Von Krieg und Kurven

Sie geht steil, meine Lernkurve der letzten Wochen. Zum Schreiben komme ich nicht – nur das, was sein muss, schafft es in mein Blog und meinen Terminkalender. Momentan ist das vor allem Arbeit, wobei ich unter diesen Begriff sowohl die Brotjobs als auch das Ehrenamt fasse. Aber alles buhlt ständig um Aufmerksamkeit. Im Welthaus müssen Verwendungsnachweise für Fördergelder fertig werden, Leichte-Sprache-Kund*innen bewerfen mich mit verquasten Selbstdarstellungen von Hochschulen und Ministerien und Putins irrsinniger Krieg in der Ukraine sorgt dafür, dass die Meinung des Aachener Friedenspreis e.V. sehr gefragt ist.

Bis vor Kurzem hatte ich bei jedem Presse-Statement und bei jedem öffentlichen Redebeitrag Angst, mich als unwissend und furchtbar dumm zu blamieren. Ich wusste, dass ich es nicht bin, aber ich fühlte mich immer so. Überblick fehlte, Zusammenhänge waren unklar, Geschichtswissen war mangelhaft. Immer dachte ich, die Anderen merken sofort, dass ich keine Ahnung habe und nur versuche, schlau daherzureden. Mit jeder gut gelaufenen Pressekonferenz, jedem Interview, jedem Gespräch mit Menschen, die ich für klüger halte als mich selbst, wurde diese Sorge weniger. Aber in den letzten Wochen habe ich in Sachen Selbstvertrauen einen echten Sprung gemacht. Ich bekomme schon fast Angst vor der eigenen Courage, das Korrektiv von Unsicherheit und Zweifel darf nicht abhanden kommen. Aber so weit ist es wohl noch lange nicht. Öffentlich reden zu können, Menschen mitreißen und überzeugen zu können und sich dabei sicher zu fühlen, nicht ausgeliefert, wie vor einer Prüfungskommission, das tut gut.

Wurde auch Zeit, könnte mensch sagen. Ich mache die Öffentlichkeitsarbeit für den Aachener Friedenspreis e.V. seit über zehn Jahren, für andere Gruppen und Organisationen in wechselnden Konstellationen noch länger. Aber das interessierte mein Selbstwertgefühl und Zutrauen nicht wirklich. Erst, seit dieser unsägliche Krieg in der Ukraine tobt, scheint bei mir ein Knoten geplatzt zu sein. Vielleicht ist es hilfreich, zu hören, dass die klugen Menschen um mich herum genauso ratlos und bestürzt sind wie ich. Vielleicht spüre ich zum ersten Mal, dass ich mit ihnen auf einer Stufe stehe, sie genauso um Worte ringen wie ich, und letztlich meine Worte genauso treffend sind, genauso gut ankommen und genauso viel Impact haben wie ihre. Vielleicht wird mir klar, wie einflusslos wir letztlich alle sind, ich nicht mehr oder weniger als sie.

Und warum sollte ich weniger als sie das Recht und die Möglichkeit haben, mich zu äußern? Ich bin ein Kind der 1980er Jahre. Als der Kalte Krieg für beendet erklärt wurde, war ich knapp zehn Jahre alt, aber ich bekam Dinge mit. Meine ersten Worte Englisch lernte ich, weil ich wissen wollte, worum es in dem Lied „I hope the russians love their children too“ von Sting ging. Meine Altersgenossen mussten noch Wehr- oder Zivildienst leisten. Krieg war zwar immer weit weg, aber auch immer präsent. So präsent, dass ich es Mitte der 2000er Jahre wichtig genug fand, aus meinem hochschulpolitischen Engagement herauszutreten und in die Friedensarbeit hinein.

