Highly political

A medical cannabis plant nearing maturity.

Zur Feier meines 420. Blogbeitrags setze ich heute nach langer Zeit die Highly-Reihe fort. Die neue Bundesregierung in den mittelmäßig vielversprechenden Ampelfarben hat angekündigt, Cannabis zu legalisieren oder wenigstens zu entkriminalisieren. Bei Letzterem blieben Besitz und Konsum verboten, würden aber nicht mehr verfolgt. Schon im Wahlkampf kristallisierte sich der Umgang mit Cannabis schnell als der mehr oder minder einzige Punkt heraus, bei dem die drei Parteien sich im Grundsatz einig sind. Also hoffen seit der Bundestagswahl am 26.09.21 alle Kiffer*innen auf eine etwas entspanntere Zukunft im Hinblick auf das Kraut, dass uns die Chance gibt, all den Ärger und Niedergang auf unserem Planeten ein bisschen besser zu ertragen.

Nein, schönkiffen will sich hier niemand irgendetwas, aber Bewältigungsstrategien brauchen letztlich doch alle Menschen, um angesichts von Klimakatastrophe, kriegerischem Säbelrasseln, Fluchtdramen und Wissenschaftsfeindlichkeit allüberall nicht durchzudrehen. Genau hier geht der bereits seit 2017 gesetzlich geregelte medizinische Gebrauch von Cannabis in den Freizeitgebrauch über: Es wirkt Stimmungsaufhellend und lässt uns unangenehme Dinge wie Schmerzen, aber auch psychischen Druck besser aushalten, auch wenn die negativen Einflüsse dadurch nicht verschwinden, also nur Symptome bekämpft werden.

Medical cannabis like this has a THC content of 22%

Da bisher wenig über die tatsächlichen Pläne der Regierung zu einem neuen Umgang mit Cannabis bekannt ist, gebe ich ihr und Euch ein paar Ideen mit auf den Weg, in welche Richtung sinnvolle Regelungen gehen sollten. Über allem steht dabei für mich die Austrocknung des Schwarzmarkts. Es darf nicht sein, dass sich das organisierte Verbrechen über den Handel mit Cannabis finanziert, während Drogen wie Alkohol und Zigaretten, die deutlich schädlicher sind und um ein Vielfaches mehr Menschenleben kosten, dem Staat Geld ins Steuersäckel spülen. Der Staat lässt sich hier massenhaft Einnahmen entgehen, die er sogar dann generieren kann, wenn die bisherigen Schwarzmarktpreise unterschritten werden. Das wäre allerdings schon wichtig, denn anderenfalls besteht der Schwarzmarkt parallel einfach weiter, wie es sich in Kanada und anderen Ländern mit überhöhten Preisen im regulierten Handel beobachten lässt.

Wäre der Verkauf gesetzlich geregelt, gäbe es in Sachen Prävention, Jugendschutz und Reinheit von Gras und Haschisch deutlich weniger Probleme. Es wäre leicht organisierbar, dass nur über 18jährige in entsprechenden Fachgeschäften einkaufen könnten. Das klappt bei Alkohol und Zigaretten schließlich sogar im Supermarkt. Menschen mit problematischem Nutzungsverhalten hätten in den spezialisierten Läden Anlaufstellen für Fragen, was auch die Schwelle zu Beratungsangeboten und, wenn nötig, zu therapeutischer Unterstützung senken würde. Aber auch die Beratung zu Sorten, ihrer Stärke, ihrem Gehalt an unterschiedlichen Cannabinoiden wie THC und CBD, zu Wirkung und Geschmack könnte stattfinden, ähnlich wie bisher im Fachhandel für Pfeifentabak oder teure Spirituosen. Gras ist genauso ein Genussmittel mit einer Vielfalt von Geschmacks- und Wirkungsnuancen, wie guter Wein oder alkoholfreies Craft-Bier. Kenner*innen könnten von kundigem Verkaufspersonal also sehr profitieren.

Außerdem wäre sichergestellt, dass die Ware nicht gestreckt oder verunreinigt ist, so dass die Konsument*innen wesentlich weniger Gesundheitsgefahren in Kauf nehmen müssten. Wer heute Gras an der Straßenecke kauft, hat keine Ahnung, was er oder sie als Beigabe bekommt. Blei als Streckmittel, um das Gewicht zu erhöhen, ist da vermutlich noch eine der harmloseren Möglichkeiten, sich zu vergiften. Synthetische Cannabinoide, die bei einer Überdosierung lebensgefährlich sein können, sind leider keine Seltenheit mehr.

