Das Gendersternchen

Wer hier regelmäßig reinschaut, hat es längst gemerkt: Ich lege Wert auf geschlechtsneutrale Sprache. Ich glaube daran, dass Sprache und Denken sich gegenseitig beeinflussen. Eine von außen verordnete Sprachreform ohne grammatikalische Geschlechter etc. würde natürlich nicht in einem Rutsch Diskriminierungen außerhalb der Sprache beseitigen, aber eine offenere und neutralere Sprache kann helfen, das Denken ebenfalls flexibler zu machen.

 

Mich nervt der Umstand, dass z.B. Gruppen, in denen unterschiedliche Geschlechter vertreten sind, per Default mit einem rein männlichen Oberbegriff belegt werden. Wenn früher jemand von den „Studenten“ sprach, fühlte ich mich nicht gemeint. Wenn heute der Begriff „Übersetzer“  fällt, fühle ich mich ebenfalls nicht angesprochen. Bei an sich neutralen Wörtern wie „Mensch“ nervt es mich schon genug, dass ihnen ein männlicher Artikel vorangestellt wird, obwohl sie auch jede andere geschlechtliche Ausformung eines Menschen meinen können. In diesem Fall besänftigt mich nur die Tatsache, dass die „Person“ ein grammatikalisch weiblicher Begriff ist, von dem dann eben mal Männer sich mit gemeint fühlen müssen. Noch schlimmer sind Wörter für Gegenstände oder abstrakte Konzepte wie „Tisch“ oder „Müdigkeit“. Warum ist das Eine grammatikalisch männlich und das Andere weiblich? Beide sind neutrale Dinge, „das Tisch“ und „das Müdigkeit“ wäre viel angemessener, aber die deutsche Sprache hat nunmal leider diese Macke der grammatikalischen Geschlechter.

 

Wenn es um Lebewesen geht, bin ich rigide. Da lege ich Wert auf Korrektheit, und genau deshalb bevorzuge ich das Gendersternchen vor allen anderen Varianten der geschlechtsneutralen Schreibung. Beidbenennung, also die komplett ausgeschriebene weibliche und männliche Wortform, geht auch, aber eigentlich fehlen dann all die Formen, die das Sternchen meint. Beidbenennung bleibt binär und heteronormativ., genau wie das Binnen-I und alle Schrägstrich-, Bindestrich und sogar Unterstrichvarianten. Der Unterstrich, also das Gender-Gap, lässt alle nicht rein weiblichen oder männlichen Formen in eine Lücke fallen. Sie sind gemeint, aber ihr Symbol ist sowas wie ein unterstrichenes Leerzeichen. Das Sternchen lässt keine Lücke sondern füllt sie durch ein Symbol, das in alle Richtungen weist und eine Art Explosion von Kreativität und Freiheit ausdrückt.

 

Das Gendersternchen umfasst alles, also die ganze, nicht lineare Skala zwischen Weiblichkeit und Männlichkeit. Es steht für bi- und homosexuelle Menschen, die sich dennoch eindeutig als Frau oder Mann definieren, aber auch für Zwitter, trans-, inter-, asexuelle Menschen und alle möglichen weiteren queeren Identitäten und Lebensentwürfe. Das Sternchen schließt niemanden aus, egal, wie weit außerhalb einer sozialen oder biologischen Norm die Person steht.

 

Ich selbst fühle mich nicht im landläufigen Sinne als Frau. Biologisch bin ich eindeutig weiblich und momentan lebe ich in einer unstrittig heterosexuellen Partnerschaft, aber mein Empfinden war immer, dass ich nicht wirklich dazugehöre und nicht eigentlich in eine der gängigen Schubladen passe. Vielleicht kommt daher meine Aversion gegen die binär geschlecchtlichen Strukturen in der Sprache, zumal Sprache ohnehin ein Ding ist, mit dem ich schon immer auf Kriegsfuß stand. Daher versuche ich, der Sprache diesen Zahn zu ziehen, der ständig an mir nagt. Zumindest ich selbst will Sprache so nicht verwenden und ich schätze es sehr, wenn andere Menschen ebenfalls auf ihre Sprachverwendung achten. Wie Wittgenstein schon sagte, ist die Bedeutung eines Wortes sein Gebrauch in der Sprache. Wir können also dadurch, wie wir Wörter, aber auch Grammatik und Rechtschreibung gebrauchen, ihre Bedeutung langsam verändern und beeinflussen. Wir können, wenn wir es wollen und es unserer tiefen Überzeugung entspringt, unser Denken, unsere Sprache und somit letztlich das Denken Anderer aktiv gestalten.

