Sperrmüll und Reichtum

Eigentlich gilt es ja als Symptom eines gewissen Messietums, wenn mensch an keinem Sperrmüllhaufen vorbeigehen kann, ohne zu schauen, ob es darin verwertbare Dinge gibt. Genauso sieht es aus, wenn mensch sinnlose Gegenstände nicht wegwerfen kann, weil mensch denkt, sie ganz sicher irgendwann dringend zu brauchen. Meine Wohnung ist aber keine Messiewohnung und mein Keller ist nur sehr bedingt ein Messiekeller.

In meiner nicht-Messiewohnung gibt es allerdings kaum Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände, die ich in einem normalen Laden gekauft habe. Fast alles habe ich gebraucht übernommen, für kleines Geld oder im Tausch gegen andere Dinge, geschenkt oder  aus dem Sperrmüll gerettet. Ähnlich sieht der Inhalt meines Kleiderschranks aus. Ich kaufe so gut wie nie neue Kleidung. Second-Hand-Läden, Tauschtreffen und (online)-Flohmärkte sind perfekte Quellen für fast alle Dinge des Alltags.

Das ist nicht nur billiger und kommunikativer sondern hat für mich auch einen großen ökologischen Aspekt. Dinge, die noch benutzbar sind, sollte mensch benutzen, anstatt Ressourcen für neue Dinge zu verbrauchen und die noch guten, alten Dinge zu Müll zu machen. Entweder, mensch verwendet Dinge einfach weiter, die jemand anders nicht mehr haben will, oder mensch modifiziert sie, baut sie um, gestaltet sie anders oder macht aus dem alten Material etwas Neues. Aus weggeworfenem Holz in einem Container können zahllose neue Möbel entstehen. Wenn mensch kreativ und künstlerisch begabt ist, werden alte Möbel und Kleider zu etwas richtig Nettem, Neuem. Aus alter Bettwäsche werden zumindest noch Putzlappen oder Demotransparente. Die Produktionsbedingungen von Textilien sind dermaßen katastrophal, dass ich froh um jedes Teil bin, das ich nicht direkt aus diesem Herstellungsprozess ziehe sondern das eh schon existiert und meinetwegen nicht weggeworfen werden muss.

Neben dem finanziellen und dem ökologischen Argument gibt es aber noch ein drittes, das ich für das spannendste halte. Wieder- oder weiterverwertete Dinge haben eine Geschichte. Wenn ich etwas Neues im Laden kaufe, ist es quasi unberührt und ich kann es komplett mit meiner eigenen Geschichte besetzen. Vielen Menschen scheint das wichtig zu sein. Wenn ich etwas Altes nehme, benutze, verarbeite, umwandle, bringt dieser Gegenstand eine Fülle von Vergangenheit mit sich. Wenn ich diese Vergangenheit kenne, weil ich weiß, woher der Gegenstand kommt, hat das Ding für mich automatisch einen wesentlich höheren, ideellen Wert. Ich halte die Möbel in Ehren, die ich aus der Wohnungsauflösung der verstorbenen Mutter einer Bekannten bekommen habe. Ich kannte die Mutter nicht, aber ich bin dankbar für die Dinge und denke, wenn ich sie nutze, oft an die Menschen, die sie früher benutzt haben. Ich kann zu jedem Teller oder Topf, ja selbst zu jeder Gabel und jedem Messer in meiner Küche eine Geschichte erzählen und verbinde mit fast jedem Gegenstand in meiner Wohnung irgendwelche Menschen oder Situationen. Selbst, wenn ich einen Gegenstand finde und nichts über seine Vorgeschichte weiß, verbinde ich mit diesem Gegenstand die Situation und den Ort, an dem ich ihn gefunden habe. Und ich kann mir Geschichten dazu ausdenken, darüber spekulieren, kreativ werden.

All diese Geschichten und Erinnerungsschnipsel sind eine große Bereicherung meines Alltags. Das Leben ist bunter und vielfältiger, wenn Dinge nicht einfach blank und tot sind sondern sich mit Leben und Geschichte(n) aufladen dürfen.

Und manchmal ist das Retten von Sperrmüll sogar komplett uneigennützig sinnvoll. Dinge, die mensch findet, kann mensch verschenken, spenden oder auf dem Flohmarkt verkaufen. Wenn mensch 20 Euro in Ersatzt  eile für ein totes Fahrrad investiert und das wieder fit gemachte Fahrrad für 40 Euro verkauft, hat sich der Aufwand allemal gelohnt. Selbst, wenn mensch es jemandem schenkt, die oder der sich kein Fahrrad leisten kann oder sich einfach gerade darüber freut, lohnt sich die Mühe.

Wir leben in einer unsinnig wohlhabenden Gesellschaft, in der neue Dinge als Statussymbole gelten. Da der Reichtum aber so ungleich verteilt ist, sind viele Menschen auf Sperrmüllfunde und Second-Hand-Käufe angewiesen. Diese Menschen haben, bei allem Elend und allen Unannehmlichkeiten, die beste Ökobilanz. Sie können sich einfach keine Verschwendung leisten. Je reicher Menschen sind, desto verschwenderischer gehen sie mit Ressourcen um. Dieser Zusammenhang ist unnötig – ein bewusster und bewahrender Umgang mit Ressourcen bringt nämlich eine ganz andere, viel schönere Art von Reichtum mit sich.

5 Gedanken zu “Sperrmüll und Reichtum

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