Gesellschaft als Schaumbad

Schon sehr lange – länger, als es mein Blog gibt – trage ich ein Bild bzw. Gedankenmodell in meinem Kopf herum. Und wieder ist es ein TED-Talk, der die Idee hervorholt und mich nun endlich in die Lage versetzt, sie aufzuschreiben. Vermutlich ist die Vorstellung nichtmal neu oder sonderlich innovativ, aber ich finde sie sehr inspirierend.

Rabbi Lord Jonathan Sacks spricht in seinem Talk „How we can face the future without fear together“ u.a. darüber, wie wichtig Unterschiedlichkeit ist. Er sagt, Menschen sollten sich viel mehr mit Menschen umgeben, die ganz anders sind als sie selbst. Immer nur mit Seinesgleichen zu interagieren, wird einerseits irgendwann langweilig, andererseits führt es dazu, dass Meinungen und Einstellungen durch ihre ständige Spiegelung und Bestätigung immer extremer werden. Sacks sagt, dass Menschen sich gegenseitig ihre Geschichten und Hintergründe erzählen sollten, um diese Eindimensionalität aufzubrechen, die Andersartigkeit der Anderen annehmen und wertschätzen zu lernen und zu erleben, dass Sympathie und Freundschaft auch Unterschiede oder gegensätzliche Ansichten aushalten.

Als Voraussetzung dafür beschreibt er, dass die Menschen ihre eigenen Geschichten und Hintergründe kennen und sich darin sicher fühlen müssen. Wer eine starke Identität hat und über die eigenen Einflüsse und Prägungen Bescheid weiß, fühlt sich durch andere, vielleicht fremdartige Menschen nicht bedroht sondern kann diese wertschätzend willkommen heißen. Anders sieht es aus, wenn Menschen die eigene Geschichte und Geschichten nicht kennen, also z.B. in der Schule nichts über die eigene Herkunft, die Vergangenheit ihres Lebensraums oder gesellschaftsprägende Rituale und Glaubenssätze gelernt haben. Diese Menschen fühlen sich fremden, stärkeren Identitäten gegenüber schwach, unsicher und in Frage gestellt, was sofort zu Abgrenzungs- und Abwehrreaktionen führt. Ich verstehe Sacks dabei nicht so, dass dann alle Menschen automatisch diese Prägungen und Glaubenssätze für sich selbst annehmen und adaptieren müssen. Aber Bescheid wissen müssen sie, um zu wissen, woher sie kommen, wie ihr Weltbild entstanden ist und aus welchen Fehlern vergangener Generationen sie lernen können.

Was mich an Sacks Ausführungen fasziniert und meine eigene Idee wachgerufen hat, ist jedoch nicht der Aspekt der starken und schwachen Identitäten, der Kenntnis und des Erzählens eigener Geschichte(n) und das Lernen aus weit zurückliegenden Fehlern der eigenen Vorfahren. Das alles ist enorm wichtig, aber mich elektrisierte viel mehr seine Beschreibung der Gesellschaftsstruktur. Menschen umgeben sich im Wesentlichen mit Ihresgleichen. Das reicht weit über die Filterblasen sozialer Medien hinaus, in denen uns ständig nur die Dinge präsentiert werden, die wir eh schon glauben oder wissen, in denen wir nur mit Menschen interagieren, die unsere Überzeugungen teilen und die unbemerkt alles ausblenden, was unser Weltbild ins Wanken bringen könnte. Auch im realen Leben, also bei direkten Begegnungen mit Menschen aus Fleisch und Blut, bewegen wir uns in Blasen. Unsere Freundeskreise bestehen meist aus Menschen, mit denen wir einen Großteil unserer Ansichten und Interessen teilen. Die meiste Zeit verbringen wir mit den Leuten, mit denen wir die wenigsten Dissense haben, mit denen wir also so umfassend wie nur möglich übereinstimmen.

Außerdem bleiben Menschen fast immer innerhalb einer bestimmten sozialen Gruppe oder Schicht. Reiche Leute haben Freundeskreise, die aus reichen Leuten bestehen, arme Leute pflegen Kontakte vor allem innerhalb der ebenfalls in Armut lebenden Community. Alters- oder Berufsgruppen bleiben oft unter sich, Menschen mit ähnlichen Lebensentwürfen sammeln sich in Klumpen. Eltern haben irgendwann nur noch andere Eltern mit Kindern in ähnlichem Alter im Freundeskreis, Hundehalter*innen kennen irgendwann nur noch Menschen, die auch Hunde haben oder Hunde zumindest mögen. Und nicht zuletzt hängen politisch links denkende Menschen mehr mit anderen Linken zusammen, während Konservative sich mit Konservativen umgeben. Ausnahmen bestätigen die Regel und es gibt trotzdem noch tausende von Beispielen dieser beinahe homogenen Gruppen.

