Phantasien I

Menschen leben in ihren eigenen Welten mit ihren eigenen Klischees und Glaubenssätzen. Ich finde es sehr spannend, zu erleben, welche Phantasien Menschen sich über mich und meine Hündin machen bzw. welche Bilder von blinden Menschen und Führhunden offensichtlich unbemerkt in sehr vielen Köpfen stecken. Eigentlich ist mir ja klar, dass Menschen ihre vorgefassten Meinungen selten bewusst hinterfragen und dass es daher ein Leichtes ist, in irgendeine Klischeefalle oder Schublade zu stolpern, aber in den letzten Tagen wurde mir das in einigen Situationen wieder sehr deutlich vorgeführt. Ich knüpfe mit diesem Beitrag gewissermaßen an den Beitrag „When all the Stories meant for you have already started“ an, wo ich schon auf das Phänomen eingegangen bin, dass Menschen mit Behinderung von Unbeteiligten grundsätzlich entweder für Held*innen oder für hilflose Opfer gehalten werden.

Es begann mit dem Mann, der meinte, mir erklären zu müssen, was Arzu während ihrer Arbeit tun darf und was nicht. Es war Arzus erster Arbeitseinsatz nach dem langen Urlaub, sie war also etwas aus der Übung und ich hatte den klaren Ansatz, eine notwendige Besorgung mit einem Trainingslauf für sie und mich zu verbinden. Ich wollte testen, ob sich irgendwelche Fehler eingeschlichen hatten. Wir waren erst zwei Minuten unterwegs und standen an einer Ampel. Etwa zwei oder drei Meter von uns entfernt stand eine Gruppe Menschen mit einem kleineren, scheinbar schlecht gelaunten Hund. Der Hund bellte Arzu an, woraufhin sie sich immer wieder zu ihm umzudrehen versuchte. Sie bellte nicht zurück, aber sie war merklich abgelenkt. Da ich es trotz Trainingslauf ein bisschen eilig hatte und die nächste Grünphase auf keinen Fall verpassen wollte, bat ich die Menschen, sich mit ihrem Hund ein wenig weiter zu entfernen, da sie meine Hündin zu stark ablenkten. Daraufhin kam ein Mann aus der Gruppe auf mich zu und konstatierte im Brustton der Überzeugung, das könne ja wohl nicht sein und meine Hündin dürfe sich während der Arbeit doch nicht von anderen Hunden ablenken lassen. Ich sagte ihm, dass sie es aber nun offensichtlich täte und dass sie aktuell nach einer längeren Arbeitspause wieder im Training sei, er solle sich da also bitte raushalten. Die Ampel wurde grün, der Typ war einigermaßen einsichtig und die Leute gingen tatsächlich etwas auf Abstand, so dass ich Arzu wieder auf den Bordstein und die straße fokussieren konnte – im Ergebnis war also alles okay.

Er hatte im Grunde ja Recht: Ein Führhund im Dienst darf sich nicht ablenken lassen und muss andere Hunde ignorieren. Nach einer mehrwöchigen Arbeitspause und wenn ein Hund mit dem Thema „Ablenkung durch andere Hunde“ eh manchmal etwas Schwierigkeiten hat, ist das aber eindeutig zu viel verlangt. Einer blinden Person mit Hund dermaßen reinzureden, ohne auch nur im Ansatz die situation einschätzen zu können, verbietet sich meiner Meinung nach und ich fühlte mich komplett für dumm verkauft. Was im Verhalten meines Hundes als Fehler gilt und was nicht, wie ich mit Fehlern umgehe und worum ich andere Menschen bitte, bestimme ich selbst – fertig.

Die zweite Geschichte passierte auf dem Rückweg des selben Trainingslaufs. Arzu machte ihre Arbeit super, sie hatte also offensichtlich nichts vergessen. Sie war nichtmal übermäßig unkonzentriert, es lief besser als erwartet. Wieder eine Ampel, wieder andere Passant*innen um uns herum: Eine Frau neben uns wollte ebenfalls die Straße überqueren. Als die Ampel auf grün sprang, ging die Frau los und fing im selben Moment an, Arzu immer wieder mit „Na, komm, komm!“ zu locken. Ich ignorierte das komplett, Arzu zum Glück auch. Sie wartete auf mein „queren“, überquerte mit mir im Schlepptau vorbildlich die Straße und führte mich bis zur nächsten Ampel, nur etwa 30 Meter weiter. Die Frau war immernoch neben uns, die Ampel wurde grün und die Frau fing sofort wieder mit ihrem Lock-Theater an. In diesem Moment platzte mir der Kragen. Ich sagte ihr, sie solle gefälligst sofort aufhören, meinen Hund zu locken, da das an befahrenen Straßen für uns lebensgefährlich sein könne und Arzu auf keinen Fall darauf reagieren dürfe. Die Frau ging wortlos weiter und ich blieb nach der zum Glück reibungslosen Überquerung erstmal verdattert auf der anderen Straßenseite stehen. Besser konnte Arzu mir zumindest nicht beweisen, dass sie trotz des langen Urlaubs nicht verlernt hatte, sich auf mich zu konzentrieren.

