Komfortzone

Dort glaubte ich mich, lange, seit Beginn der Pandemie. Im Homeoffice, möglichst weit weg von anderen Menschen, fühlte ich mich sicher und zufrieden. In den letzten Wochen wurden aber wieder Alle ungeduldig – vermeintlich final – und wollten sich unbedingt wieder in Präsenz treffen, nicht mehr in den ach so schrecklichen Videokonferenzräumen. Der Druck auf mich stieg. Videokonferenzen waren mein safe space, echte Treffen fand ich gruselig, bedrohlich, angsteinflößend. Ich war schon vor der Pandemie nicht gerne unter Leuten und mochte auch da schon nicht die Luft atmen, die schon durch diverse Lungen im Raum gegangen war. Seit die Seuche im Umlauf ist, fühle ich mich mit anderen Menschen im gleichen Raum einfach nur noch fehl am Platz und unwohl.

Ich protokollierte Präsenzsitzungen, nur um mich am Laptop festhalten zu können und nicht den ganzen Abend lang panisch zu grübeln, wessen Aerosole inzwischen alle unter den widerwillig wegen mir Spaßbremse aufgesetzten FFP2-Masken hervorgekrochen sein mochten. Ich will Covid-19 nicht haben, auch wenn der Verlauf Dank dreifacher Impfung noch so leicht wäre und auch, wenn eine Infektion vielleicht keine Langzeitfolgen hätte und vielleicht nicht den nächsten MS-Schub triggern würde. Das Risiko ängstigte mich genug, ich wollte und will es einfach nicht.

Und dann musste ich raus aus der Komfortzone. Ich versprach gegen meine inneren Widerstände, wieder an zwei Tagen pro woche ins Büro zu gehen. Dort bin ich die meiste Zeit allein, viele Menschen treffe ich nicht, und wenn, dann mit genügend Abstand und in der Regel maskiert. Also wagte ich es, trotz Inzidenzen um die 1.000.

Das Ergebnis des Versuchs war absolut irritierend im erfreulichsten Sinne. Nicht nur, dass ich an den beiden Tagen in der vergangenen Woche drei von vier Arbeitswegen vollkommen reibungslos mit Arzu zurücklegte (einmal ließ ich mich auf dem Hinweg mit dem Auto chauffieren, weil der Engländer eh am Welthaus vorbei musste). Weder dem inzwischen fast zehnjährigen Plüschmonster noch mir war anzumerken, dass wir diesen Weg seit mehr als zwei Jahren kaum allein gegangen waren. Bis auf eine höchst lächerliche Begegnung mit einem schlechtgelaunten Hund und seinem noch viel schlechter gelaunten Halter im Freilaufteil der Strecke – lustigerweise genau am Schauplatz dieser Geschichte – gab es keinerlei Trouble und diese Begegnung beflügelte mich eher, weil ich dem jungen Mann in seiner Selbstüberschätzung souverän Kontra geben konnte und mich seine Tiraden ziemlich amüsierten.

Im Welthaus fühlte sich dann alles an, als wäre ich nie weg gewesen. Ich freute mich über die Leute, Arzu freute sich noch mehr. Dort, vor Ort, strukturiert an Dingen zu arbeiten, funktionierte vom Fleck weg tausendmal besser als zu Hause, wo immer zehn Sachen gleichzeitig getan werden wollten und Arbeit und Privates sich zu einem gordischen Knoten verwoben. Nach der Arbeit nach Hause zu kommen und klar zu wissen, dass ich jetzt nicht mehr arbeite sondern wirklich und unanfechtbar Wochenende habe, war ein grandioses, befreiendes Gefühl. Das hatte ich seit gut zwei Jahren nicht mehr erlebt.

Vielleicht ist die Komfortzone mehrdimensional und auch tagesformabhängig unterschiedlich. Sicher wird es auch in Zukunft Tage geben, an denen ich mich zu Hause wohler fühle und mir den Weg oder die Menschen nicht zutraue. Ich bin dankbar dafür, nur 10 meiner 20 Stunden nun wieder in Präsenz abzuleisten und generell so flexibel sein zu können. Da, wo ich die Motivation und das positive Empfinden nun entdeckt habe, hatte ich Beides aber definitiv nicht erwartet und ein großer Haufen resignierte Verzweiflung ist von mir abgefallen.