 

Das Gendersternchen überzeugt natürlich niemanden direkt und rational davon, dass geschlechtsneutrale, inklusive Sprache sinnvoll ist. Aber jeder Mensch, der aus eigener Überzeugung und aufrichtigem Empfinden heraus z.B. das Gendersternchen benutzt oder dezent und subversiv falsche grammatikalische Geschlechter vermeidet, hat das eigene Denken, den eigenen Sprachgebrauch und die Botschaften, die bei Anderen ankommen, schon beeinflusst. Die Abgrenzung der Geschlechter in ihrer binären männlich-weiblich-Opposition und die daraus entstehende Konkurrenz auf der einen und der Ausschluss aller abweichenden Geschlechterformen auf der anderen Seite können letztendlich nur so in Frage gestellt und vielleicht irgendwann überwunden werden. Sprache beinhaltet immer Wertungen in unbewussten Konnotationen oder durch den Abruf eines gewissen Schubladendenkens. Schubladen, Gruppen und die Abgrenzung gegen die bösen oder unverständlichen Anderen sind eins der zentralen Probleme in der heutigen Welt. Egal, ob Staaten oder ethnische Gruppen sich gegeneinander abgrenzen, egal, ob Rockerclubs, Fußballfans oder Jugendcliquen sich selbst als die Guten und alle Anderen als anders und ablehnungswürdig definieren: Abgrenzung säht immer Konflikte. Sich miteinander zu beschäftigen und auseinanderzusetzen, Unterschiede als interessante Bereicherung und ganz normales Phänomen zu verstehen und sich von ihnen faszinieren statt abschrecken zu lassen, sind die Wege, die uns aus Konflikten herausführen könnten, wenn wir es denn zulassen. Wer Unterschiede als Normal empfindet und sie nicht als Rechtfertigung für unterschiedliche Rechte oder Chancen missbraucht, hat letztlich auch die zentrale Forderung des Feminismus begriffen: Warum sollten Menschen mit unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten in ihrem Leben unterschiedliche Rechte und Chancen haben? Und warum sollte nur eine ganz bestimmte Ausformung dieser Identitäten sich in der Sprache wiederfinden, während alle anderen systematisch ignoriert werden?

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11 Gedanken zu “Das Gendersternchen

  1. gripseljagd sagt:

    Ich glaube wenn wir es zu verkrampft betreiben erreichen wir gar nichts. Die Sprache einiger Menschen die sich für gebildeter halten würde sich nur abkoppeln vom Rest der Bevölkerung. Homosexuelle, Transsexuelle usw. sich erst recht durch ihre Sprache „outen“. Außerdem kenne ich kein Beispiel in der Geschichte in dem gezielte Sprachbeeinflussung positiv in seiner Wirkung war. Im dritten Reich, in der DDR waren die Ziele immer rückblickend negativ. Sprache sollte wachsen und nicht vereinnahmt werden. Deshalb bin ich nicht überzeugt davon, dass etwas besser wird wenn wir auf „man“ verzichten und krampfhaft versuchen über die Sprache die Geschlechter gleichschalten wollen.

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    1. kommunikatz sagt:

      Um Gleichschaltung geht es nicht. Ich denke, verkrampft die Sprache ändern zu wollen, indem mensch sie Anderen aufzwingt, hat tatsächlich keinen Sinn. Das führt eher zu Widerstand als zu einer positiven Veränderung. Aber es sollte ok und selbstverständlich sein, dass jeder Mensch die Sprache verwenden kann, die ihm oder ihr am treffendsten und „richtigsten“ zu sein scheint. Für nichts Anderes habe ich plädiert – wenn jemand es gut findet, soll sie oder er es tun, wenn nicht, dann eben nicht. Nur über eine positive Herangehensweise kann sich etwas ändern – natürlich nur sehr langsam.

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      1. gripseljagd sagt:

        Gehe ich mit, jeder kann es so tun wie er möchte. Ich für mich halte es für ein relativ unwichtiges Problem an an dieser Stelle der Sprache zu basteln. Mir erschließen sich da keine Vorteile und keine positiven Effekte. Ein Nebenschauplatz. Vor allem, weil sich 95% der Bevölkerung klar als männlich oder weiblich begrifen von den restlichen noch einige gefühlt. Rassismus ist da z.b. ein ganz anderes Problem.