Eine Legalisierung macht allerdings nur Sinn, wenn auch der Eigenanbau erlaubt wird. Wie bei Gemüse, z.B. dem viel zitierten Brokkoli, Küchenkräutern oder Zierpflanzen könnte sich dann jeder Mensch, der einen Garten oder eine Fensterbank hat, schlicht und ergreifend selbst versorgen – und zwar mit genau den Sorten, die sie oder er bevorzugt. In den Niederlanden, die Cannabis bereits seit 1976 dulden, darf jeder Mensch bis zu fünf Cannabispflanzen besitzen, allerdings können diese dennoch von der Polizei konfisziert werden und es kann Strafen geben. Eine solche regelung wäre auch hier das Mindeste. Eine echte Legalisierung müsste aus meiner sicht jedoch auf Mengenbegrenzungen verzichten. Es steht ja auch in keinem Gesetz, dass eine Person nur zehn Tomatenpflanzen oder drei Basilikumtöpfchen haben darf. Legal ist legal, egal welche Menge.

Aber selbst, wenn nur eine begrenzte Menge erlaubt wäre, ob nun eine Anzahl von Pflanzen oder eine Gewichtsobergrenze des tatsächlichen Produkts, wäre sehr viel gewonnen. Vor allem würden Nutzerinnen und Nutzer nicht mehr stigmatisiert und in eine kriminelle Ecke gestellt, was bei Schwierigkeiten wie Psychosen oder der durchaus auch bei Cannabis möglichen Sucht die Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten enorm erleichtern würde. Hilfesuchende müssten sich nicht erst zu einer Straftat bekennen, bevor ihnen Unterstützung zuteil würde, sondern sie könnten einfach zu einer Selbsthilfegruppe wie den anonymen Alkoholiker*innen, einer Suchtberatungsstelle oder einer*m Psycholog*in gehen. Damit wäre dieser Schritt deutlich weniger Angstbesetzt und kostete weniger Überwindung, so dass sicherlich mehr Menschen ihn gehen würden.

Und nicht zuletzt würde durch die Legalisierung der Reiz des Verbotenen verlorengehen. Viele, gerade Jugendliche und somit besonders gefährdete weil noch in der körperlichen Entwicklung steckende Personen hätten dadurch einen weniger starken Anreiz, heimlich und im Gefühl des Triumphs über Gesetz und Erwachsene zu kiffen. Mit 18 dürften sie es eh, Viele würden das also, wie heute beim Alkohol, ohne Murren abwarten und deutlich weniger Jugendliche würden viel zu früh mit dem oftmals dann schädlichen Cannabiskonsum beginnen.

Die Legende von der Einstiegsdroge Cannabis ist vielfach widerlegt. Grund hierfür ist ebenfalls nur der Schwarzmarkt, denn wenn die/der Dealer*in nicht nur Cannabis sondern auch härteres Zeug vertickt, bietet sie oder er Käufer*innen von Cannabis natürlich auch diese anderen Produkte an. Decken dieselben Personen ihren Cannabisbedarf in einem legalen Fachgeschäft, versucht dort niemand, ihnen auch andere Drogen anzudrehen. Wer aus eigenem Antrieb andere Substanzen ausprobieren will, muss den legalen Weg verlassen, was sicherlich Viele ausbremst. Wobei: Wenn der Cannabis-Anbau erlaubt wäre, warum dann nicht auch eine kleine, eigene Pilzzuchtkiste? Größer sind die Gesundheitsgefahren hierbei auch nicht und beispielsweise in Texas wird aktuell eine Legalisierung derartiger Pilze diskutiert.

https://en.wikipedia.org/wiki/Psilocybe_semilanceata

Alkohol und Tabak mit ihrer viel schädigenderen und für meine Begriffe deutlich unangenehmeren Wirkung, vor allem den Nachwirkungen, dem Kater, den es weder bei Cannabis noch bei Pilzen gibt, sind aus rein historisch-kulturellen Gründen in unserer Gesellschaft akzeptiert und normal. Würden heute all diese Substanzen gegeneinander abgewogen, verglichen und daraufhin geprüft, ob sie zu Genusszwecken zugelassen werden können, hätten weder Alkohol noch Tabak eine Chance. Nur aus Gewohnheit das eine Genussmittel, den einen Rausch gesetzlich zu legitimieren und den anderen zu kriminalisieren, ist weder nachvollziehbar noch sinnvoll. Ich bin daher sehr froh darüber, dass wir nun eine Regierung haben, die sich dieses Thema hoffentlich so unvoreingenommen wie möglich anschauen und neue Regelungen hierzu evaluieren wird.