PS: Hier noch kurz die Hundebegegnungsstory in Stichworten: Arzu und der betreffende Hund mögen sich nicht, frühere Begegnungen waren immer in aufgebrachtem Gewuffel geendet, der Halter war aber der Meinung, Arzu hätte seinen Hund angegriffen und verletzt. Er war aber so beschäftigt damit, mich anzuscheißen, dass er nichtmal nachguckte, wie es seinem Hund tatsächlich ging. Ich solle Arzu anleinen und sie müsse einen Maulkorb tragen, schließlich sei sie offensichtlich sehr aggressiv und habe seinen Hund bei der letzten Begegnung in den Kopf gebissen. Während dieses Dialogs standen übrigens beide Hunde völlig friedlich und verständnislos neben uns. Ich antwortete nur, wenn das der Fall gewesen wäre, hätte er mir die Tierarztrechnung schicken können, da ich ihm damals meine Kontaktdaten aufgedrängt hatte, falls etwas passiert sei. Er solle mir in Zukunft einfach aus angemessener Entfernung Bescheid geben, dann würde ich Arzu sofort anleinen, aber ich könnte ihn nuneinmal nicht kommen sehen, umgekehrt hingegen schon. Sie brauche ihren Freilauf als Ausgleich zur Führarbeit und habe solche Probleme mit den allerwenigsten Hunden. Die umstehenden Leute pflichteten mir bei, der Typ meckerte weiter. Ich lernte außerdem noch, dass Arzu ja gar kein Assistenzhund sein könne, denn er habe mich vor Jahren schon mit ihr als Welpen gesehen. Da Arzu erst mit zwei Jahren und vollständig ausgebildet zu mir gekommen ist, fragte ich ihn nur, wie er darauf käme und was er da für Stories im Kopf habe. Die Umstehenden wirkten belustigt. Nach mehreren Wiederholungen meiner Ansage verabschiedete ich mich freundlich aber bestimmt und leinte Arzu ein paar Meter weiter wieder ab, damit sie in den Johannisbach hüpfen konnte.

7 Gedanken zu “Komfortzone

  1. puzzleblume sagt:

    Deine Formulierung, die Komfortzone sei womöglich mehrdimensional und auch tagesformabhängig unterschiedlich, finde ich absolut gelungen. Es freut mich zu lesen, dass dir alles so gut gelungen ist, inklusive deine souveräne Abfuhr an den „Streithahn“. Gut auch, dass die Hunde davon beeinflusst geblieben sind.

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke 🙂 Ich war selber ziemlich überrascht, dass alles so gut klappte und ich dabei ein so gutes Gefühl hatte. Das ist vielleicht der Vorteil, wenn mensch immer mit sehr niedrigen oder schlechten Erwartungen startet – die Überraschungen sind immer angenehm.

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  2. fundevogelnest sagt:

    Freut mich, dass es so gut läuft.
    Ich habe gerade dreimal geimpft das zweite Mal Corona und ich habe es beide Male nicht bei der Arbeit bekommen, wo das Virus nur so rumschwirrt, ich aber durchgehend Maske trage, sondern zu Hause, wo ich das eben nicht tue.

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    1. kommunikatz sagt:

      Dann vor allem erstmal gute Besserung! Ich glaube auch, dass es da. wo mensch aus verschiedensten Gründen eben unvorsichtiger ist oder sein muss, viel wahrscheinlicher ist, sich anzustecken, als da, wo mensch ganz bewusst aufpasst. Inzwischen bin ich irgendwie auch zu dem Gefühl übergegangen, dass es mich eh irgendwann erwischen wird, hoffentlich dann eben leicht oder sogar unbemerkt. Da tut die Impfung ja dann zum Glück doch einen guten Dienst und nimmt dem Ganzen ein Stück weit den Schrecken.

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