Fluchtreflexe

Oder: Warum ich momentan der lebende Beweis für die Vereinbarkeit von Misanthropie und Altruismus bin

Eigentlich war es mir klar. Hier und hier habe ich schon darüber geschrieben, nur beherzigt habe ich das Geschriebene nicht. Als im Sommer Alle der Meinung waren, die Pandemie sei vorbei und das Leben müsse endlich wieder durchstarten, dachte auch ich, wieder mehr Menschen um mich haben zu wollen – oder vielleicht eher zu müssen, weil das irgendwie von allen Seiten erwartet und gepusht wurde.

Ich dachte, vielleicht würden Menschen mich mental wieder auf eine positivere Schiene setzen, neue Kontakte mir die Energie und Motivation zurückgeben, die schon lange fehlte, und das alles irgendwie als Inspirationsbooster wirken. Aber Pustekuchen. Sobald Menschen auftauchten, und sei es nur in Form von Kontaktvorschlägen der Onlinedatingbörse, bekam ich Panik. Sobald ich mich mit Menschen auseinandersetzen musste, außerhalb eines beruflichen Kontextes mit Fremden interagieren sollte, wollte ich nur noch weg, die Decke über den Kopf ziehen und mich totstellen. Ich ertrug nur wenige, vertraute Personen, alle anderen machten mir Angst und ließen einen großen Widerstand in mir aufsteigen.

Anfangs zwang ich mich noch, auf e-Mails und Nachrichten zu reagieren, gab mich interessiert und offen, hörte aktiv zu und nahm Anteil. Dabei hatte ich aber schonwieder, wie so oft, das Gefühl, es nur für mein jeweiliges Gegenüber zu tun, in der Rolle einer Art Therapeutin Zuspruch und Empowerment zu spenden, ohne selbst etwas davon zu haben. Je mehr mir das bewusst wurde, umso mehr zog ich mich zurück, sagte verabredete Treffen ab oder reagierte schlicht nicht mehr auf Kontaktversuche der Anderen. Sie lösten Fluchtreflexe aus und konfrontierten mich mit meiner Unsicherheit und Unklarheit über die Erwartungen, die diese Menschen an mich hatten. Ich wollte keine Erwartungen erfüllen, schon gar keine bloß von mir antizipierten.

Meine gefühlte Daseinsberechtigung war schon mein Leben lang, für andere Menschen da zu sein, sie mit warmen Worten zu unterstützen und ihnen durch ein offenes Ohr und bei Bedarf durch Rat und mir mögliche, begrenzte Tat zur Seite zu stehen. Außer zuhören, beraten und organisieren glaubte ich, nichts Nützliches beitragen zu können. Ich fühlte mich nur als Klotz an den Beinen der Anderen und wollte dieses vermeintliche Ungleichgewicht um jeden Preis ausgleichen. Dafür tat ich alles, bis zum Umfallen, ohne je selbst in den Genuss derartiger Zuwendung zu kommen. Meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche über materielle Selbstverständlichkeiten hinaus hatte ich nie zu lesen gelernt – vielleicht, weil sie eben fast nie erfüllt waren. Also konnte ich sie auch nicht kommunizieren und lebte deshalb in der Gewissheit, dass ich es nicht verdient hatte, dass jemand anderes meine Gedanken lesen und etwas für mich tun würde. Für Grundlegendes war schließlich immer gesorgt. Wenn ich nichteinmal selber wusste, was ich abseits des materiell gesicherten Überlebens wollte, woher sollten die Anderen es wissen? Ich wünschte mir zwar immer irgendwie, dass Andere mir freiwillig und ungefragt Gegenleistungen für meine Aufopferung zukommen lassen würden. Aber welcher Art diese Revanche sein sollte, war mir ein Rätsel. Also arrangierte ich mich nach vielen Enttäuschungen mit meiner Rolle als freigiebige Menschenfreundin ohne eigene Wünsche.

Das ging erstaunlich lange gut und ich suchte mir natürlich auch immer wieder genau die Menschen aus, die entsprechend bedürftig waren, Zuspruch und Hilfe brauchten, ihr Leben allein nicht geregelt bekamen. An dieser Stelle sprang ich ein und war erfüllt von der Bestätigung, mich nützlich machen und einbringen zu können. Die Anderen brauchten Unterstützung, Rat und Schutz, ich konte all das geben, fühlte mich produktiv und wertgeschätzt.

