When all the Stories meant for you have already started

Auf einem Straßenfest kam ich mit einer mir unbekannten Frau ins Gespräch. Sie erzählte mir ungefragt von einem blinden Bekannten und irgendeiner Situation, in der er sie in einem vollen, lauten Raum an ihrer Stimme erkannt hatte. Davon war sie offenbar sehr beeindruckt. Unvermittelt sagte sie zu mir „Sie haben doch bestimmt auch ein absolutes Gehör!“. Das war keine Frage sondern eine Feststellung bzw. eine vorgefasste Meinung. Ich musste sie leider enttäuschen und sie fing sich den Kommentar „Bitte nicht immer diese Klischees!“ ein. Erstens hat das identifizieren einer Stimme unter erschwerten Bedingungen absolut nichts mit einem absoluten Gehör zu tun – das ist die Fähigkeit, den Kammerton A und alle weiteren Töne des musikalischen Spektrums ohne Referenz aus dem Kopf zu bestimmen. Menschen mit absolutem Gehör leiden bisweilen sehr unter nicht richtig gestimmten Instrumenten, weil sie, selbst wenn der Klang in sich harmonisch und aufeinander abgestimmt ist, die Abweichung von den richtigen Frequenzen immer bemerken und als schief empfinden. Ich habe nur einmal in meinem bisherigen Leben einen Menschen mit absolutem Gehör getroffen. Der war zwar blind, aber ein ganzer Haufen blinder Menschen, die ich kenne, inkl. mir selbst, haben kein absolutes Gehör.

 

Was die Frau meinte, war vermutlich ein überdurchschnittlich gutes Gehör. Selbst das haben blinde Menschen, wie auch ich, in der Regel nicht. Was sie haben, ist meistens ein gut geschultes Gehör, weil sie sich viel mehr darauf konzentrieren als Sehende. Das ist logisch, da für die meisten blinden Menschen das Gehör der primäre Sinn ist, wie für sehende Menschen eben das Sehen. Natürlich achtet ein blinder Mensch viel genauer auf alle akustischen Wahrnehmungen, weil sie für diese Person nunmal die wesentliche Informationsquelle über die meisten Umgebungsbedingungen sind. Dass ein Sinn automatisch alle Rekorde bricht und Grenzen überschreitet, nur weil ein anderer Sinn ausgefallen ist, ist aber ein Irrglaube.

 

Allerdings rege ich mich gar nicht über die falsche Verwendung des Begriffs „absolutes Gehör“ auf. Der rote Knopf, auf den die Frau bei mir drückte, war das Klischee, dass alle blinden Menschen automatisch ein absolutes Gehör haben müssen. Das ist genauso unsinnig wie die Überzeugung, alle schwarzen Männer hätten riesige Penisse, alle Menschen aus Frankreich wären große Verführer*innen, alle kopftuchtragenden Frauen wären unterdrückt oder alle Menschen jüdischen Glaubens hätten krumme Nasen. Es ist egal, ob die Diskriminierung positiv oder negativ ist – sie bleibt eine Diskriminierung, denn sie schert alle Menschen aufgrund eines überhaupt nicht aussagekräftigen Merkmals über einen Kamm.

 

Wenn es um Menschen mit Behinderung geht, gibt es zwei Arten von Klischees, auf denen in fast jedem Zusammenhang penetrant herumgeritten wird. Menschen mit Behinderung sind entweder Held*innen oder Opfer. Die Geschichte mit dem absoluten Gehör fällt in die erste Kategorie. Behinderte Menschen werden in der öffentlichen Wahrnehmung bzw. in der medialen Darstellung gerne überhöht und gefeiert, weil sie relativ normale Dinge tun. Die nichtbehinderte Öffentlichkeit hält es für eine besondere Leistung, dass eine Person mit Behinderung selbstständig ihr Leben organisiert. Wenn die Person dann noch etwas tatsächlich besonderes kann oder tut, wird darüber natürlich besonders himmelhoch jauchzend berichtet. Menschen wie Sabriye Tenberken und Verena Bentele sind zweifellos beeindruckend und haben großartige Dinge geleistet, die ihnen wegen ihrer Einschränkungen bestimmt in einigen Punkten auch schwerer gefallen sind als einem Menschen ohne Behinderung. Aber muss sich deshalb jeder Mensch mit Behinderung schämen und schief anschauen lassen, der nicht soetwas zustande bringt? Auf einer Tandemtour mit meinem Exmann wurde ich angesprochen, wir würden doch bestimmt auch bei den Paralympics mitfahren. Nein, wir machten einfach nur Urlaub! Es hinterlässt ein sehr fades und befremdliches Gefühl, wenn Leute einen so falsch einschätzen. Überschätzt zu werden, setzt unter Druck. Und es irritiert und beschämt gewissermaßen. Bei Leuten wie mir, die sich sowieso meistens für eher unfähig und nicht ehrgeizig genug halten, triggert es zuverlässig diesen Minderwertigkeitskomplex.