Fast jeder Mensch bleibt innerhalb der eigenen Blase und die meisten Menschen sind in ihren Blasen ausgelastet und zufrieden. Ich stelle mir die Gesellschaft als eine Art Schaum vor, der aus all diesen Blasen besteht, die auf- und nebeneinander liegen, sich umher bewegen, sich aber nie überlappen. Zwischen den Blasen findet kaum Austausch statt, weil die meisten Menschen die Membranen nicht durchdringen, um zwischen Blasen hin und her zu wandern. Entweder, sie wissen gar nicht, dass das möglich ist, oder sie sind in ihrer kleinen Blasenwelt so beschäftigt, dass sie einfach nicht auf die Idee kommen, sich auch mal andere Blasen von innen anzuschauen. Dabei ist – und da ist die Verbindung zu Sacks Vortrag – die Mobilität zwischen den gesellschaftlichen Blasen das eigentlich Interessante im Leben. Es ist so spannend, andere Leute in ihren Blasen zu besuchen, das Leben in diesen Blasen zu beobachten oder selbst ein Teil davon zu werden.

Wenn wir immer nur unter uns bleiben, werden wir nicht nur eindimensional und schlimmstenfalls extremistisch, sondern wir vermeiden auch beinahe alle zwischenmenschlichen Herausforderungen, Konflikte und Debatten. Wir entziehen uns jeder möglichen Anfechtung unserer Überzeugungen und kommen so auch nie in die Verlegenheit, diese Überzeugungen in Frage stellen zu müssen. Dabei ist es so wichtig, sich selbst und die eigenen Glaubenssätze zu relativieren, sich im Diskurs zu messen und im Zweifelsfall eben widerlegte Überzeugungen über Bord zu werfen. Wir machen innerhalb unserer eigenen Blase aber auch nie die Erfahrung, wie liebenswert und interessant Menschen sein können, die vollkommen anders sind als wir selbst. Wir berauben uns der Chance auf neue Einflüsse, neue Inspirationen und neue Ideen und wir beschneiden massiv unsere eigene Erfahrungswelt.

Ich bin, ohne groß darüber nachzudenken, immer gern zwischen Blasen gereist. Innerhalb einer kleinen, begrenzten Subkultur oder Interessengruppe zu bleiben, ist mir viel zu langweilig. Je stärker eine Situation oder Person von den mir vertrauten Schemata abweicht, desto interessanter wird das Ganze. Das muss nicht heißen, dass ich alles Andersartige automatisch toll finde – manchmal ist es ein rein beobachtendes oder sogar befremdetes und „schaulustiges“ Interesse. Etwas lernen oder Erfahrungswerte daraus ziehen kann ich aber immer, denn Unterschiede machen das Leben spannend, während immer gleichbleibende Strukturen zu Stillstand und Lethargie führen. Auf diese Weise habe ich schon so viele, unterschiedliche Menschen getroffen, so viele unterschiedliche Meinungen und Lebenseinstellungen gehört und so viele verschiedene Geschichten erzählt bekommen, die ich niemals mehr missen möchte. Oft habe ich Blasen als Fremde betreten und bin als eine ihrer natürlichsten Bewohnerinnen geblieben, jedoch werde ich mich niemals endgültig in irgendeiner Blase einrichten. Ich weiß, wie vielfältig Menschen sind und in was für unterschiedlichen Welten sie leben – dabei bleibe ich immer neugierig, weil mir klar ist, wie unglaublich Vieles ich noch nicht erlebt oder beobachtet habe.

Mein heutiger Aufruf ist daher: Nehmt die Herausforderung an und seid neugierig auf andere Menschen. Durchbrecht die Begrenzungen Eurer Blase und wandert durch andere Blasen, die zufällig vorbeischweben. Schaut und hört genau zu, saugt alles in Euch auf, was Ihr dort erlebt. Menschen sind so wertvoll. Je unbekannter und neuer die Geschichten dieser Menschen für Euch sind, desto mehr könnt Ihr daraus über sie, Euch selbst und dieses ganze, große Schaumbad namens Gesellschaft lernen. Ihr könnt durch Wände gehen – tut es einfach!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s