Freilauf – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

„Nessi, komm, anziehen!“ Die rotblonde Labradorhündin schlüpfte schwanzwedelnd ins Führgeschirr. Gitta schloss das Geschirr und hängte die Leine ins Halsband ein.“Maus, sollen wir rausgehen?“ Bei dem Wort „rausgehen“ verdoppelte sich sofort Nessis Schwanzwedelfrequenz. Gitta nahm ihren Rucksack von der Türklinke der Rumpelkammer neben der Wohnungstür. Es war schon dunkel, in Begleitung ihres kleinen Monsters fühlte Gitta sich aber annähernd unangreifbar. Nessi musste Menschen ignorieren, solange sie das Führgeschirr trug. Trotzdem würde sie jeden Angreifer gehörig erschrecken. Es war erstaunlich, wie mutvoll einen die Anwesenheit eines Hundes machen konnte.

Draußen war es lau und still. Niemand war unterwegs, nicht nur in Gittas ruhiger Seitenstraße, sondern auch an der normalerweise belebten Kreuzung. „Nessi, Ampel such“, gurrte Gitta und Nessi steuerte sofort mit Propellerschwanz den Ampelmast an. Mit den Vorderpfoten am Bordstein und der Nase am Ampelpfosten blieb die Hündin stehen. Gitta lächelte und steckte Nessi ein Leckerchen zu. Die Straße war frei, nichteinmal in Autos trauten sich die Menschen vor die Tür. So hatte Gitta keine Chance, am fließenden Verkehr herauszuhören, wann die Ampel auf Grün umsprang, also gab sie Nessi sofort das Signal zum Überqueren und ließ sie die Tür des Kiosks suchen.

Mit Tabak, Blättchen und zwei Flaschen Bier im Rucksack ging es weiter. Bevor Gitta etwas sagen konnte, bog Nessi um die Ecke in Richtung Park. „links voran“. Den Weg kannte Nessi, Gitta gab die Hörzeichen nur der Vollständigkeit halber. An der großen Wiese des verlassenen Parks ließ sie Nessi eine Bank suchen, setzte sich und befreite die Hündin von ihrer Arbeitskleidung. „Nessi, touch!“ Nessi drückte übermütig ihre Nase gegen Gittas Hand. „Lauf!“ Das ließ Nessi sich nicht zweimal sagen. Sie würde weder Döner noch Fritten oder Grillreste auf der Wiese finden – gefahrloses Schnüffeln und Rumrennen war möglich. Wie lange sie wohl noch von dieser unbeschwerten Zeit zehren würden?

Die Wörter „Rumpelkammer“, „mutvoll“ und „zehren“ für die Textwochen 15/16 des Schreibjahres 2020 stiftete der Etüdenerfinder Ludwig Zeidler, der selbst leider nicht mehr bloggt.
Und ich dachte immer, Christiane hätte die Etüden selbst erfunden 🙂

13 Gedanken zu “Freilauf – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

  1. Christiane sagt:

    Die Etüden gibt es seit Anfang 2017, seit Mitte April 2017 sind sie bei mir. Seitdem hat es einige Änderungen gegeben: Anfangs waren es 3 Wörter, die in 10 Sätzen(!) untergebracht werden mussten, und es gab jede Woche neue Wörter. Außerdem hat Ludwig damals noch und für eine ziemlich lange Zeit die Illustrationen dazu gestaltet (er ist Künstler). Warum er sie abgegeben hat? Weil er keine Lust mehr hatte und ihm der Verwaltungsaufwand zu viel wurde – nachvollziehbar, ich habe da den längeren Atem, und auch ja, ich habe den Aufwand unterschätzt. Aber gleichzeitig hat mich die Herausforderung gereizt, gerade auf Dauer.
    Ja, es ist eine spezielle Zeit, in der wir gerade leben, die Rahmenbedingungen sind schon ziemlich anders. Auch bei mir (Hamburg) ist es z. B. ruhig wie selten. Man könnte sich dran gewöhnen …
    Liebe Grüße
    Christiane 🙂

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Christiane,
      danke für den Einblick in die Historie der Etüden! Oh ja, ich glaube Dir, dass das eine Menge Arbeit macht. Deshalb kannst Du Dir des Danks aller Mitschreiber*innen ganz bestimmt sicher sein.
      liebe Grüße
      Lea

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Ela,
      vielen Dank! Auf Bänken sitzen war hier zum Glück nie verboten, es sei denn, mensch sitzt da in größeren Gruppen (>2). Aber Gitta geht ja eh im Dunkeln raus, da interessiert es Niemanden. Das ist übrigens wieder die Parallele zu mir selbst. Im Hochsommer, wenn es mir tagsüber zu warm ist, gehe ich gerne spät abends spazieren, sogar auf ruhigen und verlassenen Wegen im Grünen. Ich habe ja mein rabenschwarzes Monsterchen dabei, mir kann Keiner was 🙂
      liebe Grüße
      Lea

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      1. kommunikatz sagt:

        Ohne das Monsterchen wäre es mir vermutlich gar nicht eingefallen, aber die Süße braucht ja Auslauf und als ich noch keinen Garten hatte, wollte ich ihr die Möglichkeit zum Rumrennen möglichst jeden Tag bieten, auch bei Sommerhitze. Und dann stellte ich fest, wie schön es spät abends oder nachts draußen ist 🙂

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  2. Werner Kastens sagt:

    Wie sagte Loriot: ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos. Ja, sie können einem viel Sicherheit geben, besonders am Abend und in der Nacht. Aber die Blindenhunde sind noch einmal ein ganz besonderes Kapitel für sich.
    Sehr schön beschrieben.

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke! Vielleicht sollte ich viel mehr solcher Stories schreiben. So ein bisschen hatte ich eh den Ansatz, dass in jeder meiner Geschichten irgendetwas auftauchen sollte, was vielen Menschen neu oder fremd ist oder was sie im ersten Moment vielleicht seltsam berührt und dann interessiert. Vor allem, wenn das für mich ganz normale und alltägliche Dinge sind, ist es ja einfach, macht Spaß und leistet Aufklärungs- und Normalisierungsarbeit. Ob das die kiffenden Protagonist*innen in „Kalt erwischt“, „Captain Wasserscheu“ und „Winterplüsch“ sind (vom „Bartschaf“ mal ganz zu schweigen) oder das mutmaßlich lesbische Pärchen in „Paradies mit Meisen“ oder eben die blinde Frau mit ihrer Führhündin, die sich nachts mit Bier und etwas zu Rauchen in den einsamen Park setzt. Ich mag es, erst zu befremden und dann zu beweisen, wie alltäglich Dinge sind. Inklusion ist erreicht, wenn Unterschiede sich normal anfühlen – in allen Lebensbereichen. Ja, ich würde mich gerne Inklusionsbotschafterin nennen, aber ich glaube, den Titel muss mensch verliehen bekommen 🙂

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      1. Myriade sagt:

        Solche Geschichten, die es den Lesenden erlauben, einen Einblick in unbekannte Welten zu machen , sind ganz bestimmt ein Beitrag zum gegenseitigen Verständnis.Es ist doch jeder Mensch eine eigene Welt und das Zusammenfassen in diverse Kategorien dient ja hauptsächlich der Orientierung

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      2. kommunikatz sagt:

        Ganz genau, die Menschen müssen mittelfristig verstehen, dass Schubladendenken wie jede Modellierung der Realität eben nur eine vereinfachende Denkhilfe ist. Verschiedenheit ist normal, jedes Individuum verdient seine eigene Schublade 🙂

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