Tee

Ich sitze hier und trinke englischen Beuteltee mit Milch und Zucker aus einer grenzwertig verdreckten Metall-Isolierkanne. Bis vor ca. 9 Monaten wäre ich nicht im Traum auf die Idee gekommen, irgendwas in Tee zu schütten. Ich war, was Tee angeht, eine totale Puristin. Es gab kannenweise schwarzen oder grünen Darjeeling, manchmal auch unterschiedlichen Kräutertee, immer lose und bloß nicht aus Beuteln, immer aus meiner 1,7 Liter fassenden riesen-Keramikkanne, immer auf dem dicken Glasbaustein-Stöfchen, das ich seit fast 20 Jahren besitze, weil irgendwer es wegwerfen wollte. Es gab eine Phase, in der ich viel Earl Grey getrunken habe. Davor habe ich eine Zeit lang ab und zu zwischen dem Tee Instant-Cappuchino konsumiert. Und davor gab es bei mir eine Zeit, in der ich meinen Flüssigkeitsbedarf tagsüber nur mit Leitungswasser und schwarzem Kaffee gedeckt habe. Zu Beginn meines Studiums habe ich rund um die Uhr aromatisierten Schwarz-, Grün- und Roibuschtee getrunken. Ursprünglich aufgewachsen bin ich mit schwarzem Tee mit Kandis und Zitrone, wobei ich auf diesen Unsinn immer gerne verzichtet habe bzw. den Kandis als Kind lieber lutschen als in den Tee werfen wollte. Tee ist eine Konstante in meinem Leben und ich kehre immer wieder zu meinem Teepurismus zurück, aber zwischendurch schlage ich Kapriolen.

 

So, aber warum zur Hölle ist das nun so interessant, dass ich einen langatmigen Blogbeitrag darüber schreibe? Ganz einfach, es sagt mir sehr viel über mich selbst. Ich schlage diese Kapriolen nämlich nicht einfach aus Launen heraus sondern es gibt dafür klare Anlässe. Diese Anlässe sind andere Menschen, deren Gewohnheiten ich übernehme. Immer, wenn ich mich jemandem sehr verbunden fühle, verhalte ich mich in bestimmten Bereichen und Hinsichten so wie diese Person. Oder ich adaptiere zumindest einzelne Verhaltensweisen wie etwa Trink- und Essgewohnheiten und baue sie in mein Leben ein.

 

Mensch könnte mir nun vorwerfen, ich sei profillos und hätte keine eigenen Vorlieben oder Bedürfnisse, da ich mich immer so sehr an Anderen orientiere. Aber am Teebeispiel wird klar, dass das nicht der Fall ist. Ich weiche nur von meinen eigenen Vorlieben und Gewohnheiten sehr gerne ab, entdecke gerne Neues und stelle mich gerne auf Menschen ein, die mir wichtig sind. Ich gehe dadurch gewissermaßen einen Schritt auf diese Menschen zu. Ich betrete ihre jeweilige Welt und trete aus meiner eigenen Welt heraus, um die beiden Welten miteinander zu mischen und etwas Neues entstehen zu lassen. Das hat für mich viel mit Neugier, Teilen, Geben, Nehmen und Offenheit für andere Menschen zu tun. Und ich bin jedem Menschen dankbar, der auf diese Weise mit mir teilt.

 

Gewohnheiten nahestehender Menschen zu übernehmen oder einfach bei dem mitzumachen, was sie tun, empfinde ich als sehr bereichernd. Mein Leben bekommt immer wieder neuen Input und wird um Aspekte ergänzt, die ich aus mir heraus vielleicht nicht entdeckt hätte. Es hilft mir aber auch ungemein dabei, mich in die jeweiligen Personen hineinzudenken, ihre Erfahrungs- und Wahrnehmungswelt, ihre Beweggründe und Ideen nachzuvollziehen. Wenn ich Dinge, die jemandem wichtig sind, auch für mich zu etwas Wichtigem mache, bringt mich das der betreffenden Person näher und erleichtert die Kommunikation. Kompromisse werden viel einfacher, wenn ich Anpassung als Gewinn neuer Facetten und nicht als Verlust meiner eigenen, festgefahrenen Gewohnheiten betrachte. Mich interessiert einfach, wie die Menschen ticken, was ihnen wichtig ist und was ihnen gut tut. Was jemand mag und genießt, sagt viel über sie oder ihn. Es macht mir die Einschätzung der Person leichter und ermöglicht mir ein tieferes Verständnis und eine aufrichtige Annäherung.

 

Dieses Aufeinanderzugehen mit vermeintlichem Kleinkram wie Tee und Süßigkeiten durchzuspielen, mag ein wenig albern klingen. Es hat sich aber einfach so ergeben. Dass und warum ich es tue, habe ich erst so bewusst bemerkt, als ich über den Tee in der Isolierkanne neben mir nachdachte. Und eigentlich ist es nichtmal Kleinkram, denn es sind die Dinge, die den Alltag mit vielen, kleinen Genussmomenten ausschmücken und aufwerten.

2 Gedanken zu “Tee

  1. kommunikatz sagt:

    Seit einigen Monaten trinke ich nun keinen schwarzen oder grünen Tee mehr sondern nur noch diverse Kräuter- und Roibuschtees. Ich wollte ausprobieren, ob ein Verzicht auf Teein, das dem Koffein ja sehr ähnlich ist, sich auf meine seit immerhin schon anderthalb Jahren bestehenden, massiven Schlafstörungen auswirkt. Gelöst hat sich das Problem nicht, aber eine leichte Besserung glaube ich zu bemerken. Meine Kribbeligkeit und das flaue Gefühl im Magen, wenn ich wenig esse und viel Tee trinke, sind definitiv weg. Nachts schlafe ich aber trotzdem nur in den seltensten Fällen wirklich erholsam und ausreichend lange, was nicht daran liegt, dass ich zu spät einschlafen würde, sondern daran, dass ich immer viel zu früh aufwache. Dagegen hilft auch eine Tee-Umstellung nicht, wie es scheint.

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