleinstadt direkt hinter der Grenze verbindet.

Zum gefühlten Westparkviertel wurde die Gegend erst um 2013 herum. 2012 wurde das Stadtteilprojekt „WIR ALLE – gemeinsam leben am Westpark“ aus der Taufe gehoben, an dem ich ab Anfang 2013 mitarbeitete. Der Fokus lag auf dem Thema Inklusion im Alltag. Durch die vielen Wohneinrichtungen für Menschen mit Behinderung war die Gegend um den Westpark für ein Inklusionsprojekt prädestiniert. Schwesterprojekte arbeiteten aber auch in vier weiteren Vierteln in und um Aachen. Schnell wurde klar, dass wir erstens den Inklusionsbegriff erweitern und uns nicht nur auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderung konzentrieren wollten. Das Viertel war viel zu vielfältig, um die Menschen mit Migrationshintergrund, die verschiedenen Generationen, Bildungsgrade, Hintergründe und Interessen außen vor zu lassen. Außerdem war per Definition der Westpark Kern unseres Wirkungskreises und wir kultivierten ihn mit verschiedenen Veranstaltungen als Begegnungsort und kreatives Zentrum.

Wir erreichten eine Menge Menschen – wen wir aber einfach nie zu fassen bekamen oder für irgendeine unserer Aktivitäten begeistern konnten, waren die Studierenden und das ganze Grill- und Partyvolk, das den Park abends übernahm. Meine Arbeitszeiten waren zwar im Gegensatz zu denen meiner Chefin sehr flexibel, da ich ja in der Nachbarschaft wohnte, aber auch ich hatte kein Konzept, wie ich die Leute für unser Projekt hätte interessieren sollen.

Ich mochte den Park, nutzte ihn zu dieser Zeit aber selbst so gut wie gar nicht. Meine damalige Hündin hasste den Park aus Angst vor anderen Hunden, also ging ich dort nicht spazieren. Mir fehlte an vielen Stellen im Park die Orientierung, so dass ich mich dort weder sicher noch wohl fühlte. Als ich 2014 meine Hündin Biene abgab und stattdessen die kölsche Frohnatur Arzu bei mir einzog, nutzte ich den Park plötzlich sehr intensiv für Hundespaziergänge, ansonsten änderte sich aber nicht viel. Richtig für mich entdeckt habe ich den Park und den Kontakt zu den abendlichen Nutzer*innen erst diesen Sommer, knapp zwei Jahre nach Ende des WIR ALLE Projekts. Nun bin ich selbst eine von Denen, die ihre Abende im Park verbringen.

Wir laufen zu beinahe jeder Tages- und Abendzeit mit den Hunden durch den Park, sitzen mit Freund*innen in ruhigen Ecken oder auf der Grillwiese, quatschen und trinken Tee oder Bier. Im Park treffen wir zufällig alle möglichen Leute – so bleiben Kontakte lebendig und neue Kontakte entstehen. Inzwischen gibt es im Park so viel Einladendes: Ein Fairteiler – das ist ein öffentlicher Schrank, in den Menschen Nahrungsmittel legen, die sie selbst nicht brauchen, und aus dem sich andere Menschen diese Dinge einfach nehmen können, öffentliche Hochbeete, in die jeder Mensch Gemüse, Obst oder Kräuter pflanzen kann und die dann ebenso gemeinschaftlich gepflegt und geerntet werden, außerdem eine große, ringförmige Skulptur der Initiative Offenes Aachen, auf die ganz viele Menschen gemalt und geschrieben haben, was aus ihrer Sicht die Welt in Bewegung hält und das Leben lebenswert macht. Vor Jahren hat das Stadtteilprojekt Bäume dekoriert und das Brückengelender zur Insel im kleinen See mit Wollelementen verziert, aber das war nie so verbindend und spannend, wie die Dinge, die nun den Park beleben.

Die Hochbeete gehen noch auf das Stadtteilprojekt zurück, der Rest entstand erst danach. Dennoch hat das Stadtteilprojekt für Vieles den Grundstein gelegt. Die Kontakte zwischen Menschen, Gruppen und Institutionen im Viertel entstanden durch das von WIR ALLE aufgebaute Netzwerk. Die Stadtteilkonferenz, die das Projekt ins Leben rief, zu der ich inzwischen aber leider weitgehend den Bezug verloren habe, trifft sich bis heute regelmäßig und initiiert eine Menge Aktivitäten im Viertel – und natürlich auch im Park.

Ich finde es schade, dass mein eigenes Timing so schlecht ist und ich meine wahre Begeisterung für den Park erst nach Projektende entdeckt habe. Dennoch hat das Stadtteilprojekt sehr viele gute Entwicklungen auf den Weg gebracht, ein Netzwerk hergestellt und viel Kreativität ermöglicht. Jetzt ernten wir so zu sagen die Früchte, die das WIR ALLE Projekt vor Jahren gesäht hat. Ohne das Projekt wäre der Park nicht so aufgeblüht – zumindest ganz bestimmt nicht in der Vielfalt und Offenheit, die ihn heute ausmacht. Der Park ist nicht nur Begegnungsort und kreativer Raum, er ist vor allem eine inspirierende, farbenfroh schillernde Blase, in die mensch eintauchen und in der mensch das Leben genießen kann, gemeinsam mit vielen Anderen, ohne sich gegenseitig zu stören.

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