Gestern am offenen Mikrofon der Bewegung Pulse of europe sprach ich vor 1.500 Menschen für den Aachener Friedenspreis e.V. Wieder sprach ich über Solidarität mit den unter Putins Überfall leidenden Menschen in der Ukraine, mit den Flüchtenden und mit den mutigen Russ*innen, die trotz Putins Propaganda und Repressionen gegen den völkerrechtswidrigen Krieg, der dort nicht so heißen darf, auf die Straße gehen. Ich verurteilte Putins Kriegsverbrechen, die bundesdeutschen Aufrüstungspläne und die Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht. Die Logik von Drohkulissen funktioniert seit Jahrzehnten nicht, sie hat nie funktioniert. Kein Konflikt wurde durch Waffengewalt gelöst, sie führt nur in die Eskalation und in den perpetuierten Ruin ganzer Regionen. Die Friedensbewegung erzählt seit eben diesen Jahrzehnten, dass Steuergelder nicht in Waffen sondern in zivile Konfliktlösung, Diplomatie und zivilgesellschaftliches Engagement gehören. Die Hilfe für die flüchtenden Menschen steht jetzt an erster Stelle.

Mehr Waffenlieferungen bedeuten mehr Provokation. Eine Flugverbotszone müsste die Nato kontrollieren, indem sie Flugzeuge abschießt, die das Verbot missachten. Das wäre der unmittelbare Einstieg in einen dritten Weltkrieg, der schneller atomar eskalieren würde, als wir hier im vermeintlich so sicheren und reichen Deutschland „piep“ sagen können. Das kann auch Selensky nicht wirklich wollen, denn es beendet den Krieg nicht sondern eskaliert ihn nur weiter. Wir, die Friedensbewegung, haben keine Patentlösung – dafür ist das Kind viel zu tief in den Brunnen gefallen. Aber wir wissen wenigstens, wie es nicht geht. Was wir tun können und was ich wegen der verflucht kurzen drei Minuten Redezeit als versöhnliches Ende meines Beitrags leider nicht mehr unterbringen konnte, war die nun von uns allen vorantzutreibende Energie- und Mobilitätswende. Wir alle müssen jetzt Strom, Gas und Öl sparen, um aus der Abhängigkeit von russischen Ressourcen herauszukommen. Aktuell finanzieren wir diesen Krieg, indem wir weiter Putins Gas verbrennen, um nicht im Kalten zu sitzen. Frieren für den Frieden wäre mal was.

Die zahlreich anwesende ukrainische Community mochte nicht, was ich sagte. Sie hatten die erste Hälfte der einstündigen Veranstaltung bestritten und ihre schockierenden und bewegenden Erfahrungen von Flucht, Sorge um Angehörige und Unterstützung der Heimat waren immer in Kriegstrommeln und Forderungen nach mehr Gewalt, mehr Waffen und mehr Einmischung durch die Nato kulminiert. Das ist emotional nachvollziehbar, aber hilft uns nicht. Nach meinem Redebeitrag und dem Beitrag eines weiteren Pazifisten verließen sie unter lautstarkem Protest die Bühne und den Platz. Der Moderator wies darauf hin, dass alle Seiten abweichende Meinungen ertragen müssen und der europäische Gedanke von Demokratie und Dialog ein solches Verhalten nicht stützt. Aber ich glaube, bei den aachener Ukrainer*innen bin ich jetzt Persona non grata. Und ja, die Lokalzeitung schreibt von einem Eklat. Die Unterstützung und der Zuspruch meiner Vorstandskolleg*innen im Aachener Friedenspreis e.V. und auch im Publikum bei Pulse of Europe war dagegen unfassbar bestärkend.

Sie geht steil,, die Lernkurve. Dafür bin ich Putin nicht dankbar, aber als positiven Nebeneffekt einer weiteren Katastrophe nehme ich das gerne mit. Wie viele Katastrophen gleichzeitig kann mensch eigentlich aushalten?

3 Gedanken zu “Von Krieg und Kurven

  1. kommunikatz sagt:

    Gleichzeitig heulen und Pizza essen ist möglich, wenn das Internetradio eben jenes Lied von Sting spielt, in einer wunderschönen, offenbar erst jüngst aufgenommenen Unplugged-Version mit Geigen. Eben wollte die Lokalpresse noch wissen, ob wir die Reaktion der Ukrainer*innen gestern erwartet haben. Klar haben wir das. Aber unsere Botschaften werden dadurch nicht weniger dringlich und wahr.

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