Das Leben ist ein Maskenball

Seit dem 27.04.2020 gilt in NRW in weiten Teilen des öffentlichen Lebens die Maskenpflicht. Im Rest Deutschlands sieht es ähnlich aus, auch wenn die Bundesländer nicht vollkommen einheitlich mit diesem Thema umgehen. Zu Beginn der Coronakrise und auch noch während der ersten Lockdown-Wochen hieß es, einfache Mund-Nasen-Schutzmasken seien relativ wirkungslos und nur der FFP2- oder FFP3-Standard böte tatsächlichen Schutz vor dem Virus. Inzwischen gelten auch sog. Communitymasken als durchaus nützlich im Kampf gegen die Verbreitung von SARS-CoV2.

Dieser öffentliche Sinneswandel verführt Manche zu Verschwörungs- und Verarschungstheorien. Ich finde ihn nachvollziehbar, weil Mund-Nasen-Schutz in China, Südkorea und anderen Ländern durchaus bei der Eindämmung der Pandemie geholfen hat und zumindest der Fremdschutz durch solche Masken nachweisbar existiert. Wenn ich selbst infiziert bin, kann ich durch das Tragen einer Maske meine Viren bei mir behalten und stecke mit viel geringerer Wahrscheinlichkeit Andere an. Wenn ich nun durch eine Maske meinen Tröpfchenflug vermindere und mein Gegenüber, das ebenfalls Maske trägt, dadurch auch noch ein paar meiner Tröpfchen abhält und zusätzlich selbst keine verbreitet, ist für mein logisches Empfinden Jede*r deutlich besser gegen eine Ansteckung gewappnet, als wenn alle sich ungehindert gegenseitig ins Gesicht schniefen. Einen vollständigen Schutz bieten Masken natürlich nicht, aber was bietet den schon? Es geht immer nur mit einer Kombination diverser Maßnahmen, aber das macht jede einzelne dieser Maßnahmen nicht nutzlos, nur weil sie für sich allein betrachtet wenig bewirken würde.

Egal, wie viel Communitymasken wirklich bringen, sie machen mir inzwischen irgendwie Spaß. Ob es das im Sperrmüll gefundene, frisch gewaschen dreieckig um den Kopf gebundene rote Halstuch mit Clownmotiv ist, oder die aus dem unteren Beinende einer alten Jeans mit Sicherheitsnadeln zusammengestöpselte Retropunk-Maske, oder auch die etwas ausgefeileteren Jeansmodelle mit weißem Garn und unregelmäßigem Stich genäht – es hat was, mit einem so neuen und ungewohnten Accessoir herumexperimentieren zu können – vollkommene Narrenfreiheit. Je blöder es aussieht, desto besser – ein bisschen wie die Masken und Verkleidungen im Karneval.

Mein Partner schoss natürlich mal wieder den Vogel ab und nähte sich aus Staubsaugerfilterstoff einen Schnabel, also eine Art gedrungene Spitztüte oder Kukluksclan-Kaputze fürs Gesicht, die in ihren Ecken einfache Gummibänder und im oberen Rand einen Teetütenverschlussstreifen zur Stabilisierung über der Nase hat. Diesen trägt er nun im Wechsel mit seinem schwarzen Baumwolltuch, einer Baustellenmaske und Einmalmasken, die sich durchaus desinfizieren und mehrmals verwenden lassen. Ein Freund von uns nutzte kürzlich einen Kaffeefilter, den er sich vors Gesicht band – auch schön.

Ich wechsele auch zwischen verschiedenen Modellen. Meine Jeansmaskenkollektion wächst zusehens, weil ich alte und kaputte Hosen Jahre lang aufgehoben habe, um daraus irgendwann mehr Hundespielzeug zu basteln. Da es dazu bisher nicht kam, weil Quatschis aus der Mode geraten sind, kann ich jetzt anderweitig kreativ sein. Jeansstoff ist allerdings fast so dicht wie FFP2-Masken, zumindest was das Gefühl beim Atmen angeht – besonders viel Luft bekommt mensch damit nicht und die Stimme klingt beim Sprechen etwas gedämpft. Aber ein individuelles Zeichen setze ich damit trotzdem gerne. Genauso wie mit der bedruckten Solidaritätsmaske von der Campagnenorganisation Campact, die „Schutz auch für Geflüchtete!“ fordert, mit dem Clowntuch oder mit meiner banküberfalltauglichen, schwarzen halb-Sturmhaube aus einem engen, elastischen Rundschal. Ich las auch schon von Leuten, die sich einzelne BH-Körbchen vors Gesicht binden. Das finde ich sehr kreativ. Leider sind meine BHs dafür zu klein, obwohl sie mir zum sachgemäßen Gebrauch zu groß sind. Ein paar ganz normale, gekaufte Masken habe ich aber auch – irgendwoher musste ich ja die Ideen und Vorlagen für meine Eigenproduktionen nehmen.

