Storytelling und die postfaktische Gesellschaft

Seit Donald Trump designierter Präsident der USA ist, hat sich ein Begriff in der medialen Öffentlichkeit verbreitet. Es ist die Rede von der postfaktischen Gesellschaft, in der Fakten, Wissenschaft und Expert*innen nichts mehr gelten. Stattdessen treffen die Menschen ihre (Wahl-)Entscheidungen rein nach emotionaler Wetterlage, also nach Sympathie, Nasenfaktor und Unterhaltungswert. Die Frage ist nicht mehr, wer hat inhaltlich Recht und die besseren Argumente. Viel mehr geht es um die Selbstdarstellung und Präsentation einer Person, darum, wie sehr Versprechungen und Aussagen an die Ängste und vorgefassten Meinungen der Menschen appellieren, unabhängig davon, ob die Aussagen kurz darauf geleugnet oder ins Gegenteil verkehrt werden und ob die Versprechen sich als Lügen oder Luftschlösser erweisen.

Dass die Mehrheit der Menschen in den wohlhabenderen Ländern längst postfaktisch funktioniert, hat schon das Brexit-Referendum gezeigt und mensch sieht es in fast jedem europäischen Land am rasant wachsenden Zuspruch für rechte und rechtsextreme Parteien. Mensch sieht es aber genauso am Esoterikboom der letzten Jahre und an der offensichtlichen Suche der Menschen nach übernatürlichen und spirituellen Erklärungen für alles Mögliche, wozu ihnen die wissenschaftlichen Erklärungen nicht gefallen. Die Auseinandersetzung mit Fakten und Zusammenhängen wird als mühsam und aufwändig empfunden, einfache Weltbilder haben Hochkonjunktur.

Der Wunsch der Menschen nach Emotionalität, Einfachheit, Sicherheit und Abgrenzung führt uns geradewegs in Richtung Faschismus. Die rechtsextremen Parteien und Personen sprechen mit ihrem Populismus genau diese haltsuchenden Menschen an und sammeln ausgerechnet Diejenigen um sich, denen Fakten am egalsten sind. Menschen werden durch ihre Leichtgläubigkeit und Unreflektiertheit sehr steuerbar und anfällig für immer extremere Aufwalungen von Feindseeligkeit und Hass.

So weit, so schlecht. Für dieses Phänomen habe ich keine Lösung parat. Hätte ich eine, könnte ich die Welt retten. Was mir allerdings auffällt, ist ein Zusammenhang zwischen der Postfaktizität, also der Überwindung und Marginalisierung von Fakten, und einer immer häufiger werdenden Protestform. Eigentlich ist es nicht wirklich eine Protestform sondern eher eine Kommunikationsform innerhalb von Protestbewegungen, mit der diese hoffen, ihre Strahlkraft zu erhöhen und Menschen zur aktiven Mitwirkung zu animieren. Diese Kommunikationsform ist das so genannte Storytelling, also das Geschichtenerzählen. Aktivist*innen sprechen oder schreiben über Erlebnisse aus ihrer aktiven Protestarbeit, erzählen also bisweilen sehr persönliche Geschichten und sprechen ihre Zuhörer*innen oder Leser*innen damit auch sehr persönlich an. Das passt gut in eine Welt, in der das Große Ganze aus dem Blick zu geraten droht. Mitreißende und spannende Geschichten von gewagten Aktionen mutiger Menschen sind fesselnd und aufregend wie ein Krimi oder Actionfilm. Menschen interessieren sich vielleicht gar nicht dafür, wozu der Aktivismus dient, aber sie sind von den Geschichten fasziniert.

Und genau hier liegt die Chance dieser Kommunikationsform. Durch das Erzählen eigener Erlebnisse zieht mensch andere Menschen idealerweise in einen Bann. Sie nehmen Anteil an den Dingen, die die erzählende Person erlebt oder durchgemacht hat, versetzen sich in die Gefühlswelt dieser Person hinein und werden ganz ohne Fakten angesprochen. Die Kunst der Erzähler*innen muss sein, ihre persönlichen Geschichten dann so mit den Fakten zu verbinden, dass diese quasi als Kolateralnutzen bei ihrem Publikum ankommen. Das Engagement, der hohe Einsatz und die emotionale Involviertheit der Erzählenden verdeutlichen den Lesenden oder Hörenden die Wichtigkeit des Themas und erleichtern ihnen gleichzeitig den Zugang. In die Werte und Emotionen anderer Personen einzuwilligen und diese auf sich selbst zu übertragen, ist viel leichter, als aus dem hohlen Bauch heraus eine eigene Meinung oder Einschätzung zu entwickeln. Solche Vorlagen helfen den postfaktisch denkenden Menschen – sie können Teil ihres einfachen Weltbilds werden, weil sie eben schon existieren.

Im Grunde tue ich mit vielen meiner Texte schon jetzt nichts Anderes. Ich schildere anhand eigener Beispiele und Erlebnisse allgemeine Phänomene, mache auf Probleme aufmerksam und benenne Fakten. Ich sollte noch viel mehr Fakten benennen, viel konkreter werden und mich auf explizitere Quellen berufen. Und ich sollte mehr über die wirklich weltbewegenden und weltgefährdenden Bereiche schreiben, in denen ich aktiv für Verbesserungen und gegen fatale Entwicklungen kämpfe.

Es hilft sehr, globale Themen wie den Klimawandel oder die Auswirkungen von Konflikten und Gewalt mit persönlichen Geschichten zu verknüpfen. Es verdeutlicht so viel, wenn ich meine Texte über Inklusion an mein eigenes Erleben als Mensch mit Behinderung binde. Ich habe eine gewisse Abneigung gegen Selbstdarstellerei, aber letztendlich scheint sie ein immer gangbarerer Weg zu werden, Botschaften unter die Leute zu bringen. Wir sollten alle mehr Geschichten erzählen, wenn wir einander erreichen und bewegen wollen. Vielleicht überzeugen wir dann nach und nach immer mehr Menschen davon, dass Fakten und Expert*innen-Meinungen doch nicht nur schmückendes Beiwerk sind.

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