Tour de Frust

Der Sonntag wird hier immer mehr zum allgemeinen Protesttag. Nachdem wir letzte Woche Sonntag eine Menschenkette gegen die belgische Atompolitik gebildet hatten, waren wir diesen Sonntag anlässlich der Tour de France wieder mit einer roten Linie auf den Beinen. Die Profiradler und ihr Tross fuhren auf der Etappe von Düsseldorf nach Lüttich ein ganzes Stück an der Kante des Braunkohletagebaus Garzweiler entlang. Diese Gelegenheit ließ sich die Antikohlebewegung natürlich nicht nehmen, ihre Botschaft in die Kameras der berichterstattenden Medien zu halten.

Ein Landwirt in Mönchengladbach Wanlo hatte freundlicherweise eine Wiese direkt neben der Rennstrecke zur Verfügung gestellt, auf der wir Transparente ausbreiten durften. Auf der Straße neben der Wiese – also eigentlich auf der Rennstrecke – formierte sich eine lange, rote Linie aus Stoffbahnen und rot gekleideten Menschen. Wir hatten uns am Vortag extra in den Second Hand Läden unseres Vertrauens mit roten Sommerklamotten eingedeckt, da die warmen Sachen aus dem Herbst und Winter uns etwas übertrieben vorkamen. Außerdem hatten wir neben der roten Linie aus Paris weitere Banner im Gepäck: Mein Partner und ein Freund hatten ein Bettlaken mit einem riesigen, orangefarbenen „STOP“ und ein weiteres mit einem ebenso riesigen, kackbraunen „COAL“-Schriftzug bemalt. Das eigentliche künstlerische Highlight war aber ein Segelsatz. Das Großsegel trägt die Aufschrift „Sun“ und eine große, gelbe Sonne, während eine Genua von einer bunten Windkraftanlage und dem Schriftzug „Wind“ geziert wird. Die Segel sind für einen 8m hohen Mast gedacht, also schon etwas größer und unübersehbar.

Unsere Machwerke platzierten wir neben vielen weiteren Bannern auf der Wiese, damit die Hubschrauber- und Drohnenkameras, die die Tour de France filmten, ihnen nicht ausweichen konnten. So würden unsere Botschaften zumindest in den live gesendeten Bildern auftauchen, selbst wenn sie nachträglich möglicherweise herausgeschnitten würden. Uns selbst, die Hunde und die rote Linie platzierten wir am Straßenrand, wo wir noch zusätzliche Schilder hochhielten und uns von der Werbekolonne der Tour mit seltsamer Musik beschallen und mit sinnlosen Werbegeschenken bewerfen ließen.

Tatsächlich wurde unser Protest in vielen Berichten erwähnt – einige zeigten sogar Bilder oder brachten O-Töne. Eigentlich könnten wir uns also über eine sehr gelungene Aktion freuen, was wir rein im Hinblick auf die Botschaft auch tun. Dennoch war es ein vollkommen frustrierender und anstrengender Tag und es dauerte ungefähr die halbe Rückfahrt, bis mein Partner und ich wieder mit einander sprachen.

Wie kam das, was war los? Ganz einfach, zu viele Dinge waren nervig. Morgens beim Aufbruch gab es irgendeine kleine Reiberei wegen knapper Zeit und Belanglosigkeiten. Ich ärgerte mich über am Vorabend vergessenes und deshalb von Fliegen übersähtes Essen, das ich eigentlich in den Kühlschrank stellen und zur Aktion mitnehmen wollte. Auf der Fahrt zeichnete sich ab, dass das Wetter sehr durchwachsen und zeitweise nass sein würde. Wir kamen nicht mit dem Auto bis zur Protestwiese, weil die THW- Leute an der Sperre uns trotz viel Materials im Kofferraum und der Hunde nicht durchlassen wollten. Wir mussten also einen halben Kilometer mit allen Bannern, Segeln und roter Linie laufen, wobei uns freundliche Menschen halfen. Auf der Wiese angekommen konnte ich beim Aufbau nicht wirklich helfen und fühlte mich geparkt und ignoriert, nervige Leute verwickelten mich in nervige Gespräche und die Dinge, die ich klären wollte oder musste, kamen nicht bei ihren Adressat*innen an. Später wollten wir in Wanlo auf einem Dorffest etwas essen, aber es gab nur Grillfleisch, Kartoffel- und Krautsalat. Während ich mich an den nur mittel leckeren Salaten gütlich tat, landete das Essen meines Partners in hohem Bogen auf der Straße, weil Akiro einen anderen Hund sah und zu heftig am Tisch ruckte. Derweil warf eine offenbar demente, alte Dame unseren Hunden Wurststücke zu, was ich insbesondere in Bezug auf meine verfressene Labradorine, die sich während der Führarbeit nicht von fremden Menschen mit leckerem Essen ablenken lassen darf, absolut indiskutabel und beschissen finde. Später hingen wir an der Rennstrecke rum, langweilten uns, hatten derweil Zeit, über all den nervigen Mist nachzudenken, wurden von der Werbekolonne noch zusätzlich genervt und letztendlich komplett nassgeregnet. Irgendwann rasten binnen weniger Sekunden die Radfahrer vorbei und selbst das war frustrierend, da ich von der ganzen Sache nur ein Rauschen mitbekam. Beim Versuch, das Auto zumindest zum Abbau zur Wiese zu fahren, geriet mein Partner in den Stau, der sich logischerweise bildete, als alle abbauen und abhauen wollten. Als er letztendlich bei der Wiese ankam und wir zusammen die inzwischen eingepackten Segel und Banner  noch ein Stück zum Auto tragen mussten, gifteten wir uns nur noch an. Die Sachen waren zu schwer, die Hunde waren nicht kooperativ und jede Aussage kam bei der anderen Person so negativ an, wie es nur ging.

