Kuchen

Meine Schreibblockade der letzten Wochen ist einer immensen Erschöpfung geschuldet. Ich weiß nicht, was sie ausgelöst hat – mögliche Faktoren gibt es reichlich. Seit dem Zeckenbiss vor drei Wochen nehme ich ein recht hochdosiertes Antibiotikum, um die Borreliose im Keim zu ersticken, die mir dieses Tierchen auf den Hals hetzen wollte. Vielleicht haut mich die Kombination aus den Lyme Borrelien und dem sie bekämpfenden Doxycyclin doch langsam um. Gute zwei Wochen habe ich hinter mir, eine kommt noch. Außerdem las ich heute einen Diskussionsthread, in dem einige mit Biontech geimpfte Menschen erklärten, dass sie auch Wochen nach der zweiten Injektion noch ungewöhnlich müde und erschöpft seien. Vielleicht spielt sowas auch bei mir mit rein, obwohl es sich nur bedingt logisch anhört.

Zusätzlich fahren momentan aus unerfindlichen Gründen meine weißen Blutkörperchen Achterbahn. Meine Neurologin überwacht meine Blutwerte engmaschig, da das vor und nach der Umstellung auf das geplante, neue MS-Medikament wichtig ist. Das Medikament kann zu einem Abfall der Lymphozyten führen, was bei zu großen Schwankungen gefährlich wird. Nun war die Umstellung auf das neue Medikament eigentlich für ungefähr jetzt geplant, ich habe also noch gar nicht angefangen, es zu nehmen. Trotzdem waren in zwei von drei Messungen in den letzten drei Monaten die Lymphozytenwerte deutlich zu niedrig. Das muss ich jetzt hämatologisch abklären lassen, da unter diesen Vorzeichen ein Wechsel natürlich nicht stattfinden kann. Erst muss klar sein, was diese spinnenden Werte verursacht und was ich dagegen tun kann. Vielleicht erklärt die Ursache auch meine Erschöpfung – ich habe nicht recherchiert, was niedrige Lymphozytenwerte bedeuten können und möchte mich damit auch nicht verrückt machen, daher warte ich jetzt einfach ab, was bei der näheren Untersuchung herauskommt.

Und die letzte Zeit war verdammt anstrengend und schlafraubend, was blöd ist, wenn mensch eh schon Schwierigkeiten hat, auf ein vernünftiges Schlafpensum zu kommen. Meine Mitbewohnerin war gestresst und aufgeregt, bereitete ihren Umzug vor und stolperte dabei naturgemäß über alle möglichen Hürden und Schwierigkeiten. Der daraus resultierende Zustand machte sie noch empfindlicher und nachtaktiver als sonst und verlangte mir erstens sehr viel Geduld und Toleranz ab, erschwerte es mir aber andererseits übergebühr, überhaupt mal eine Nacht mehr als zwei Stunden zu schlafen. Das Wetter war glücklicherweise nur kurz sommerlich heiß und wurde recht schnell wieder kühl und sogar nass. Aber das hilft mir zur Zeit komischerweise überhaupt nicht, ich bin einfach nur müde und fertig.

Seit Montag bin ich mit Arzu allein in meinem Haus – meine Mitbewohnerin ist zum Monatswechsel ausgezogen, um in einer neuen Stadt ein neues Leben zu beginnen und endlich ihre eigenen vier Wände zu haben. Wir haben Beide gemerkt, dass wir mit 40 bzw. 50 Lebensjahren keine WG-Menschen mehr sind. Unsere jeweiligen Eigenheiten, Bedürfnisse und Ansprüche sind festgefahrener und eingespielter als bei 20jährigen. Kompromisse werden schwieriger und der (zumeist unterschwellige) Unmut darüber wird unvermeidlich. Die WG hat sich nicht im Streit aufgelöst, aber dennoch sind wir wohl Beide sehr froh darüber, ab jetzt unsere Ruhe zu haben.

