Klimastreikstreik

Ich bin nicht beim Klimastreik, obwohl es eine Demo in Aachen gibt. Meine Ausrede ist, dass ich auf die Hunde aufpassen muss, weil Akiro für solche Aktionen einfach keine Kondition mehr hat. Aber ich habe auch keine Lust, absolut gar nicht.

Dabei ist es draußen angenehm herbstlich kühl, ich habe Zeit und die Hunde hätten es auch für einen halben Tag alleine oder mit meiner Mutter ausgehalten. Aber ich will nicht. Es fühlt sich so sinnlos an, es geht doch eh alles unwiederbringlich den Bach runter und bei ausgeschalteter Heizung in meinem kalten Wohnzimmer fühle ich mich selbstwirksamer als in einer lauten, engen Menschenmasse.

Überhaupt Menschen: Es sind viel zu viele nervige Selbstdarsteller*innen unter ihnen, je aktivistischer, umso sendungsbewusster. Dagegen will ich mich nicht behaupten, selbst wenn ich noch so sehr weiß, dass ich es könnte. Im moment kann ich es nicht, nach diversen Nächten mit zu wenig Schlaf, weil mein Körper anscheinend ein Problem damit hat, dass es nicht mehr zu warm ist und mich jedes Knacken kalter Heizungsrohre aufschrecken lässt. Ich will nichts mit diesem Trubel zu tun haben. Die Ähnlichkeit der Worte Trubel und Trouble kommt meiner Ansicht nach nicht von ungefähr.

Ihr fragt Euch, wie ich in nur drei Wochen von der Euphorie nach der Friedenspreisverleihung aus an diesem Punkt gelandet bin? Keine Ahnung, die Mini-Hitzewelle Anfang September war die erste Bremse, dann kamen die üblichen Konflikte, die übliche Ignoranz der Anderen, die gewohnte und verhaste Überforderung, die sich aus unerfindlichen Gründen wie Lethargie anfühlt. Es gab keine Pausen, nie und nimmer, keine Wochenenden, immer Arbeit – und die irrige Annahme gewisser Leute, mir sei trotz Allem genauso langweilig wie ihnen und sie müssten mir noch zusätzliche Aufgaben angedeihen lassen.

20 Wochenstunden mit zwei Präsenztagen fürs Welthaus schaffen Grundrauschen. Dazu holte mich nach dem Abtauchen ins Ehrenamt für den 1. September im freiberuflichen Universum ein großer Auftrag ein, den ich îm August hatte schleifen lassen: Die Übersetzung einer Broschüre über Verschwörungsmythen in Leichte Sprache. Das klingt nicht nur wie eine Quadratur des Kreises, es ist die sprichwörtliche, merkelsche Kugelmachung des Würfels. Der Text muss viel kürzer werden als das Original, aber es braucht unglaublich viele Erklärungen, die natürlich den Text aufblähen. Verschwörungsmythen sind kompllex und wirr, jede Einzelne Beschreibung setzt viel Weltwissen und um-die-Ecke-denken voraus. Ich liebe es, denn mein Gehirn kann sich festbeißen. Solange ich meine Hirnwindungen um solche Themen wickele, kann ich nicht grübeln und Trübsal blasen. Und die Redaktionsmeetings via Zoom mit netten Leuten irgendwo im tiefsten Bayern sind motivations- und strukturstiftend. Wenn das doch immer so wäre.

Es ist ruhig in meinem kalten Wohnzimmer. Musik ist an, obwohl die alte Stereoanlage eine irrsinnige Stromfresserin ist, aber Bei der nächsten Schnulze schalte ich sie eh aus. Ich ertrage keine Gefühlsduselei. Außer Akiro, der in der Diele die Haustür beobachtet, und der auf dem Sofa schnarchenden Arzu sind keine Lebewesen anwesend. Ja gut, ich selbst, aber ich fühle mich nicht sonderlich lebendig. Eher wie lebendig begraben, in irgendeinem Zwischenzustand, kurz vor dem Ersticken.

Menschen, die sich nicht an selbstverständlichste Infektionsschutzregeln wie Masken in vollen, unbelüfteten Innenräumen halten, möchte ich nicht um mich haben. Und das sind aktuell die Meisten, weil irgendwie nicht zu ihnen durchzudringen scheint, dass die Herbstwelle der fucking Pandemie schon feixend in den Startlöchern steht. Bevor ich meine vierte Covid-19-Impfung und den Grippeschutz habe, kann die Welt mich mal kreuzweise. Und da ich von meinem 60. Geburtstag noch 19 Jahre entfernt bin, habe ich laut Stiko nichteinmal einen offiziellen Anspruch auf den zweiten Booster. Ich weiß, dass meine Hausärztin ihn mir geben wird, im Oktober mit dem auf BA.4/BA.5 angepassten Impfstoff. Alles gut, ich kenne meine Pappenheimerinnen – ja, nicht gegendert, weil, sind alles Frauen. Meine Ärztinnen sind super, ich bin so dankbar, sie zu haben. Alle nehmen mich ernst, lieben Arzu und machen keinen Ärger. Wenn ich das nur auch vom Rest der Welt behaupten könnte.

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3 Gedanken zu “Klimastreikstreik

  1. puzzleblume sagt:

    Die Selbstwirksamkeit scheint bei Selbstdarstellern oft etwas, wofür sie keine Zeit haben vor lauter Aktivitäten.
    Hinsichtlich des Maskentragens bzw. des Risikobewusstseins stimme ich dir zu und bin lieber vorsichtig. Die niedersächsische Landtagswahl z.B. bekommt meinen Wahlzettel jedenfalls wieder per Brief.

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  2. fundevogelnest sagt:

    Ach Lea, einfach ein inniger Gruß.
    Ich war auch nicht da und habe ein paar erschöpfte Tränen deswegen verdrückt.
    Aber ich hätte eh nur den Kleinen Fundevogel von jedem Elektroscooter abschälen müssen und dabei wahrscheinlich jedes Mal eine gescheuert bekommen.
    Oder er wäre mir weggelaufen, bei soviel U-Und S-Bahnstationenvor der Nase.
    DAS Gespräch im Jugendamt male ich mir lieber gar nicht aus.
    Wir pflanze im Oktober noch mal drei Bäume auf der Feenwiese, das muss leider reichen.
    Reicht nie.
    Aber das hätte es mit Demo auch nicht getan.

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    1. kommunikatz sagt:

      Den innigen Gruß erwidere ich gern! Du hast sehr Recht, die Demo hätte nichts geändert, eigentlich sind alle Einzelereignisse viel zu klein, um etwas zu verändern. Es ist, wenn überhaupt, dann nur das große Ganze, und das hängt von viel zu vielen Einzelnen ab, die es nicht geregelt kriegen – so wie wir. Die Gründe spielen letztlich keine Rolle, auch wenn sie es im Einzelfall natürlich tun. Aber eben nur im Kleinen. Das Große kann letztlich nur abschiffen. Und auf dem Weg dahin machen wir einfach so gut es geht weiter, weil es keine Alternative gibt.

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