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    2. kommunikatz sagt:

      Ich würde mir nicht anmaßen, zu behaupten, die Geschlechterdiskriminierung in der Sprache sei das einzige oder wichtigste Problem unserer Zeit. Da haben wir einige größere und existenziellere Baustellen vor uns, z.B. in Form von Klimawandel, Nationalismus/Rechtspopulismus, Ignoranz und „Postfaktizität“. Von der menschlichen Unfähigkeit, Konflikte gewaltfrei zu lösen, einmal ganz abgesehen.
      Aber Du schreibst ja selbst, 95% fühlen sich von der Sprache nicht diskriminiert. Was ist mit den restlichen 5%? Wenn Jede*r tun soll, was sie oder er will, dürfen diese 5%, oder wie viel es eben sein mögen, ihr Ding machen und hoffen, dass davon etwas abfärbt. Das ist mein Credo – irgendwas färbt immer ab, solange mensch nicht zu missionieren versucht.

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      1. gripseljagd sagt:

        Und du meinst wir gewinnen dadurch? Ich fühle mich nicht besser wenn ich geschlechtsneutral angeredet werde und ich kenne keine Frau die das möchte. 95% der Bevölkerung werden dann neutral angeredet obwohl sie es nicht wollen, nur weil sich 5% nicht entscheiden können oder wollen!? Eine Freundin wurde schon komisch angeschaut, weil sie sich Strickzeug in eine Frauensitzung mitnahm, sie fühlt sich aber als Frau, wie viele andere auch.

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      2. kommunikatz sagt:

        Wie gesagt, ich will niemanden zu irgendwas zwingen, weil ich viel zu genau weiß, dass das nichts bringt. Ich will nur so schreiben, sprechen und angesprochen werden, wie es sich für mich am passendsten anfühlt. Wie ich im Beitrag schreibe: Wenn jemand mich unter einen männlichen Plural subsummiert, fühle ich mich nicht angesprochen – aus und fertig. Vielleicht bin ich einfach die erste „Frau“, auf die Du triffst, die das so empfindet – ich selbst kenne einen Haufen Leute, denen es so geht und würde aus meiner persönlichen Stichprobe heraus Deinen Prozentangaben daher auch deutlich widersprechen. Mit nicht entscheiden können oder wollen hat das auch recht wenig zu tun, es geht einfach darum, dass Dinge wie Geschlechterzuschreibungen sich einerseits einfach falsch anfühlen können und dass zweitens selbst sehr viele eindeutige Frauen sich als Frau missachtet fühlen, wenn sie sprachlich nie eine Rolle spielen. Das sind zwei verschiedene Baustellen. Was würdest Du als mutmaßlich eindeutiger Mann sagen, wenn Deine Eltern Dich aus welchen Gründen auch immer als Mädchen erzogen hätten, Du Dich aber genauso eindeutig als Mann fühlen würdest, wie Du es eben tust? Würdest Du nicht dafür kämpfen, das Geschlecht zu haben, dem Du Dich zugehörig fühlst? Die Bemerkung mit dem Strickzeug verstehe ich nicht. Ich kenne viele sehr emanzipierte, auch queere Frauen, die gerne und viel Stricken. Handarbeit hat eine Renaissance erlebt und ist schon lange nicht mehr das altbackene Rollenklischee, das es einmal war. Dementsprechend ergibt Deine Ausführung dazu für mich wenig Sinn.

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      3. gripseljagd sagt:

        Das Strickzeugbeispiel ist wirklich real in einer linken Frauengruppe passiert. Die empfanden es als Provokation, dass meine Freundin sich als Frau sieht, positiv diesem Bild auch entsprechen möchte. Auch mit Einser Abi, mir Auszeichnungen, mit aktivem Leben … Es mag ja diskriminierend gemeinte Anreden geben, aber in der Regel ist auch dieses „man“ völlig neutral gemeint.
        Die unterschiedlichen Wahrnehmungen sind natürlich ein Ergebnis des üblichen Informationsumfeldes. Das ist wahrscheinlich wie dieser Nachrichten Effekt, wir hören immer nur schlechtes und die Millionen täglich Überlebenden kommen nicht zu Wort. Es gibt eben auch die Menschen die nicht Vergewaltigt werden. Trotzdem sollten wir aufmerksam bleiben. Ich habe mal die Verbreitung eines Flyers über Hilfen bei häuslicher Gewalt abgelehnt, weil es da nur um Frauen ging, völlig einseitige Opfer und Täter Zuordnung. „meine“ Firma beschäftigt mehr Frauen als Männer und bezahlt Geschlechtsunabhängig auch das gibt es. Um reale Rechte zu streiten, da sehe ich Sinn drin. Trotzdem, es ist gut, dass du da für dich eine Aufgabe siehst, gut dass du dich engagierst. Selbst wenn wir zum Teil eine andere Meinung haben, ist Diskriminierung ein wichtiges Thema. Und Sprache kann ein Teil davon sein. Im Deutschen ist manche sprachliche Differenzierung aber auch ein Unterschied den wir vielleicht auch nicht einfach so opfern sollten.