Vielleicht bin ich zu unkritisch oder habe mal wieder irgendeinen Schuss nicht gehört, aber ich bevorzuge es, die positiven Aspekte einer Sache zu betonen und die spaßigen Seiten einer Situation für mich auszukosten. Also finde ich Masken jetzt cool, so, fertig. Hätte ich meinen Geburtstag dieses Jahr gefeiert, ich hätte einen Maskenball veranstaltet, natürlich mit gebührender Prämierung der kreativsten Vermummung. Aber das Abstandsgebot und die noch geltende Vorgabe, dass sich nicht mehr als zwei Personen treffen sollen, hielten mich (bisher) davon ab.

9 Gedanken zu “Das Leben ist ein Maskenball

  1. puzzleblume sagt:

    Finde ich auch schön, dass so viele Menschen dem Gegenstand zur gegenseitigen Rücksichtnahme durch Kreativität das freundliche Element „Lächeln“ hinzufügen, das so viele hinter dem Stoff vermissen.

    Ich erinnere mich, dass es ganz zu Anfang hiess, man würde den Westeuropäer nicht dazu bekommen, nach dem jahrelang aus verschiedenen Gründen vorgelebten asiatischen Vorbild zu folgen, Masken im dichter gedrängten öffentlichen Raum zu tragen, und dann erst trat die Knappheit ein, all das Hamstern und Stehlen und die Unmöglichkeit, selbst für medizinisch und pflegerische Tätigkeiten notwendige Masken zu bekommen.

    Während man in anderen Ländern den textilen Behelf schon längst für besser als nichts erachtete und vorschrieb, tändelte man in Deutschland noch mit der Angst herum, alles könnte missverstanden werden und zu Fehlverhalten verleiten, was nicht perfekt ist, und man röchelte, nieste und keuchte sich munter in die Pollenflugsaison hinein.

    Ich bin jedenfalls sehr dafür, und wir haben auch alles Mögliche durchprobiert, wobei die grosse Kopfgrösse meines Mannes und Sohnes eine Herausforderung ist, Passendes selbst zu basteln.
    Die Schnelllösung mit Bandana und Zopfgummis für die Ohren finde ich persönlich prima, weil die Bandanas gut zu waschen und zu bügeln sind.

    Weil man sie nur bei Wegen mit den Öffis, beim Einkaufen, beim Arzt oder ähnlichen Wegen in grösseres Gedrängel tragen soll, also bei Anlässen, die man sowieso nur so kurz wie möglich halten sollte, muss niemand Tag für Tag darunter so viel Unbequemlichkeit erleiden wie all diejenigen, die den gesamten Berufsalltag maskentragend verbringen, und das nicht nur zu Coronazeiten.

    Hab noch einen schönen Tag!

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Puzzleblume,
      vielen Dank für Deinen sehr guten Kommentar! Genau, die Masken als kreativer Lächelersatz, das finde ich sehr schön und eigentlich hätte ich diesen Aspekt noch gut in den Beitrag einbauen können 🙂 Naja, zu spät, aber wer bis hier unten liest, findet auch diese wunderbare Interpretation.
      liebe Grüße
      Lea

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    2. kommunikatz sagt:

      …und gerade lese ich in der lokalen Tageszeitung, dass ein kleines Textilunternehmen aus Hamburg-Winterhude (was aus Aachener Perspektive alles Andere als lokal ist 🙂 ) jetzt Mund-Nasen-Schutzmasken mit Fotos des jeweils eigenen Lächelns bedruckt – da ist mir das kreative Lächeln im übertragenen Sinne doch lieber weil einfacher und sicher preisgünstiger zu haben 🙂

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      1. puzzleblume sagt:

        Die Idee ist aber trotzdem nett. Wer weder Nähmaschine noch sonstiges Geschick hat, ist sicher dankbar für die immer grösser werdende Vielzahl von Angeboten. Ob jemand sich eine Luxusvariante mit Blingbling vor das Gesicht bindet oder eine drollige Eigenkration: Stimmungsaufheller, die zum Tragen motivieren, finde ich alle gut.

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