Einen Führhund im Dienst anzusprechen, anzulocken oder anderweitig abzulenken, geht absolut nicht. Ein solcher Hund muss sich vollständig auf seinen Menschen und dessen Kommandos konzentrieren. Wann etwas so essentielles wie eine Straßenüberquerung beginnt, entscheidet ausschließlich die blinde Person, die den Führbügel in der Hand hält. Nur diese Person weiß schließlich, wohin sie will und wann sie sich wie bewegen möchte. Und falls die frau in wirklichkeit nicht Arzu anlocken sondern mir sagen wollte, dass ich jetzt losgehen kann, hätte sie das vielleicht auf normale Art und Weise tun können und nicht so, als spräche sie mit einem Kleinkind.

Die nächste Situation passierte heute auf dem Weg zur Post. Wieder war Arzu im Dienst, wieder lief alles sehr gut. Sie hatte mir begeistert den Briefkasten angezeigt, ich hatte meine Briefe dort versenkt und wollte nun den Rückweg antreten. Da, wo ich die Straße überqueren wollte, stand aber ein Lieferwagen im Weg, was die Kommunikation zwischen Arzu und mir etwas verwirrte. Ich war gerade dabei, die Situation zu analysieren und zu verstehen, wo das Problem lag, Arzu und ich standen derweil etwas planlos am Straßenrand herum. In diesem Moment kam eine junge Frau auf uns zu und sagte unvermittelt, sie fände es so toll, wie sehr ich Eins mit meiner Hündin wäre und wie gut wir zurechtkämen. Ich war relativ belustigt und antwortete, dass wir eigentlich gerade überhaupt nicht zurechtgekommen seien. Wir sprachen kurz über die Situation, sie bestätigte mir, dass der Lieferwagen im Weg stand und wir wünschten uns gegenseitig einen schönen Tag. An der Stelle, die ich inzwischen als die richtige identifiziert hatte, überquerte ich mit Arzu die Straße und wir gingen in Richtung Hause.

Die junge Frau hatte offensichtlich das übertrieben perfekte Bild eines Führhundes als unfehlbarer Engel auf Samtpfoten im Kopf. Ohne uns länger beobachtet zu haben, steckte sie uns sofort in die Schublade des heldenhaften, alle Situationen im Handumdrehen meisternden Führgespanns aus dem Werbeprospekt der unehrlichsten Führhundschule. Es stimmt so weit, dass ich mich im wahrsten Sinne des Wortes blind auf Arzu verlasse und dass sie mein Vertrauen bisher nicht gravierend enttäuscht hat, aber das ist nicht auf eine übernatürlich spirituelle Verbindung zwischen uns zurückzuführen sondern auf ihre gute Ausbildung und mein meistens konsequentes und für sie angenehmes Verhalten. Assistenzhunde sind immernoch Hunde. Sie können Fehler machen, sie können Situationen falsch einschätzen, sie können wegen eines unklaren Kommandos ihres Menschen irritiert sein oder was auch immer. Sie sind jedenfalls nicht perfekt und unfehlbar, selbst wenn ihre Ausbildung noch so gut ist.

Wir waren höchstens 100 Meter weiter, da brachte mich der nächste Mensch aus dem Konzept. Wir standen schon wieder an einer Ampel, die Ampelphase wechselte gerade auf grün und ich wollte Arzu das Kommando zum überqueren geben, da sprach mich ein Mann an, ob das ein Blindenführhund sei – er sagte Blindenhund, aber nun gut, was solls. Ich bejate die Frage und forderte Arzu zum queren auf. Ungeachtet dessen, dass wir offensichtlich auf unseren Weg konzentriert waren, redete der Typ weiter. Er fragte „Sind sie denn blind?“. Schon von der Straßenmitte aus rief ich ihm ein weiteres „Ja“ zu und wir liefen unbeirrt weiter.

