Uhrsachen

Nein, das ist kein Tippfehler sondern ein spontan auf einer Party entstandenes Wortspiel. Die Gastgeber*innen hatten die Feier mit einem kleinen Flohmarkt verbunden, da ihnen ein Umzug bevorstand und sie ausgemistet hatten. Ich kramte in den Sachen auf dem Flohmarkttisch und schaute mir auf meine Weise alles an. Dabei stieß ich auf eine runde Metalldose mit vielen Zahnrädern, Zeigern, Zifferblättern und anderen Einzelteilen von Uhren darin. Ich fragte meinen Partner, was das sei, und er sagte „Eine Dose mit Uhrsachen“.

 

Wir kauften die Dose samt Inhalt, außerdem kauften wir eine E-Gitarre, eine kleine Plüschfledermaus und ein Lederarmband im Piratenstil. Die Uhrsachen waren Bastelmaterial – sowohl für die Vorbesitzerin als auch für mich. Ich sortierte akribisch die Zahnräder, Metallfedern und anderen Teile auseinander, probierte aus, wie verschiedene Dinge zueinander passten und wozu ich sie verarbeiten könnte. Einige nette Kettenanhänger, Ohrringe und Dekorationsgegenstände entstanden – bisher leider großteils nur als Konzepte in meinem Kopf, da ich nicht löten kann und mir ergänzende Teile fehlen.

 

Das Interessanteste in der Dose war aber eine noch fast vollständige Uhr. Sie hat keine Glas- oder Plastikscheibe mehr vor dem Ziffernblatt, die Ziffern fehlen teilweise und das ganze Ding sieht aus, als sei es ziemlich brutal behandelt worden. Es war vermutlich irgendwo eingebaut, denn das Metallgehäuse hat eine Art Ösen, in denen teilweise noch kleine Schrauben stecken. An der Rückseite gibt es diverse Einstellmöglichkeiten, die aber natürlich nicht beschriftet sind, so dass mensch raten muss, was sie bewirken.

 

Anfangs stand diese Uhr still und schien sich auch nicht wiederbeleben zu lassen. Nachdem wir sie mit Sprühöl bearbeitet hatten, erwachte sie dann plötzlich zu neuer Aktivität. Interessanterweise lief sie aber viel zu schnell, als versuchte sie, die Zeit des Stehenbleibens nun aufzuholen. Je nach dem, wie wir sie hinlegten oder an etwas lehnten, damit sie nicht umfiel und alle Rädchen sich drehen konnten, veränderte sich das Geräusch ihres Tickens oder das Uhrwerk quittierte zeitweise doch wieder seinen Dienst. Irgendwann ließen wir sie in Frieden ruhen und ich vergaß sie beinahe.

 

Vor ein paar Tagen, in einem Anfall von Schreibtischaufräumerei, wurde die Uhr wieder bewegt – und auf einmal tickte sie wieder. Natürlich zeigte sie immernoch eine völlig falsche Zeit an und lief auch nach wie vor zu schnell, aber sie lief einfach so, ganz spontan, nur weil sie in die Hand genommen und an eine andere Stelle auf dem Tisch gelegt worden war. Unsere Parallelzeit hatte wieder begonnen. Es war ein irgendwie spezielles und interessantes Konzept von Zeit, denn auf einmal wurde die Zeit, auf die sich alle Uhren bzw. die Menschen geeinigt hatten, durch eine genauso funktionierende, nur etwas schneller laufende Alternativzeit konterkariert. Diese Alternativzeit ließ sich beeinflussen, wenn mensch an den verschiedenen Einstellrädchen herumspielte. Meinem Partner gelang es schließlich, die Uhr auf die tatsächliche Zeit einzustellen und ihr Tempo so weit wie möglich zu korrigieren. Da das Ticken uns irgendwann zu penetrant wurde, verbannten wir die Uhr in einen anderen Raum. Dort tickt sie noch immer, inzwischen auch wieder in ihrer eigenen, diesmal allerdings etwas zu langsamen Geschwindigkeit.

Es ist richtig schön, dass diese Uhr tickt. Sie war tot und kaputt, wurde von irgendwem weggeworfen, von unserer Bekannten irgendwo entdeckt und mit all den anderen Dingen in die runde Metalldose gepackt, die dann – vermutlich erst nach vielen Jahren – auf dem Flohmarkttisch bei der Party landete. Wir sammelten sie ein und aus reinem Zufall begann die alte, kaputte Uhr ein neues Leben. Wir halten diese nutzlose Uhr in großen Ehren, denn sie erinnert uns an zwei beeindruckende Menschen und an den unglaublich hohen Wert von Zufällen – wodurch sie auf wunderbare Weise absolut nicht mehr nutzlos ist.

 

Ich glaube nicht daran, dass es einer Person aktiv gut tut, wenn eine andere Person bloß wohlwollend an sie denkt. Dennoch wünsche ich der schwer krebskranken Vorbesitzerin dieser Uhrsachendose alles erdenklich gute. Als ich mit meinem Partner auf dem Weg zu besagter Party war – dem 50. Geburtstag eines Kollegen von ihm – hatte ich nur eine grobe Ahnung, dass ich die Frau des Kollegen vielleicht kennen könnte. Genau so war es aber und auch dieser Umstand, der nicht eigentlich ein Zufall ist, gibt dieser Geschichte für mich etwas Besonderes. Ich wusste von ihrer Krankheit, weil ich sie als Künstlerin von einer gemeinsamen Aktion mit dem Stadtteilprojekt kannte, für das ich bis vor anderthalb Jahren gearbeitet habe. Seit bestimmt zwei oder drei Jahren hatte ich sie nicht getroffen und wusste eigentlich nichtmal, ob sie noch lebt. Ich hätte nicht damit gerechnet, sie in einem solchen Kontext wieder zu treffen und Dinge, die ihr gehörten, so sehr wertschätzen zu lernen.

 

Es bleiben die Feststellungen: Aachen ist ein Nest und Menschen begegnen sich immer mehrmals im Leben. Vielleicht hat das sogar etwas mit gestreckter oder gestauchter Zeit zu tun – U(h)rsachen muss es geben 🙂

 

PS: Inzwischen hat die Uhr ihren Dienst wieder eingestellt, aber ich bin mir sicher, wir werden sie wieder aufwecken können.

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