Es menschelt

Geschlechtsneutrale Sprache hört in meinem Blog nicht beim Gendersternchen auf, dem ich bereits einen ganzen Beitrag gewidmet habe. Ich weiß, dass ich viele Menschen damit irritiere, wie auch mit dem Sternchen, aber ich schreibe in voller Absicht und mit klaren Hintergedanken „mensch“ statt „man“.

 

„Man“ als neutrales, verallgemeinerndes, unpersönliches Pronomen meint so etwas wie „Jede*r“, „jemand“, „irgendwer“ oder „die Leute im Allgemeinen“. Damit wirkt es erstmal unverdächtig, außer, dass es genau wie „Mann“ klingt und somit eine klare geschlechtliche Assoziation hervorrufen kann. Gut, jetzt sagen Viele „Das ist doch nur ein ähnlich klingendes Wort, was regst du dich auf?“. Zieht mensch aber den Duden zu Rate und schaut sich die Herkunft des Wortes an, landet mensch sehr schnell bei „Jedermann“, wo die Schreibweise mit zwei n verrät, dass es doch etwas mit Geschlechtlichkeit zu tun zu haben scheint. „Jedermann“ meint eigentlich nichts Anderes als „jeder Mensch“, „jede Person“ oder einfach „Alle“.

 

Früher wurde „Mann“ als Synonym für „Mensch“ benutzt, weil Männer einfach der Normalfall waren. Sie übten die allermeisten Berufe aus und waren die gesellschaftlichen Akteure, während Frauen im Hintergrund Haushalt und Familie organisierten. Wenn mensch eine Aussage darüber traf, was „man“ tut oder nicht tut, wie „man“ sich zu verhalten hat oder was „man“ denkt, bezog sich das meistens wirklich nur auf Männer, weil Frauen im Allgemeinen nicht handelten und ihnen das Denken auch weitgehend abgesprochen wurde. Aus dieser Perspektive, die im europäisch/westlichen Kulturkreis Jahrhunderte bzw. Jahrtausende geprägt hat, ist das sprachliche Phänomen also komplett logisch.

 

Nun hat sich die Welt aber ein Stückchen weitergedreht und Frauen sind längst nicht mehr so marginalisiert, wie sie es einmal waren. Sie sind noch immer in vielen Bereichen benachteiligt, weil die besagten Jahrtausende natürlich nachwirken und sich nicht in ein paar Jahrzehnten überwinden lassen. Aber dennoch rühmt sich die heutige Gesellschaft damit, Chancengleichheit und gleiche Rechte für alle Menschen schon weitgehend erreicht zu haben. Dass bis zum wirklichen Erreichen dieser hehren Ziele noch ein sehr weiter Weg vor uns liegt, sei nun erstmal dahingestellt – meiner Meinung nach sind wir sowohl von gleichen Chancen als auch von gleichen Rechten für alle Menschen noch verdammt weit entfernt. Wenn wir dort allerdings überhaupt jemals auch nur ansatzweise ankommen wollen, müssen wir unter Anderem auch unsere Sprache überdenken.

 

Genau, wie das Gendersternchen ein inklusiver Akt ist, um niemanden zu diskriminieren, zu marginalisieren oder auszuschließen, ist dies auch bei „mensch“ statt „man“ der Fall.

Wenn ich mich nicht festlegen will und mich auf irgendeine anonyme Masse beziehe, umfasst diese für mich ganz selbstverständlich alle Geschlechteridentitäten. Das geht quer durch die Bank von Frauen über Zwitter, Transgender, Transsexuelle und die Vielfalt aller queeren Identitäten bis hin zu Männern. Warum sollte ich dafür einen so stark einschränkenden Begriff wie „man“ mit klaren Wurzeln in einem heteronormativen und ausgrenzenden Begriff verwenden? Ich schreibe nicht in erster Linie so, um meine Leser*innen zu missionieren. Mein Grund ist eher, dass sich „man“ für mich einfach nicht richtig anfühlt. Ich empfinde es als unvollständig und eben wirklich als ausgrenzend, u.a. mir selbst als queer angehauchter Frau gegenüber.

 

Sprache ist ein sehr komplexes System, das ständig im Fluss und in der Weiterentwicklung ist. Sprachwandel ist etwas Wunderbares und Spannendes, denn er führt zu Neologismen, neuen Wortschöpfungen und Umdeutungen von Wörtern. Auch hier muss ich wieder den guten Ludwig Wittgenstein zitieren: „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache“. Damit kann mensch rechtfertigen, den Begriff „man“ zu verwenden, wenn mensch ihn als vollständig umdefiniert und von jeder Geschlechtlichkeit losgelöst betrachtet. Das fällt mir jedoch bei der oben beschriebenen, sehr kurzen Entwicklungsgeschichte dieses Wortes sehr schwer. Es ist einfach zu dicht dran und die geschlechtliche Assoziation und Zuschreibung lässt sich einfach nicht wegdiskutieren.

