Highly biographical

Mein wesentlicher Grund, mit dem Kiffen zu beginnen, war Neugier. Den Reiz des Verbotenen bzw. das Interesse an dem sagenumwobenen High-Gefühl verspürte ich schon als Jugendliche, wenn ich Dokumentationen und Features über Drogen und artverwandte Themen verfolgte oder den damals von mir so geschätzten deutschsprachigen Hiphop der hamburger Schule hörte, in dessen Texten es ziemlich oft um Gras ging. Zugang zu Cannabis bekam ich aber erst im Studium, mit 19 oder 20. Meine ersten Erlebnisse mit Gras waren die klassischen kreisenden Joints auf Parties und nächtlichen Kungelrunden im Fachschaftstreppenhaus. Ich zog nur ein paar Mal daran, inhalierte und mochte Geschmack und Duft, merkte aber beinahe nichts davon. Es war wohl einfach zu wenig und das leichte High ging im ebenso leichten Angetrunkensein nach zwei oder drei Flaschen Bier unter.

Auf diesem Level blieb es während des Studiums und meiner Aktivitäten in der studentischen Selbstverwaltung recht lange. Ich schnorrte, wenn jemand was hatte, aber selber hätte ich gar keine Idee gehabt, wie und woher ich Gras hätte bekommen sollen, weil mir die Kontakte fehlten. Joints drehen konnte ich auch nicht, also war ich aufs Schmarotzen angewiesen. Als ich mit 23 mit meinem Ex-Mann zusammenkam, der nicht kiffte, tat ich es auch nicht mehr. Das hatte nichteinmal viel mit Solidarität zu tun, die Gelegenheiten ergaben sich einfach nicht, auch wenn ich sie gern genutzt hätte. Es war aber auch ohne ok. Ich verbuchte das Thema unter „Jugendsünden“ und tröstete mich gute zehn Jahre lang damit, dass es mir ja eh nie viel gebracht hatte.

Als ich mit 34 den Engländer kennenlernte, änderte sich das mit dem fehlenden Zugang schlagartig. Er hatte immer Gras, richtig gutes noch dazu. Jetzt begann meine eigentliche Cannabis-Karriere. Obwohl ich nun fast jeden Abend mindestens einen halben Joint rauchte, waren die Effekte aber noch immer recht überschaubar. Ich musste das High sein quasi lernen und lernte es erst so richtig, als ich auf die 40 zuging und Gras nicht mehr mit Alkohol kombinierte. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich längst selber meine Joints bauen, stieg aber bald auf eine Pfeife um. Das erfordert weniger Material (Blättchen, Filter…), außerdem fällt außer der Asche kein Müll an. Ich rauchte auch schon lange kein Tabak-Gras-Gemisch mehr – in Form von Zigaretten hatte ich nie Tabak geraucht. Reines Gras war weniger schädlich, roch und schmeckte besser. Außerdem war ich in Bezug auf Wirkstoffmengen jeder Art immer schon recht stumpf gewesen, vertrug das pure Kraut also prima.

Inzwischen, mit 41, ist das reine, unverfälschte High meine Erholungsoase. Statt des oft beschworenen Gewöhnungseffekts wurde es bei mir mit der Zeit immer intensiver, klarer und angenehmer. Ich lernte die meditative Wirkung zu schätzen, wenn negative Gefühle in den Hintergrund treten und Gedanken an Unerfreuliches ihren Schrecken verlieren. Einfach Wahrnehmungen, Eindrücke und Gedanken an mir vorbeiziehen zu lassen und zu beobachten, welche Ideen und Assoziationen daraus erwachsen, wurde meine Form der abendlichen Entspannung.

Das mag sich nun alles wie ein unkritisches Loblied lesen. So ist es nicht gemeint, ich bin mir der Möglichkeit von Psychosen und der negativen Auswirkungen auf die Gehirnentwicklung Jugendlicher sehr bewusst. Ich weiß auch sehr genau, dass Cannabis überdosiert werden kann, dass es dann zu Panik, irrationalen Ängsten und einer sehr eingeschränkten Einschätzung von Ereignissen kommen kann und dass mensch nicht mehr in der Lage ist, sich beispielsweise gegen einen realen Angriff zu verteidigen oder mit einer Bedrohung sinnvoll umzugehen. Es ist sehr wichtig, die Situationen, in denen mensch sich ausklinkt, gut zu wählen und während des Highs vor äußeren, unerwarteten Einflüssen sicher und geschützt zu sein. Die von mir hier und in „Highly persceptive“ beschriebene Erholungsoase funktioniert nur, wenn ich einen safe Space habe, in den ich mich zurückziehen und von der Welt abschirmen kann.

Ich sage also nicht, dass Cannabis das Allheilmittel für Jede*n ist, aber mir hilft es ganz enorm. Dazu trägt sicher die Tatsache bei, dass ich erst spät in meinem Leben, mit Mitte 30, intensiv in die Erkundung dieser Welt eingestiegen bin, mich vorher aber schon relativ viel damit auseinandergesetzt hatte. Das gab mir die Möglichkeit, das Ganze viel mehr zu reflektieren und zu hinterfragen, als die meisten jugendlichen Kiffer*innen es vermutlich tun. Ich konnte die Sache rational angehen, mich mit Hintergründen und Wirkungsweisen beschäftigen und wusste über Gefahren Bescheid. Auch, wenn ich wenig Einfluss auf diesen Verlauf und meine Herangehensweise hatte, was den meisten Menschen vermutlich ähnlich geht, kann ich den resultierenden Weg dennoch nur empfehlen.

Alle weiteren Beiträge der Highly-Reihe rund um Cannabis findet Ihr hier.

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