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      4. kommunikatz sagt:

        Wie etwas gemeint ist, ist oft nicht unbedingt der Punkt. Wenn ich mich von bestimmten Ausdrucksweisen einfach nicht gemeint oder angesprochen fühle, ist die Intention der redenden Person mir relativ schnurz – sie kann es noch so gut meinen, wenn sie die falschen Worte wählt, bin ich mindestens verwirrt oder verärgert. Das gilt natürlich nicht, wenn jemand in der Alltagssprache „man“ sagt – geschenkt, das tue ich selbst in gesprochener Sprache oft aus Faulheit. Aber z.B. das generische Maskulinum treibt mich einfach auf die Palme, weil ich es als sprachliche Manifestation einer jahrtausendelang gewachsenen Ungleichheit empfinde, die noch lange nicht überwunden ist. Wenn jemand „Neger“ zu einem dunkelhäutigen Menschen sagt, meint sie oder er das vielleicht auch nicht diskriminierend sondern denkt sich dabei gar nichts Böses. Trotzdem reproduziert sie oder er damit ein rassistisches Klischee, das sich immer weiter verfestigt, wenn mensch auf solche Ausdrucksweisen nicht etwas bewusster achtet.

        Wenn Du es in Deinem Unternehmen mit Deinen Mitarbeiterinnen fair und im Sinne aller Beteiligten handhabst, ist das sehr erfreulich, aber gesamtgesellschaftlich sieht es vielfach noch anders aus.

        Das Ding mit der häuslichen Gewalt wird tatsächlich oft zu einseitig gesehen. Frauen sind meist die leichteren Opfer und kriegen aufgrund der eingespielten Rollenverteilung und ihrer körperlichen Unterlegenheit garantiert mehr Gewalt ab als die in der Regel viel wehrhafteren und oft selbstbewussteren Männer. Dennoch sind auch Männer davon betroffen, vor allem, wenn sie noch Jungen sind – ganz zu schweigen von psychischer Gewalt, die alle Geschlechter gleichermaßen treffen kann und sehr gerne auch von Frauen ausgeübt wird. Auch Männer können Opfer sein und sind dann selbstverständlich genauso schützenswert wie Frauen. Aber nur, weil es Menschen gibt, die Glück haben und denen keine Gewalt widerfährt, macht das die existierende Gewalt nicht weniger schlimm und bekämpfenswert.

        Für reale Rechte streiten tue ich übrigens in vielen Hinsichten. Die Baustellen innerhalb der Sprache sind nicht das Einzige, was ich beackere, aber konsequenzhalber beackere ich halt auch die, zumal ich mich über solchen Kleinkram am häufigsten im Alltag ärgere.

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      5. gripseljagd sagt:

        Oft fehlt es einfach an ehrlicher Toleranz und das nicht nur gegenüber (statistischen) Minderheiten sondern auch umgekehrt. Deshalb ist es richtig darüber zu reden. Neger alleine für sich ist falsch, Schaumkuss statt Negerkuss, oder Zigeunersschnitzel umbenennen albern, finde ich.

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      6. kommunikatz sagt:

        Yep, ehrliche Toleranz ist keine Einbahnstraße sondern jeder Mensch schuldet sie seinen Mitmenschen.

        Zu den Begriffen „Neger“ und „Zigeuner“ habe ich eine etwas andere Meinung. Manche Begriffe kann mensch zurückerobern und neu besetzen, um sie von einem ehemals diskriminierenden oder negativen Kontext zu befreien. So stark mit Stereotypen und immens vielen negativen Vorurteilen aufgeladene Wörter halte ich allerdings für kaum rehabilitierbar. Da wird unterschwellig eher die Abwertung und Ausgrenzung der so bezeichneten Menschen verhärtet, als dass ein solches Wort plötzlich unverdächtig und harmlos würde. Nur, weil Wörter wie „Negerkuss“ oder „Zigeunerschnitzel“ mit Kindheitserinnerungen angereichert sind und sich irgendwie nach netter Tradition anfülen, werden sie dadurch nicht ungefährlich. Im Gegenteil: Sie schleichen sich so unterschwellig ein, dass sie das wahre Problem sind, weil sie die Negativbilder in den Hinterköpfen immer wieder bestätigen und untermauern, ohne, dass die Menschen es bemerken.

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