Tränen und Staunen

51676500343_c86d1ccb44_kGestern erlebte ich zum ersten Mal in meiner unglaublicherweise schon zehnjährigen Funktion als Pressesprecherin des Aachener Friedenspreis e.V. eine Pressekonferenz, auf der Tränen flossen. Ich glaube, das war sogar auf allen Seiten der Fall, bei den Preisträgerinnen, bei den Presseleuten und bei den Vertreter*innen des Vereins. Serpil Temiz Unvar und Emis Gürbüz von den Hanauer Initiativen, Daharatu Ahmed Aliyu und Elizabeth Majinya Abuk vom Women’s Interfaith Council aus Nigeria schilderten eindrücklich und teils mit tränenerstickter Stimmeihre Erfahrungen von Schmerz und Verlust ihrer Kinder und erzählten enthusiastisch und voller Energie von ihrer Arbeit mit anderen Traumatisierten, Gewaltopfern und rassistisch Bedrohten. Abends auf der Preisverleihung widerholten sich die beeindruckenden und bewegenden Schilderungen, flankiert von wunderbarer Musik und einer starken Laudatio der frischgebakenen Bestseller-Autorin und Kämpferin gegen Rassismus, Jasmina Kuhnke.

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Das alles vor dem Hintergrund der wieder entgleisenden Pandemie, unter 2G-Bedingungen in einer stark ausgedünnt besetzten Aula Carolina, aber dennoch, wieder vor Live-Publikum. Die Aufzeichnung des Livestreams gibt es zum Nachschauen hier.

Ich hätte gerne viel mehr Zeit mit den Preisträgerinnen verbracht, mich mehr mit ihnen unterhalten und mehr von ihnen erfahren. Ihr Engagement ist beeindruckend und die Art und Weise, eigene Erfahrungen des blanken Horrors in positive, kraftvolle und empowernde Unterstützung für Andere umzuwandeln, lässt mich staunen und erfüllt mich mit Hochachtung vor diesen wunderbaren Menschen. Serpil Temiz Unvar sagte es treffend: Sie hatte nach den Morden des 19. Februar 2020 in Hanau die Wahl, entweder Alle und Alles zu hassen, sich dem Schmerz und dem Verlust zu ergeben, oder selbst die Veränderung und das Positive anzustoßen und dafür zu arbeiten. Sie entschied sich für Letzteres. Ich muss ihrem Mitstreiter Ali Yilderim zustimmen: Sie ist eine der stärksten Frauen, die ich kenne.

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Aber ein Tag hat nur 24 Stunden, in denen alle Beteiligten auch Pausen brauchen. Abends beim Ausklang nach der Preisverleihung war ich schon nicht mehr dabei, es war einfach alles zu viel, nach einem Tag mit fast pausenlosem FFP2-Maske-Tragen hatte sogar ich Kopfschmerzen, obwohl ich FFP2-Masken sonst absolut unproblematisch und angenehm finde. Irgendwann ging es nicht mehr, aber ohne Maske unter Menschen sein fühlt sich auch nicht richtig an. Da kann es noch so viel 2G geben, die Impfdurchbrüche häufen sich und offensichtlich brauchen wir alle dringend eine Booster-Impfung, damit das alles nicht ins riesige Desaster läuft.

Mein doppelt geimpfter, 74jähriger Vater, der sonst ein unverzichtbarer Gast bei Friedenspreisverleihungen ist, hat sich eine solche Durchbruchsinfektion eingefangen und schont sich zur Zeit zu Hause in Quarantäne. Die erste Woche ist überstanden, die Symptome sind moderat, aber besorgt bin ich dennoch.

In diesem Gefühlschaos musste ich mir gut überlegen, ob ich mir für die Pressefotos wirklich die Wimpern schminken sollte. Aber letztlich war ich eine der Wenigen, die ihre Tränen herunterschlucken konnte und am Ende nicht aussah wie ein Pandabär. Wenn ich funktioniere, funktioniere ich, egal, wie müde, verwirrt und traurig ich bin. Traurig war ich eigentlich gar nicht so sehr, nur unfassbar berührt und ungläubig erstaunt über all diese Ereignisse. Vielleicht half es auch, dass ich mich den ganzen Tag an dem wunderschönen, bunt gestreiften Tuch festhalten konnte, das mir die Nigerianerinnen bereits am Vorabend geschenkt hatten – alle Frauen bekamen so ein Tuch, auch Sibylle Keupen, die Oberbürgermeisterin, als sie uns alle im Rathaus empfing.

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Danke, liebe Alle, liebe Preisträger*innen, liebe Vorstands-Kolleg*innen, liebe Vereinsmitglieder, liebe Unterstützer*innen, liebe Laudatorin, liebe Moderatorin, liebe Oberbürgermeisterin, liebe Technikleute, liebe Medienschaffende, liebe Hunde. Mit fast Jeder und Jedem, die oder der gestern auf der Bühne stand oder im Publikum saß, verbindet mich irgendetwas, eine gemeinsame Geschichte, eine gemeinsame Überzeugung oder einfach nur der Wunsch, die Welt besser und friedlicher zu machen. Danke!

4 Gedanken zu “Tränen und Staunen

      1. kommunikatz sagt:

        Vielen Dank 🙂 Ich habe manchmal in unterschiedlichsten schwierigen Zeiten überlegt, mich aus dem Aachener Friedenspreis zurückzuziehen, aber dann immer wieder entschieden, weiterzumachen, weil mir allein Tage wie der gestrige so viel geben und jeden kurzfristigen Nervkram mehr als entschädigen. Bleib Du ebenfalls gesund und pass auf Dich auf!

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      2. Benita Wiese (Pseudonym) sagt:

        Wir können uns gut vorstellen, wie viel auch nervige Arbeit dahinter steht. Danke fürs durchhalten. 👏 Ja, auch wir passen auf uns auf. 😊 Hier in Österreich ist’s aktuell ziemlich ungemütlich. 🥴 Es heißt wieder viel Abstand halten, brav FFP2 Maske tragen und (Booster) Impfung holen. Glücklicherweise gibt’s diese Möglichkeiten. Mögen sie alle nutzen, die nur irgendwie dazu in der Lage sind.

        Gefällt 3 Personen

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