Diese Szene fällt wieder in die Kategorie „nicht ablenken“, nur dass der Mann diesmal nicht Arzu sondern mich störte. Nicht nur der Führhund muss sich konzentrieren, auch der blinde Mensch hinten am Führbügel muss genau darauf achten, was in der Umgebung passiert und welche Bewegungen der Hund macht. Es gibt immer unvorhersehbare Gefahren. Autos, die sich nicht an Ampelphasen halten, eine Ampelphase, die viel früher als gedacht vorbei ist und Autos, die es viel zu eilig haben, versteckte Hunde, von denen sich auch ein Führhund mal ablenken lassen kann oder irgendetwas Anderes, was die blinde Person eben früh genug mitbekommen muss, um sich selbst und ihren Hund noch rechtzeitig aus einer potentiellen Gefahrenzone herausbewegen zu können. Ein Führgespann anzusprechen, wenn Mensch und Hund irgendwo herumstehen und beispielsweise auf einen Bus warten, ist in Ordnung – solange mensch den Hund nicht lockt. Aber ein Führgespann in Bewegung, also mitten während der Arbeit, stört mensch nicht – schon gar nicht mit blöden Fragen nach Offensichtlichkeiten.

Die letzte Situation ist gerade erst ein paar Stunden her. Arzu hatte frei und ich lief mit ihr an der Leine um den Block, damit sie ihre Geschäfte erledigen konnte. Ein Bekannter, den ich unterwegs zufällig traf, ging ein Stück des Weges mit uns und wir tauschten etwas Smalltalk aus. Da morgen die Müllabfuhr kommt, standen überall Mülltonnen und gelbe Säcke herum, der Gehweg war ein Slalomlauf und ich stocherte mir meinen Weg mit dem Langstock mehr oder minder frei. Da mich das ziemlich in Anspruch nahm, sagte ich zu meinem Bekannten, dass mich diese Mülltage immer nervten und dass ich mich ziemlich konzentrieren müsse. Darauf reagierte er sehr erstaunt, weil er erwartet hatte, ich würde mir jede Position der Tonnen und Säcke merken und diese seien immer gleich. Als ich einige Meter weiter mit dem Langstock gegen ein Straßenschild pendelte, fragte er nahezu entgeistert „Wie, das hast du dir auch nicht gemerkt?“. Ich war meinerseits ebenfalls etwas konsterniert. Ich erklärte ihm, dass ich natürlich weiß, dass dort ein Schild steht, aber dass ich den Stock nuneinmal brauche, um es genau zu lokalisieren. Wenn ich mir so exakt merken könnte, wo wann welche Gegenstände im Weg stehen, bräuchte ich keinen Stock. Allerdings wäre ich dann offenbar auch mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet.

Auch er hielt mich anscheinend für einen Übermenschen, wie manche Leute Arzu für einen Überhund halten. Ja, ich merke mir sehr genau die Positionen von Dingen. In einem begrenzten Raum wie beispielsweise meiner Wohnung finde ich Dinge sehr zielsicher. Aber draußen, wo die Dimensionen größer und die Hindernisse beweglich sind, bin ich mit meinem Gedächtnis und meiner inneren Landkarte chancenlos. Nicht nur, dass gelbe Säcke und Mülltonnen natürlich jede Woche an unterschiedlichen Stellen platziert werden oder dass zumindest die Seite des Gehwegs gerne mal wechselt. Wie perfekt müsste mein Gedächtnis und meine Aufmerksamkeit sein, damit ich mir jede Position jedes möglichen Hindernisses auf den Zentimeter genau merken und meine eigene Bewegung so genau steuern könnte? Dazu habe ich einen Hund an der Leine, der mal hier und mal dort schnüffelt, einen Menschen neben mir, mit dem ich mich unterhalte, und andere Fußgänger*innen, Fahrräder und unberechenbares Zeug rundherum. Nein, ich brauche meinen Stock und wenn ich irgendwo hin will, wo es wuseliger und lauter ist, brauche ich Arzu im Führgeschirr.

Ich halte die Menschen, die diese Irrtümer und Fehleinschätzungen produzieren, nicht für dumm. Allerdings merke ich immer wieder, wie wenig die gängigen Klischees hinterfragt werden und wie sehr Menschen in Schubladen denken, wenn sie nie darauf hingewiesen werden, wie unsinnig diese Schubladen sind. Deshalb weise ich Leute gerne auf solche Irrtümer hin und kläre Fehleinschätzungen auf. Dabei bleibe ich generell freundlich. Nur, wenn jemand mit seinen Fehleinschätzungen mich und Arzu in akute Gefahr bringt, werde ich stinkig. Dann fängt sich die Eine oder der Andere auch mal einen ärgerlichen Kommentar ein – auch wenn ich für wirklich böse Dinge meist nicht schlagfertig genug bin.

2 Gedanken zu “Phantasien I

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