 

Ich persönlich ziehe die Grenze bei den Wörtern „niemand“ oder „jemand“. Diese enthalten natürlich auch das „man“, das seinerseits den oben beschriebenen, eindeutigen geschlechtlichen Bezug hat. Aber die Alternativen „niemensch“ und „jemensch“ werden dann selbst mir erstens zu kompliziert und zweitens ist das „man“ in diesen Begriffen so tief eingebettet, dass es keine so deutliche Assoziation zum geschlechtlichen Konzept „Mann“ mehr auslöst. Vielleicht bin ich an dieser Stelle inkonsequent, vielleicht bin ich realistisch – diese Frage habe ich mir bisher nicht beantworten können, obwohl ich mit geschlechtsneutraler Sprache seit guten 15 Jahren herumspiele.

 

Für mich gibt es aber kaum ein schöneres Beispiel für inklusive und neutrale Sprache als das kleingeschriebene „mensch“ anstelle von „man“. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes unglaublich menschlich und allumfassend. Die Einzigen, die es ausgrenzt, sind alle nicht menschlichen Lebewesen, was ein verdammt großer Teil der Weltbevölkerung ist. Damit kann ich aber leben, da sich das sprachliche Konzept dieses Pronomens in der Regel nur auf sprechende und agierende Menschen bezieht.

 

Die einzige Ausnahme, die ich in Bezug auf „man“ mache, begründet sich aber genau aus dieser Sache heraus. Ich schreibe „man“, wenn ich aus der Perspektive eines Tiers schreibe, denn das Tier würde sich mit einer Verallgemeinerung ganz bestimmt nicht nur auf Menschen sondern eher auf seine Artgenoss*innen beziehen. Außerdem machen Tiere sich keine so komplexen Gedanken über ein Konzept, das sie nur in der Fiktion haben: menschliche Sprache.

2 Gedanken zu “Es menschelt

  1. anne sagt:

    ich halte es für vermessen anzunehmen, dass tiere keine komplexen gedanken oder keine komplexe sprache haben. das ist anrhropozentrisch! nur weil „mensch“ das nicht wahrnimmt, heißt es nicht, dass es nicht existiert. wusstest du beispielsweise, dass bienen bewusst andere bienen eines anderen stockes belügen. um das zu tun braucht das winzige insekt ein konzept von „wahrheit“ und „unwahrheit“… deinem grundgedanken kann ich jedoch folgen und würde ihn unterstützen. viele grüße a.g.

    Gefällt 1 Person

    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Anna,
      ich stimme Dir vollkommen zu und kenne selbst viele Studien darüber, wie komplex viele Tiere kommunizieren, fühlen, handeln und daher offensichtlich auch denken. Ich habe nie unterstellt, dass Tiere dazu nicht fähig wären. Alles, was ich in diesem vier Jahre alten Beitrag schreibe ist, dass Tiere keine menschliche Sprache verstehen und sich daher über Konzepte wie sprachliche Geschlechtszuschreibungen nicht den Kopf zerbrechen. Außerdem wäre es aus meiner Sicht eben schräg, wenn beispielsweise ein fiktiver Hund in einer meiner Geschichten sagen würde „Mensch tut das und das“, denn die handelnde und sprechende Person ist ja dann gar kein Mensch sondern eben ein Hund. Und zu schreiben „Hund tut das und das“ ist dann für die Lesenden vermutlich so verwirrend, dass an solchen Stellen das Wort „man“ ok für mich ist.
      Dass Tiere menschliche Sprache verstehen können, glaube ich eben nicht. Sie sind auf den Klang bestimmter Wörter konditioniert, auch Kontexte mehrerer Begriffe können sie durchaus bilden. Aber die Bedeutung eines abstrakten Ausdrucks oder ganzen Satzes versteht ein Tier nicht, genauso wie wir als Menschen die komplexen Ausdrucksformen der meisten Tiere wohl kaum im Detail verstehen. Das ist eine Sprachbarriere zwischen den Spezies und war keinesfals als Abwertung gemeint.
      Ich hoffe, ich konnte verständlich machen, was ich meine.
      herzliche Grüße
      Lea

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