Chemical Sister

Nein, im Bereich der illegalen Substanzen habe ich meine Erfahrungen noch nicht auf den synthetischen Bereich erweitert. Aber bei legalen Drogen a.k.a. Medikamenten gibt es hier ein paar News zu vermelden.

Zuerst die beste Neuigkeit, denn gut sind eigentlich alle: Die Umstellung meines MS-Medikaments auf eine Eskalationstherapie wurde mangels Eskalation abgeblasen 🙂 Und das kam so: Nach meinem Schub im Sommer 2020 riet mir die Professorin aus der MS-Ambulanz im Aachener Uniklinikum, aufgrund der zunehmenden Krankheitsaktivität die medikamentöse Therapie zu wechseln. Ich hatte im Frühjahr 2019 und im Sommer 2020 jeweils einen Schub gehabt, nachdem zuvor 10 Jahre lang gar nichts passiert war. Es passte vollkommen ins Bild klassischer MS-Verläufe, dass rund 15 Jahre nach den ersten Schüben die Aktivität der MS zunehmen und der Verlauf möglicherweise sogar in einen sich stitig verschlechternden kippen würde. Dass jede MS-Erkrankung anders ist und es eigentlich keinen wirklich klassischen Verlauf sondern höchstens statistische Wahrscheinlichkeiten gibt, schwirrte mir dabei jedoch immer im Hinterkopf herum – und ich sollte Recht behalten.

Im Frühjahr 2021 war ich nach diversen Verzögerungen und einem Wechsel der behandelnden Neurologin endlich so weit, den Umstieg auf ein neues Medikament angehen zu können. Eine MRT-Untersuchung Ende März, die Voraussetzung für den Wechsel war, zeigte seit dem 2020er Schub jedoch keinerlei neue Läsionen, was mich schon an der These der zunehmenden Krankheitsaktivität zweifeln ließ. Die ebenfalls vor dem Start des neuen Medikaments vorgeschriebenen Blutuntersuchungen ergaben unerklärlich schwankende Lymphozytenwerte, was den Wechsel ausbremste, da auch das anvisierte Medikament die Lymphozyten herabsetzen kann und die Werte daher zuerst mal hätten stabil sein müssen. Ein Hämatologe gab mir zwar das Okay für einen Wechsel, aber mir und meiner Neurologin war das Ganze nun nicht mehr geheuer und wir überlegten Alternativen.

Da die MRT-Bilder aus dem März als Grundlage für den Medikamentenwechsel inzwischen zu alt waren, ging ich Ende September erneut in die Röhre. Die Neurologin und ich waren uns einig, dass bei einem weiterhin stabilen Status Quo der Wechsel vielleicht gar nicht nötig wäre. Anderenfalls hatten wir uns ein anderes Medikament der ersten Eskalationskategorie ausgeguckt, das die Lymphozyten weniger beeinflusst hätte und somit trotz der schwankenden Werte in Frage gekommen wäre. Am Konjunktiv merkt Ihr schon, dass dieser Plan nicht zum Tragen kam. Denn, oh Wunder, auch das zweite MRT ergab keine – KEINE – neuen Läsionen, weder im Hirn noch im Rückenmark. Die MS hatte also seit der Ansage der Professorin komplett die Füße stillgehalten, von erhöhter Aktivität keine Spur, eher im Gegenteil.

Ich bleibe also erstmal bei dem seit 15 Jahren erprobten und offensichtlich noch immer gut seinen Zweck erfüllenden Beta-Interferon-Medikament Avonex, das ich einmal wöchentlich spritze, und rutsche somit nicht in die Immunsuppression. Alle anderen diskutierten Medikamente hätten das Immunsystem unterdrückt. Vor dem Hintergrund einer Pandemie und der nötigen Immunisierung durch Impfungen fand ich diese Idee von Anfang an absolut nicht verlockend und bin sehr froh, dass dieser Kelch für den Moment an mir vorübergegangen ist.

Mit einem neuen Medikament herumschlagen darf ich mich aber trotzdem – wobei „neu“ nicht ganz korrekt ist. Seit ein paar Tagen nehme ich abends vor dem Schlafengehen das Antidepressivum Mirtazapin. Mein früherer Neurologe hatte es mir bereits vor Jahren als Mittel gegen meine anhaltenden Schlafstörungen verschrieben, ich hatte es zweimal mit großem zeitlichen Abstand ausprobiert und die Idee verworfen, da es mich zwar nachts einigermaßen schlafen ließ, tagsüber dafür aber umso müder machte. Leistungsfähig war ich also auch mit diesem Medikament nicht sondern fühlte mich genauso elend und matschig, als hätte ich nicht geschlafen.

