Die Abwesenheit von Zukunft und einer Geldbörse

Ich sitze bei 25!C im Schatten auf meiner Terrasse und lese die lokale Tageszeitung. Es ist der 11. Mai, gegen 19 Uhr, eigentlich sollten die Eisheiligen gerade ihr kühlendes Unwesen treiben. Aber für nächste Woche sind Temperaturen über 30!C angekündigt, die Zeitung schreibt es und ich spüre es deutlich: Die Klimakatastrophe schreitet viel schneller voran, als die unverbesserlich optimistischen Menschen es prognostiziert haben. Und das ist logisch, denn sehr viele Kipppunkte sind längst überschritten und damit beschleunigen sich diverse Prozesse exponentiell. Viel mehr Methan als berechnet wird frei, weil Pipelines Lecks haben und auftauende Permafrostböden das potenteste aller Treibhausgase in Massen freisetzen. Die Menschen verbrennen immer mehr statt weniger fossile Energieträger und sind nicht bereit oder in der Lage, ihren Lebensstil zu überdenken, egal wie deutlich der Weltklimarat warnt, dass wir innerhalb der nächsten fünf Jahre die 1,5°C-Marke der globalen Erhitzung seit Beginn des industriellen Zeitalters reißen werden und egal, wie viel Geld wir einem vorgestrigen Kriegstreiber für diese Energieträger in den Rachen werfen.

Je weiter das Desaster fortschreitet, umso weniger Zukunft bleibt übrig. Genau genommen fühlt s sich längst an, als gäbe es gar keine Zukunft, zumindest keine, auf die sich zu freuen irgendwie Sinn ergäbe. Es dauert nicht mehr lange, bis die Menschheit ihren eigenen Lebensraum so weit ruiniert hat, dass das Leben zu blankem Überleben wird – und zwar nicht nur da, wo Bomben und Raketen fallen sondern auch in friedlicheren Gegenden. Ich bin so froh, dass ich keine Kinder habe. Für die Kinder der Anderen tut es mir unsäglich leid – sie werden leiden, spätestens, wenn sie in meinem jetzigen Alter sind. Dann schreiben wir vielleicht das Jahr 2060, ich bin knapp 80 und mit viel Glück ist Deutschland dann seit 15 Jahren klimaneutral. Aber auch dann sind viele andere Länder es sicher noch nicht und da Deutschland keine Insel bzw. kein eigener Planet ist, hilft unsere Klimaneutralität 2045 absolut niemandem. Selbst wenn irgendwann alle Länder der Welt aufhören, Treibhausgase zu emittieren, dauert es Jahrzehnte, bis sich die Erderhitzung abzubremsen beginnt. Es wird also wärmer und wärmer, wir werden eine Vereinbarung nach der nächsten verfehlen und eine Katastrophe nach der anderen provozieren, und zwar lange vor dem Ende des 21. Jahrhunderts, das viele der heutigen Kinder noch wachen Sinnes erleben werden.

Wir Mittelalten und Alten sitzen in der ersten Reihe der Apokalypse, die Kinder von heute sitzen dann längst mitten auf der Bühne. Wäre ich jung, ich würde mit Fridays for Future oder Ende Gelände kämpfen und wahrscheinlich trotzdem an der Welt verzweifeln. Mit meinen 41 Jahren tue ich nur Letzteres und stehe bei Protesten höchstens dumm am Rand oder gehe bei langweiligen Latschdemos mit. Es gibt keine Zukunft für Säugetiere auf diesem Planeten, egal wie viele junge Menschen an egal wie vielen Freitagen die Schule, die Uni oder ihren Job bestreiken. Nennt mich eine Pessimistin, ich widerspreche nicht. Aber ich kann daran auch nichts ändern, ich versuche nur, realistisch zu bleiben.