Verrückterweise fühle ich mich noch immer ständig beobachtet und versuche, jedes Geräusch zu vermeiden, um bloß nicht zu stören. Obwohl wir nur ein knappes Dreivierteljahr zusammen gewohnt haben, hat sich dieses Überwachungsgefühl bei mir total festgesetzt. Noch immer habe ich Angst, sie könnte hören, was ich geschrieben habe, wenn ich es mit Sprachausgabe korrekturlese, oder plötzlich neben mir stehen, während ich telefoniere. Dabei ist sie inzwischen 300km weit weg. Vielleicht kann ich das Alleinsein und Meineruhehaben noch nicht genießen, weil ich es eben noch nichteinmal empfinden kann. Und bis ich das kann, muss ich mich wohl erst noch daran gewöhnen, was zwangsläufig Zeit braucht.

Seit Tagen bin ich unproduktiv. Ich kriege nichts geregelt, Arbeit bleibt schon seit Wochen liegen, nur werden es immer mehr Dinge, die sich da auftürmen und immer weniger, die ich zwischendurch doch irgendwie wegarbeiten kann. Für dieses Phänomen las ich den Begriff „pandemic brain„. Ich fühle mich ausgebrannt und jetzt, wo ich hier allen Raum für mich und meine eigenen Bedürfnisse habe, scheint ein immenser Druck von mir abzufallen. Dieser Druck hat mich vorher offenbar zusammengehalten und stabilisiert. Ohne ihn scheine ich zu zerfließen, meine Struktur und Identität zu verlieren, mich energielos einfach aufzulösen.

Bis Montag gab es eine Art sozialer Kontrolle, die mich zum funktionieren zwang bzw. mich irgendwie dazu befähigte, die letzten Reserven zu mobilisieren, um nicht als Versagerin dazustehen. Seit diese Kontrollinstanz weg ist und ich hier zu Hause niemandem mehr etwas beweisen zu müssen glaube, habe ich noch weniger Energie als vorher. Eine Neustart-Euphorie fehlt völlig, obwohl ich mich darauf so gefreut hatte. Vielleicht kommt dieses Gefühl, wenn auch alle Sachen meiner Ex-Mitbewohnerin weg sind. Viele Kisten und Taschen und ein paar größere Dinge von ihr stehen nämlich noch in verschiedenen Räumen herum und warten auf ihren Abtransport, der sich jedoch verzögert, weil das Auto des Bekannten, der diesen Abtransport machen soll, sich für einen spontanen Werkstattaufenthalt entschieden hat.

Um irgendetwas sinnvolles zu tun, zu alt werdende Inhalte des Tiefkühlschranks zu vernichten und den Abend in einem angenehmen Zustand ausklingen zu lassen, holte ich mir vorgestern ein Stück eines wunderbaren Kuchens aus der Tiefkühlung. Und um die nun entstandene Lücke wieder zu füllen, haben mein ebenfalls durchgeimpfter Ex und ich gestern nach einem Waldspaziergang mit den Hunden zwecks weiterer Reste- und Containersachenverwertung einen neuen, diesmal sehr schokoladigen Kuchen gebacken. Außer Krümeln haben wir noch nichts davon probiert, alles Andere wäre gestern definitiv übertrieben gewesen. Ich werde gleich viele kleine Portionen davon einfrieren und ein bisschen was für die nächste Zeit und etwaige zu beschenkende Menschen zurückhalten. Und dann erhoffe und verlange ich eine Besserung des Allgemeinzustandes. Ein paar vielversprechende Ansätze dafür gibt es, vielleicht sogar in Form von Urlaub, den ich offenbar mehr als bitter nötig habe.