Und trotzdem dauerte es nur die halbe Rückfahrt, bis wieder alles ok war. Auch der Umstand, dass wir wegen der gerade erst durchgerauschten Tour de France natürlich nicht bis zu unserer Wohnung fahren konnten sondern ein ganzes Stück entfernt parken und nochmal durch den strömenden Regen laufen mussten, war nicht mehr so schlimm. Abends sprachen wir darüber, warum der Tag trotz des eigentlichen Erfolgs für uns Beide gleichermaßen so ätzend gewesen war. Schnell war es mir klar: Die Genervtheiten hatten sich immer mehr aufgetürmt, wir hatten uns beide irgendwann nicht mehr ausreichend unter Kontrolle, um unsere blank liegenden Nerven für uns zu behalten, und je dünnhäutiger wir beide wurden, desto anstrengender und frustrierender wurde alles. Mir – ich würde sagen uns Beiden – war dabei aber von Anfang an klar, dass wir nicht voneinander sondern eben von all diesen ärgerlichen Details genervt waren. Es war die Gesamtsituation, nicht unser unmittelbares Gegenüber. So hatte auch niemand die Schuld an der Genervtheit sondern es war einfach ein blöder Zustand, den wir ertragen und aussitzen mussten. Nach der Hälfte der Rückfahrt war das offenbar erledigt und alle hatten sich, so zu sagen, wieder lieb.

Ich glaube, viele Streitigkeiten innerhalb von Gruppen, Familien, Freundschaften oder Partnerschaften würden sich vermeiden lassen oder zumindest auf viel undramatischerem Niveau bleiben, wenn mehr Menschen genau das akzeptieren würden. An unserer Genervtheit und unserem Frust ist seltenst unser direktes Umfeld Schuld. Das, was wir für die Anlässe unseres Ärgers halten, sind nur die Kleinigkeiten, die sich kumulieren und aufstauen. An diesen Kleinigkeiten kristallisiert sich unser Frust und wir finden dann auch direkt in der aktuell nervigen Situation eine*n Schuldige*n. Wir steigern uns in die Schuldzuweisungen hinein, anstatt zu hinterfragen, was uns wirklich stresst. Machen wir uns bewusst, dass es eigentlich immer ein wildes Konglomerat vieler, einzelner Nichtigkeiten ist, dass unser sich blöd verhaltendes Gegenüber für sein Verhalten vermutlich gute Gründe hat und genauso gestresst ist wie wir selbst, und dass es immer ein undurchschaubares Zusammenspiel tausender Einflüsse und Ereignisse gibt, werden wir ganz schnell viel entspannter mit all dem Stress und Ärger. Manchmal ist unsere Toleranzschwelle zu niedrig, weil unsere Geduld schon zu sehr strapaziert wurde. Gerade dann sollten wir uns diesen Mechanismus klar machen und auf unsere Aussagen achten. Gegenseitige Vorwürfe bringen das Pulverfasst dann unglaublich schnell zur Explosion. Wenn wir Stress vermeiden wollen, sollten wir uns selbst zur Geduld, Toleranz und Ruhe mahnen. Und wenn das, wie bei mir und meinem Partner am letzten Sonntag, mal nicht nachhaltig klappt, sollten wir diese Einsicht zumindest hinbekommen, bevor wir uns zu sehr im Frust verrennen.

An diesen falschen Zuordnungen und Projektionen von Frustration  können Gruppen, Freundschaften, Partnerschaften und ganze Familien kaputtgehen. Das ist so traurig und unnötig, wenn mensch bedenkt, dass die betroffenen Personen meistens überhaupt nichts dafür können. Es ist schlicht unfair und ein reines Weitergeben von Stress und Druck, wenn Menschen sich gegenseitig als Blitzableiter für ihren Genervtheitsstau benutzen.

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