Interessante Zeiten

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„Mögest du in interessanten Zeiten leben“ soll eine der übelsten Verwünschungen in China sein. Wir leben momentan offensichtlich in genau solchen Zeiten, eingebrockt nicht von China. Gut, die Pandemie nahm dort ihren Ursprung und sorgt schon seit zwei Jahren für Ausnahmezustand, aber richtig interessant wurde es erst in den letzten Tagen bzw. Wochen durch das aus der Zeit gefallene Gehabe des russischen Despoten. Gestern stand ich auf der Treppe des Aachener Rathauses, vor mir rund 2.000 Menschen. Ich sagte, dass unsere Solidarität den Menschen in der Ukraine gehört, die jetzt unter Putins Krieg leiden und vor diesem die Flucht ergreifen, aber auch den mutigen Menschen in Russland, die gegen den Krieg ihres Präsidenten auf die Straße gehen, wohl wissend, wie gefährlich solcher Protest in ihrem Land ist. Ich sprach über ukrainische Atomkraftwerke und russische Atomwaffen, den schon Jahrzehnte andauernden Kampf der Friedensbewegung gegen die nukleare Gefahr und darüber, dass dieser aktuelle Angriffskrieg zwar Völkerrecht und diverse Verträge bricht, aber dennoch nicht der erste Krieg in Europa seit 1945 ist.

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Viel zu viele Kriege gibt es jedes Jahr, jeden Tag, jede Sekunde. Meistens finden sie auf anderen Kontinenten statt, oft sind sie innerstaatlich, manchmal ist die Bundeswehr beteiligt, aber selten kommen sie uns so nah. Jugoslawien war nah. Aber die Ukraine ist es auch und noch viel mehr, und mit einem Schlag sind wir wieder mitten im kalten, nein eigentlich schon in einem heißen Krieg. Und alles, was wir fordern können, ist die Rückkehr an den Verhandlungstisch, der Dialog, die Deeskalation. Sanktionen treffen nicht den Despoten, sie tun vor allem der Bevölkerung weh. Waffen lösen keinen Konflikt sondern befeuern und verschärfen ihn nur. Es war ein absurdes Gefühl, von so vielen Menschen Applaus für so grauenhafte Feststellungen zu bekommen. Irgendwie schön, weil ich ihren Rückhalt, ihre Zustimmung spürte. Aber auch genauso schrecklich, weil wir gemeinsam Angst hatten, hilf- und machtlos waren und sind.

Schon eine Woche zuvor stand ich vor einer Menschenmenge, wenn auch nur etwa ein Zehntel so groß, und gedachte mit den vielen Menschen am Aachener Elisenbrunnen der Opfer des rassistischen Mordanschlags von Hanau. Dieser jährte sich am 19. Februar 2022 zum zweiten Mal, im November 2021 verliehen wir der Initiative 19. Februar und der Bildungsinitiative Ferhat Unvar den Aachener Friedenspreis. Ich durfte beeindruckend starke Menschen kennenlernen, mit Serpil Temiz Unvar und Emis Gürbüz, den MÜttern von Ferhat Unvar und Sedat Gürbüz, eine tief bewegende Pressekonferenz und eine noch bewegendere Preisverleihung gestalten.

Und plötzlich ist Rassismus gar nicht mehr unser größtes Problem, plötzlich ist Krieg in Europa. Ich danke all den Menschen, die sich voller Mut und Stärke all diesem Unheil entgegenstellen. Wenn ich sie mit meinen Worten bestärken und unterstützen kann, und wenn das alles ist, was ich kann, dann will ich es tun, bis die Zeiten wieder weniger interessant sind. Ich sehne mich nach Langeweile.

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2 Gedanken zu “Interessante Zeiten

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