Beauty in the detail: A young cannabis bud.

Wir dürfen gespannt sein. Bis auf Weiteres gilt #LegalizeIt.

4 Gedanken zu “Highly political

  1. puzzleblume sagt:

    Cannabis in eine Reihe der Genussmittel wie Alkohol, Koffein und Tabak zu stellen und den Gebrauch lediglich als Vergehen zu ahnden, wenn dadurch anderen Schaden zugefügt wird, kann man sicherlich befürworten, vor allem beim Gebrauch von Alkohol im medizinisch-pharmazeutischen Zusammenhang.

    Dass somit auch denen, die sich mit zuviel Konsum eine Notwendigkeit geschaffen haben, sich ohne sich als „Straftäter“ offenbaren zu müssen, alle Hilfestellungen offenstehen, die auch denen zur Verfügung stehen, die anderen Genussmitteln im Übermass zusprechen, ist absolut notwendig.

    Da mir Menschen, die ihren Konsum nicht im für Mitmenschen im sozialverträglichen und risikolosen Rahmen halten konnten, schon zu sehr auf die Nerven gegangen sind, hält sich meine Begeisterung für den Konsum zwecks „Welterträglichmachen“ allerdings in denselben Grenzen wie beim Alkohol.

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Meiner (nicht nur eigenen) Erfahrung nach macht Kiffen im Wesentlichen harmlos (das sangen schon Joint Ventures, als es sie noch gab). Insofern denke ich, dass von Beschaffungskriminalität einmal abgesehen, keinerlei Gewalt oder Belästigung zu erwarten ist, wie sie von alkoholisierten Menschen oftmals ausgeht. Und für das Thema Beschaffungskriminalität wäre ein regulierter Handel und ein Absägen des Schwarzmarkts die Lösung. Um das wirklich beurteilen zu können, müsste ich aber eine genauere Vorstellung haben, was Du meinst.

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  2. puzzleblume sagt:

    Ich habe bewusst von Auf-die-Nerven-gehen geschrieben, nicht von Kriminalität und von zwischenmenschlichen Problemen.
    Ds unkontrollierte Albernsein, das Wegtreten in verschieden langen Absenzen und nicht das Wahrnehmen von verpflichtenden Aufgaben, sei es bezgl. anvertrauter Kinder oder Haustiere oder verabredungsgemässes Erscheinen irgendwo, deren Bedürfnisse wegen verzerrten Zeitgefühls schlicht vergessen werden, stellen „nur“ Probleme dar, keine Kriminalität. Das ist meine persönliche Erfahrung mit Langzeit- und Intensivkonsumenten.
    Wie immer entscheidet darüber die persönliche Selbstdisziplin, ob man Cannabis als Medikament anwendet, wie z.B. zur Schmerztherapie in der angeratenen Dosierung, oder aus anderen Gründen und nach „Lust und Laune“ und womöglich auch zusammen mit Alkohol, denn dannn sieht auch die Aggressions-Bilanz und Paranoia-Gefahr leider wieder anders aus – auch das weiss ich aus persönlicher Erfahrung.
    Darum bin ich für Legalisierung in einer Reihe mit anderen, oben erwähnten Genussmitteln, aber – wie beim „gesellschaftlich akzeptierten“ Alkohol – entsprechend mit Vorsicht zu geniessen.

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    1. kommunikatz sagt:

      Ja, jetzt verstehe ich Deinen Punkt und stimme Dir zu. Die Leute, die den ganzen Tag stoned und weggetreten sind, gehen auch mir definitiv gewaltig auf den Geist. Aber ich weiß eben auch, dass es sehr viele Menschen gibt, die nur ab und zu oder nur zu bestimmten Zeiten kiffen, wodurch ihr Alltag und ihre „Funktionstüchtigkeit“ tatsächlich gar nicht eingeschränkt wird. Bei Vielen würde mensch gar nicht auf die Idee kommen, dass sie regelmäßig kiffen. An diese unscheinbaren Fälle denkten die Leute bloß meistens nicht sondern nur an die Extremfälle, die wirklich nichts mehr auf die Kette kriegen, wie eben auch die permanent besoffenen Pegeltrinker*innen oder Ähnliche. Diese Spitze des Eisbergs würde ich nur ungern zum Maßstab aller Dinge machen, aber das tust Du ja auch nicht.

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