Indes freue ich mich über Kleinigkeiten, auch wenn solche Freuden immer nur für wenige Minuten oder Stunden anhalten. Ich freue mich, dass mein nerviger on-off-Schnupfen jetzt endlich den Rückzug eingeleitet hat. Und ich freue mich, dass mir am Sonntag mein Portemonnaie geklaut wurde – wartet ab, es macht gleich Sinn 😉

Vermutlich war es ungefähr so: Ich wollte nett sein und einem jungen Obdachlosen, der ab und zu bei mir betteln kommt, ein paar containerte Lebensmittel geben. Geld bekommt er von mir schon lange keins mehr, dafür hat er zu oft verspcochen, dass es das letzte Mal wäre und ich es zurückbekäme. Während ich für wenige Sekunden in der Küche verschwand, muss er das Portemonnaie aus meiner Jacke an der Garderobe geholt haben – die im Übrigen von der Haustür einige Schritte entfernt und deutlich näher an der Küchentür ist. Ich hätte im Leben nicht gedacht, dass das so schnell und lautlos passieren kann, aber zwischen dem letzten Mal, dass ich es in der Hand hatte, und dem Moment, als ich sein fehlen bemerkte, war ich nicht draußen und konnte es nirgends verlieren oder liegenlassen. Es war der Höhepunkt meiner Erkältung und ich war matschig im Kopf, sonst hätte ich dem Kerl diese Gelegenheit gar nicht gegeben und das Ganze irgendwie anders gelöst. Aber nun war es eben weg.

Es waren höchstens drei Euro drin, der monetäre Verlust war also sehr überschaubar. Ich brachte höchstens eine halbe Stunde damit zu, Bankkarten zu sperren, eine neue Krankenversicherungskarte zu ordern und einen Termin beim Bürgerservice zwecks Neubeschaffung von Personal- und Schwerbehindertenausweis zu vereinbaren. Funfact am Rande: Der Termin ist im Juli. Zum Glück habe ich einen Reisepass, mit dem ich mich bis dahin ausweisen kann – vor allem für die Landtagswahl am kommenden Sonntag beruhigt mich das sehr. Diese Dinge gingen echt schnell und unproblematisch, die Leute am Telefon waren alle total nett und hilfreich und am Ende hatte ich richtig gute Laune. So kann es gehen, wenn mal ein paar Sachen in Serie reibungslos funktionieren, selbst, wenn der Auslöser der ganzen Hektik höchst ärgerlich und doof ist.

Inzwischen weiß ich, dass der Typ vermutlich gar nicht obdachlos ist und dass die ganze Gegend ihn kennt, weil er sich hier dauernd von Haus zu Haus schnorrt. Er kriegt von mir nichts mehr, höchstens den Kommentar „Was soll der Scheiß? Ich hab dir doch gesagt, dass ich bis auf etwas Rotgeld nichts Bares im Haus habe.“ Möge er in der Hölle schmoren. Wird er eh, denn er ist nach eigener Angabe 22 Jahre alt und wird es somit noch eine Weile auf der Erde aushalten müssen.

PS: Gestern Abend erfuhr ich, dass eine liebe Mitbloggerin verstorben ist. Die Nachricht hat mich sehr traurig gemacht, denn sie war eine unglaublich starke und positiv denkende Person, die einige Päckchen zu tragen hatte. Sie hinterlässt drei Kinder und ein Enkelkind, die ich immer mitdenke, wenn sich unsere grausame nicht-Zukunft in mein Bewusstsein schiebt. Ich wünsche den Dreien, von denen Eine diese Zeilen möglicherweise lesen wird, alles Gute und ganz viel Kraft, nicht nur für die Bewältigung des Verlusts ihrer Mutter sondern auch für die Bewältigung all dessen, was noch auf sie zukommen wird. Möge die Hölle, die eigentlich ja eh nicht existiert, sie so lange wie möglich verschonen!

5 Gedanken zu “Die Abwesenheit von Zukunft und einer Geldbörse

  1. kommunikatz sagt:

    Die Zeitung sagt mir gerade, dass ich mich vertan habe, und zwar zu unseren Ungunsten. 2045 ist das Klimaneutralitätsziel von NRW, nicht der gesamten Bundesrepublik. Und damit ist NRW wohl eines der ambitioniertesten Bundesländer. Tja, also geht meine Rechnung oben noch weniger auf als eh schon, wer hätte es gedacht…

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  2. Tanja sagt:

    Hallo Lea,
    das war ja echt fies mit deiner Geldbörse. So ein gemeiner Mensch. Hoffentlich gibt ihm jetzt keine:r aus der Nachbarschaft mehr was. Als ich noch am Bushof gewohnt habe und öfter angeschnorrt wurde, hatte ich meist etwas Kleingeld in der Hosentasche, weil ich meine Geldbörse nicht rauskramen wollte, aus Angst, sie könnte mir entrissen werden. Hatte ich dir erzählt, dass ich meine Geldbörse wieder bekommen habe? Zwar ohne Geld, aber immerhin war alles andere noch da. Wurde in einen Briefkasten geworfen und kam dann über Aachen zu mir zurück. Ich war ja noch nicht umgemeldet.