Da sich mein psychischer Zustand immer weiter trübte und verdunkelte, kam nun vor ein paar Wochen von meiner Psychologin der Impuls, es doch mal dauerhaft und nicht nur ausnahmsweise zum besseren Schlafen mit Mirtazapin zu probieren. Eine positive Wirkung auf den Schlaf hätte es langfristig auch, in erster Linie würde es aber meiner Depression den Kampf ansagen. Ich fand die Idee gut, mich schreckte nur die ca. 14tägige Eingewöhnungszeit, während der die Tagesmüdigkeit sehr ausgeprägt sein würde. Ständig war an allen Fronten so viel los und ich hatte das Gefühl, nicht ausfallen zu dürfen. Wenn ein Batzen Arbeit weggeschafft war, sprang sofort der nächste Teufel aus irgendeinem Hut und ich fühlte mich wieder unverzichtbar, unter Druck und überfordert. Die abendliche Pfeife reichte nicht mehr, um diesen negativen Gefühlen etwas entgegenzusetzen, aber mit der Einnahme von Mirtazapin zu beginnen, traute ich mich nicht, da ich ja unverzichtbar war und ohne mich alles zusammenbrechen würde.

Nachdem meine Stresszustände und Panikattacken untragbar wurden und mir auffiel, dass ich Angst davor bekam, mich im Welthaus aufzuhalten, weil die direkt nebenan verlaufenden Bahngleise ihre kalten, metallischen Finger nach mir auszustrecken schienen, zog ich die Reißleine. Ich ließ mich, trotz allenthalben dringender Aufgaben, für zwei Wochen krankschreiben und begann, die Pillen einzuwerfen. Und, was soll ich sagen, ich bilde mir schon nach wenigen Tagen ein, eine Besserung zu spüren. Vielleicht liegt das mehr am Wochenende und der Krankschreibung, weil dadurch einfach der Druck aus dem Kessel genommen wurde. Vielleicht liegt es auch ein bisschen am tatsächlich schlagartig besseren und plötzlich sehr traumreichen Schlaf, den ich als extrem wohltuend erlebe.

Dinge, die mich vor ein paar Tagen noch auf die Palme brachten, kann ich jetzt an mir abperlen lassen. Ich gerate nicht mehr bei jedem Telefonklingeln, jeder an mich herangetragenen Aufgabe oder jedem Gedanken an meine to-do-Liste in Panik. Ich bin ruhiger, nicht nur, weil ich müde bin. So tragisch ist die MÜdigkeit im Übrigen gar nicht, das kenne ich nach mehreren NÄchten mit höchstens 4 Stunden Schlaf auch schlimmer. Es wird ein gehöriger Anteil Placeboeffekt mitspielen, denn laut Beipackzettel tritt die eigentliche Wirkung des Medikaments erst nach einigen Wochen ein. Aber ich bin zuversichtlich, dass es sich positiv auswirken und mir hoffentlich wieder ein Leben abseits des Brainfogs und der Todeswünsche ermöglichen wird.

Ein bisschen fühlt es sich allerdings auch an wie eine Sedierung und ein reines Verdrängen all der schrecklichen Realitäten. Aber anders käme wohl weder ich noch der Rest der Gesellschaft über die Runden. Ohne Selbstschutz geht es nicht, wenn mensch mit wachen Sinnen und analytischem Geist in der ersten Reihe der Apocalypse sitzt und den qualvollen Niedergang fast allen Lebens live beobachten kann. Noch lassen sich die Klimakatastrophe und der ökologische Zusammenbruch verdrängen. Also versuchen wir doch einfach mal, das zu tun, ohne dabei die Bemühungen um ein nachhaltiges Leben und ein Aufhalten des Zerfalls seinzulassen.

PS: Eine wirklich ulkige Nebenwirkung von Mirtazapin möchte ich Euch nicht vorenthalten. Wenn ich mich erschrecke oder plötzlich etwas meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, sei es, weil die Türklingel schrillt, ich irgendwo anstoße oder ein anderer, unerwarteter Reiz auftritt, durchzuckt mich ein regelrechter Stromschlag, als hätte ich in die Steckdose gefasst. Dieses Gefühl ist ziemlich absonderlich und ich muss mich daran noch gewöhnen, denn wenn mensch nichts sieht, tauchen oft unerwartete Reize auf. Auf jeden Fall muss ich meine Neurologin fragen, wie der Effekt physiologisch zustande kommt, denn da scheint irgendein Botenstoff den Organismus zu fluten, der sonst in deutlich geringeren Konzentrationen auftritt.

2 Gedanken zu “Chemical Sister

  1. kommunikatz sagt:

    Heute habe ich mir die diesjährige Grippeschutzimpfung geholt. Mein linker Oberarm tut weh und, wie üblich, fühle ich mich nur minimalst angeschlagen, aber ich feiere gerade die Tatsache, dass ich mich weiterhin gegen alles Mögliche impfen lassen kann und keine blöde Immunsuppression da irgendwo störend zwischenfunkt 🙂 Irgendwie ist das albern und irgendwie auch nicht: Oder sollte es mir zu denken geben, dass ich mich über sowas freue, weil in meinem Leben sonst nix los ist? Ich will ja gar nicht, dass irgendwas los ist, also freue ich mich umso mehr.

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    1. puzzleblume sagt:

      Dass du die gegebenen Möglichkeiten dich zu schützen ohne Einschränkungen ausschöpfen kannst, ist definitiv ein Grund zur Freude. Andere freuen sich über Dinge die sie kaufen, oder mit denen sie sich die Zeit vertreiben und machen darum ein Riesen-Gewese, da finde ich deine Freude doch inhaltlich wertvoller.

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