Doch als ich selbst irgendwann mit meinen Kräften am Ende war, kam niemand und erfüllte für mich die Funktion, die ich so lange für Andere erfüllt hatte. Das wunderte mich auch gar nicht – schließlich hatte ich immer signalisiert, für Andere da zu sein und selbst keine Bedürfnisse zu haben. Damit hatte ich die Anderen klar dazu erzogen, mich nur als Dienstleisterin zu sehen, meine Unterstützung mehr oder weniger dankend anzunehmen, sich dafür aber eben nicht erkenntlich zu zeigen, indem auch mal umgekehrt mir Unterstützung zuteil geworden wäre. Ich zementierte meine eigene Ausnutzbarkeit.

Vielleicht sind die Fluchtreflexe ein Ergebnis dieser Erkenntnis und der Angst, wieder in denselben Mechanismus zu verfallen, den ich zwar verstanden aber zu dem ich noch kein Alternativverhalten aufgebaut habe. Vielleicht sind sie ein gesunder Selbstschutz, weil ich noch nicht bereit für Menschen bin. So jedenfalls fühlt es sich an. Aber wie ich in die Lage kommen soll, mich tatsächlich anders zu verhalten und nicht immer wieder auf die Bedürftigkeit Anderer und mein Helferinnensyndrom hereinzufallen, bleibt rätselhaft. Ich möchte weiter nach meinen Bedürfnissen suchen, herausfinden, was mir gut tut, meine Wünsche definieren und keine Bestätigung mehr aus Selbstausbeutung ziehen. Wenn jemand eine Idee hat, wie ich das bewerkstelligen kann, bitte gerne immer her damit!

13 Gedanken zu “Fluchtreflexe

  1. puzzleblume sagt:

    Es ist auf jeden Fall logisch, wenn man Menschen meidet, wenn „Nein!“ zu sagen an Selbstverletzung grenzt. Durch die Corona-Situation bin ich froh über jeden, der nicht anruft um mich zu irgendeiner Unternehmung zu überreden und mit Bedürfnissen argumentiert, die ich nicht empfinde, da ich den grössten Teil der Menschen überhaupt nicht vermisse und schon gar nicht ihre persönliche Anwesenheit. Das mag ja „unnormal“ sein, aber beurteilen tun dies die Verständnislosen. Hm.
    Ganz liebe Grüsse!

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    1. kommunikatz sagt:

      Wie ich gerade schon auf Christiane geantwortet habe: Schön, dass es noch mehr so seltsame Leute gibt. Wir sollten den Club der einsamen Eigenbrötlerinnen gründen 🙂 Es ist nie gut, sich Bedürfnisse einreden zu lassen, die mensch selbst gar nicht spürt. Darüber gehen dann nur die eigenen, echten Bedürfnisse unter und mensch verliert total den Kontakt zu sich selbst – nicht gut.
      liebe Grüße 🙂
      Lea

      Gefällt 2 Personen

  2. Christiane sagt:

    Ich kann dir zu deinem Kernproblem zwar nichts sagen, aber ich teile das Gefühl mit dir, dass „die Welt da draußen“ mir zum größten Teil gestohlen bleiben kann und dass ich mich am liebsten hinter 27 Bretterzäunen verkriechen würde. Ich habe schon immer sehr selten auf der Straße getanzt, aber das, was in mir gerade abgeht, ist selbst für meine introvertierten Verhältnisse heftig, und ich führe recht viel auf coronabezogene Ängste und Verunsicherungen zurück, im Kleinen wie im Großen.
    Also, zumindest damit bist du nicht allein, ich hoffe, es hilft.
    Abendgrüße! 😁🍷🍪👍

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    1. kommunikatz sagt:

      Beruhigend, dass nicht nur ich so komisch bin 🙂 Ja, es hat mit Sicherheit auch viel mit der Pandemie zu tun. Leute wie wir, die eh schon lieber allein sind, haben die Zeit des Abstands ja oft regelrecht genossen. Da ist es jetzt umso schwieriger, wieder in das angeblich normal turbulente Leben mit jede Menge Kontakten zurückzukehren. Ich lerne jedenfalls endlich, mehr auf mich selbst zu hören – wenn ich allein sein will, ziehe ich das halt durch. Vielleicht ist ja auch das eines meiner so lange verschütteten Bedürfnisse, denen ich nie genug Rechnung getragen habe. Ist halt doof, dass ich in vielen Dingen auf Andere angewiesen bin, weil ich ganz ohne Assistenz halt nicht klarkomme. Aber solange das vertraute Menschen sind und die Dosis gering bleibt, ist es ok 🙂
      liebe Grüße und einen schönen Abend Dir!
      Lea

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    1. kommunikatz sagt:

      Deshalb war das ja auch teilweise feine Ironie 🙂 Aber warum nicht ein ungeschriebener Club auf Distanz – wir wissen voneinander und können uns in unserem Eigenbrötlertum bestätigen und aufbauen, wenn es mal hakt, aber sitzen einander nicht auf der Pelle. So gehört das doch 🙂

      Gefällt 1 Person

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