    Durch die Bäume vor meinem Fenster bekomme ich die Hitze glücklicherweise nicht so mit, der Nachteil ist allerdings, dass Pflanzen sehr langsam wachsen. Aber lieber so, als zu viel Sonne.

    Vorgestern bekam ich Post, mir wurde ein Behinderungsgrad von 60% zuerkannt. Und, was mir persönlich am wichtigsten ist, ich habe das Merkzeichen G bekommen und kann den gesamten ÖPNV kostenlos nutzen. Falls der Sommer unangenehm heiß werden sollte und/oder die Bahnen durch das 9-Euro-Ticket überfüllt sind, kann ich meine Pläne einfach ab September umsätzen, also das Ruhrgebiet erkunden und nach Aachen kommen. So langsam wird mir immer mehr bewusst, dass ich tatsächlich und wirklich sehr krank bin und mich nicht „anstelle“. Ich denke immer seltener, dass mir das alles überhaupt nicht zusteht und ich mich einfach nur zusammenreißen müsste.

    Ich wünsche dir, mir und dem Rest der Menschheit einen regenreichen und kühlen Sommer.

    Tanja

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    1. kommunikatz sagt:

      Hey, das sind ja einige coole Nachrichten 🙂 Glückwunsch zum Behinderungsgrad und zum zurückgekomenen Portemonnaie – und zum akzeptierenden Mindset Deinen Einschränkungen gegenüber! Ich kenne diesen internen Ableismus nur zu gut, mensch denkt immer, es darf und kann doch nicht so schlimm sein und alle sagen doch, dass es gehen muss, also stelle ich mich nur an. Aber das stimmt nicht, wir sollten uns selbst viel mehr vertrauen, denn nur wir können unser eigenes Leben und unsere Befindlichkeiten wirklich einschätzen.
      liebe Grüße
      Lea

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  3. Agnes sagt:

    Huhu Lea, ich will schon so lange mal einen Beitrag von Dir kommentieren, jetzt schaff ich es vielleicht endlich mal. Wir haben uns vor etlichen Jahren mal kennengelernt und uns dann mal ein bisschen zum Thema Führhund ausgetauscht – bzw. hast Du mir Fragen beantwortet und äußerst eloquent, wie Du eben so schreibst, von Deinen Erfahrungen berichtet. Eine Freundin teilt seit langer Zeit entweder generell oder speziell mit mir immer wieder Beiträge von Dir, weil sie sie an mich erinnern. Und ich lese Dein Blog wahnsinnig gerne, fühle mich sehr verbunden mit Dir. Kann gar nicht auf alles Bezug nehmen, woran das liegt und fange deshalb jetzt gar nicht erst an. Mir geht es mit so vielem sehr ähnlich wie Dir, oft sprichst Du mir ganz doll aus der Seele. Allerdings gibt es in meinem Leben sehr viel weniger Stabilität und ich stehe mir viel selbst im Weg. Alles ist so kompliziert! Oft scheint es mir, als wäre ich (in mancher Hinsicht) ganz allein. Danke, dass Du schreibst! Schön dass es Dich gibt! Ich freue mich immer sehr von Dir zu lesen!

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    1. kommunikatz sagt:

      Liebe Agnes,
      oh wie wunderschön zu lesen! Danke für den Zuspruch! Ich freue mich sehr über die von Dir empfundene Seelenverwandschaft – oder wie auch immer mensch es nennen soll. Ich erinnere mich nur noch vage an unseren Austausch und würde mich sehr freuen, wieder mit Dir in Kontakt zu kommen. Meine Mailadresse steht im Impressum 🙂
      Aber dass es in meinem Leben sowas wie Stabilität gäbe, muss ein Missverständnis sein 😉 Für mich fühlt es sich nicht so an und gerade in letzter Zeit habe ich dieses Gefühl des Alleinseins auch sehr oft.
      Wir sollten in direkten Kontakt zueinander treten, ganz dringend.
      liebe Grüße
      Lea

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