13 Gedanken zu “Kuchen

    1. kommunikatz sagt:

      Hmm, ich bin schon sehr froh, dass ich und große Teile meines Umfeldes geimpft sind. Diese krasse Müdigkeit scheint mir nach allen Regeln der Logik eher indirekt mit der Impfung und der resultierenden Erleichterung darüber zusammenzuhängen. Eine direkte Auswirkung der Impfung in dieser Form ist wissenschaftlich kaum erklärbar, eine eher psychosomatische Verbindung scheint mir plausibler. Die folgen von Long Covid sind definitiv schlimmer, also ist eine Infektion noch immer das deutlich größere Übel im Vergleich zur Impfung, finde ich.

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  1. puzzleblume sagt:

    Die Antibiotika-Einnahme ist sicher nicht ohne, man weiss ja, was diese Art Therapie mit den Darmbakterien anstellt, die sonst dafür sorgen, dass der Körper sich von aller Nahrung genug nehmen kann, was er braucht. Nimmst du diesbezüglich Kapseln, die beim Wiederaufbau helfen? Es könnte auf jeden Fall ein Faktor sein in der Rechnung, auch wenn es durch die Über-Zahl der weissen Blutkörperchen ungut steigert, dass du sich abgeschlagen fühlst.
    Dass du dich nach all dem Hin und Her und dem abgefallenen psychischen Druck, dessen vollen Umfang du dir erst jetzt entgestehen kannst, Erschöpfung empfindest, kann ich gut verstehen.
    Das Wegfallen der aufreibenden Ambivalenz von Halt und Verunsicherung durch die Anwesenheit ein- und derselben Person hat sicherlich auch ambivalente Effekte, bei denen sich Entspannung von Depression nur schwer unterscheiden lassen.
    Schön, dass du deinen Expartner als mit der Problematik Vertrauten noch in der Nähe hast, auch wenn die gemeinsame Reflektion dessen vermutlich „kein Spaziergang“ ist.

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    1. kommunikatz sagt:

      Ja, dafür bin ich auch dankbar, und es funktioniert die meiste Zeit erstaunlich gut. Bisher nehme ich nichts zwecks Wiederaufbau von Darmflora etc., aber ich sollte das wohl dringend tun, da hast Du Recht. Nur habe ich bisher gar keine Ahnung, was mensch da so tun kann. Aber dass meine Erschöpfung aus tausend Gründen Sinn ergibt, ist einfach eine Tatsache.

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      1. kommunikatz sagt:

        In den letzten Monaten hüpften diese kleinen Joghurt-Trinkampullen mit probiotischem Gedöns sogar erfreulich oft aus dem Container heraus direkt in meinen Kühlschrank. Da es noch nicht zu heiß ist, habe ich vielleicht diesbezüglich nochmal Glück. Oder ich kaufe halt einfach sowas, auch wenn das natürlich meinem Grundsatz widerspricht, keine tierischen Produkte zu kaufen, weil meistens halt doch Joghurt die Grundlage ist. Aber der Hinweis ist gut, ich hatte das irgendwie verdrängt.

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  2. Myriade sagt:

    Ob diese Joghurts an die Wirksamkeit von konzentrierten Probiotika-Kapseln wie man sie in Apotheken bekommt, herankommen, bezweifle ich sehr. Der Wiederaufbau der Darmflora braucht schon mehr als was in diesen Produkten drin ist.
    Das „seine Ruhe haben“ ist in Zeiten, in denen man mit gesundheitlichen Baustellen kämpft auch so eine Sache mit mehreren Seiten.
    Ich habe gerade mit Freude deine Beschreibung des Baus des Wintergartens gelesen und deine klugen Betrachtungen über die positiven Aspekte der Provisorien

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke, das freut mich! Ja, wenn ich etwas Probiotisches kaufe, dann natürlich etwas Vernünftiges. Aber falls diese Trinkdinger auftauchen wären sie zumindest schon ein Anfang.
      Tja, wenn die Ruhe dazu führt, dass mensch zu viel grübelt, dann ist Ruhe haben nicht so hilfreich. Aber die Gefahr ist mir schon länger nicht mehr begegnet.

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