 

Das Opferklischee ist das genaue Gegenteil – umso absurder ist es, dass Held*innen- und Opferklischee in der öffentlichen Meinung über Menschen mit Behinderung gleichwertig und unangefochten nebeneinander stehen. Menschen mit Behinderung werden als arme, leidende und selbst nicht handlungsfähige Personen dargestellt – wenn ihnen der Personenstatus denkender Individuen  nicht sogar ganz abgesprochen wird. Formulierungen wie „X leidet unter der Krankheit Y“ oder „Z ist an den Rollstuhl gefesselt“ verdeutlichen die angenommene Hilflosigkeit und das unterstellte Leiden. Wenn in einem Bericht über eine behinderte Person Ausdrücke wie „lebensfroh“ oder Beschreibungen fröhlicher Situationen auftauchen, liest sich das immer so, als wäre die Autorin oder der Autor darüber komplett überrascht und als hätte sie oder er niemals im Leben damit gerechnet, auf einen zufriedenen oder sogar glücklichen Menschen mit einer Behinderung zu treffen. Laut dem Opferklischee können Menschen mit Behinderung nicht glücklich sein – sie sind verzweifelt, grämen sich permanent und empfinden ihre Einschränkungen als allgegenwärtigen Mangel.

 

Ja, Behinderung ist ein Stigma, vor allem, wenn mensch ständig gegen diese Opferrolle ankämpfen muss. Ich persönlich empfinde es als diskriminierend und höchst seltsam, wenn fremde Menschen mich dafür bewundern, dass ich ein ganz normales Leben führe., dass ich meinen Haushalt alleine schmeißen kann und dass meine Kleidung sauber und farblich korrekt aufeinander abgestimmt ist. Wenn dann noch jemand sagt oder schreibt, dass ich trotz meiner ach so schlimmen Behinderung(en) eine so lebenslustige und mutige Frau bin, setzen bei mir sämtliche Fluchtreflexe ein. Ich bin lebenslustig und manchmal mutig, aber was, bitteschön, hat das mit der Tatsache zu tun, dass ich behindert bin?

 

Wenn sich diese Bewunderung für Selbstverständlichkeiten dann auch noch mit der Irritation darüber abwechselt, dass ich kein absolutes Gehör habe und nicht bei den Paralympics mitmache, fühle ich mich, gelinde gesagt, nur noch verarscht. Niemand ist gleichzeitig Opfer und Held*in. Aber auch niemand ist entweder nur Opfer oder nur Held*in. Die meisten Menschen mit Behinderung sind, genau wie die meisten Menschen ohne Behinderung, einfach ganz normale Menschen. Manchmal tun sie beeindruckende und großartige Dinge, manchmal leben sie einfach vor sich hin und manchmal fühlen sie sich ungerecht behandelt oder leiden unter irgendetwas – ja, manchmal sind sie auch einfach nur schlecht gelaunte Arschlöcher. Das gilt so für alle Menschen, wenn auch in unterschiedlichen Abstufungen und Größenordnungen, die wiederum nichts mit der Frage zu tun haben, ob jemand formal als behindert gilt oder nicht. Wie Funny van Dannen so schön in einem seiner Lieder singt: Auch lesbische schwarze Behinderte können ätzend sein!

 

Auf der Webseite www.leidmedien.de gibt es eine Menge sehr guter Analysen und Informationen zu genau diesem Thema. Die Seite richtet sich an Journalist*innen und gibt Hilfen und Anhaltspunkte, wie mensch über Personen mit behinderung berichten sollte und wie besser nicht. Der Umgang der Journalist*innen mit dieser Thematik ist grundlegend und ausschlaggebend für alles. Die Medien, in denen sie schreiben und sprechen, sind meinungsbildend für die gesamte Gesellschaft. Wenn diese Medien endlich aufhören, Zerrbilder und Klischees zu verbreiten und stattdessen anfangen, Menschen mit Behinderung als ganz normale Menschen darzustellen, kommen wir der Inklusion einen großen Schritt näher. Falsche Unterstellungen, vorgefasste Meinungen und vorgebahnte Wege, die den Menschen angedichtet und aufgedrückt werden, verhärten gefühlte Unterschiedlichkeit. Inklusion funktioniert aber erst dann, wenn Unterschiede als normal empfunden werden.

 

Meiner persönlichen Psychohygiene wäre jedenfalls ein enormer Dienst geleistet, wenn ich mich nicht immer wieder darüber ärgern müsste, dass Menschen glauben, mich in Geschichten und Vorurteile hineinpressen zu müssen. Meine Geschichte)n) bestimme ich selbst und es haben längst noch nicht alle Geschichten begonnen, die mein Leben ausmachen.

 

PS: Aus Quatsch habe ich gestern Abend dann mal versucht, meine Gitarre ohne Referenzton einfach nach meinem Gehör zu stimmen. Das Ergebnis klang erstaunlich richtig 😉

 

PPS: Der Titel dieses Beitrags ist eine Textzeile aus dem Stück „Colour fields“ der großartigen Band Elbow.

2 Gedanken zu “When all the Stories meant for you have already started

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