Messenger – eine Zimmerreise

Dies ist eine Zimmerreise zum Buchstaben M. Ausgangspunkt ist allerdings diesmal gar kein Gegenstand sondern ein Software-Phänomen: Messenger. Die Dinger sind allgegenwärtig auf Smartphones und Computern, wobei ich gestehen muss, dass außer der Signal-App auf dem Smartphone auf meinen Endgeräten schon seit Jahren gar keine Messenger mehr wohnen. Und Signal installierte ich auch nicht wirklich freiwillig, denn ich finde sowas auf dem Telefon einfach nur nervig und unpraktisch. Da mich die Messenger der letzten 25 Jahre, die ich auf verschiedenen
Rechnern mit verschiedenen Betriebssystemen nutzte, aber bis heute in meinen Träumen verfolgen, möchte ich sie dennoch als Aufhänger für eine Zimmerreise nehmen – wird dann halt diesmal eher eine Art Kopfreise.

Noch immer träume ich von bunten ICQ-Fenstern auf dem Windows-9x- oder -XP-Desktop, der lang und länger werdenden Liste kursiver und nicht kursiver Nicknames mit Blümchen-Icons, den blinkenden gelben Briefchen und dem aus heutiger Perspektive unfassbar dämlichen Benachrichtigungssound, der immer „Kuckuck!“ quäkte, wenn eine neue Nachricht kam. Ich kenne Menschen, die sich ganze selbstgebrannte CDs damit versaut haben, dass sie den Messenger aus versehen aktiv ließen, während die Musik in Echtzeit auf die CD gebrannt wurde – jeder Messagesound war dann leider darauf auch zu hören.

Es verursacht mir Panik und Beklemmungen, wenn ich träume, dass mich ständig neue Leute anschreiben, während die Schrift verschwimmt und die Farben verblassen. Ich verliere den Überblick, weil mein damaliger Sehrest sich innerhalb eines Traums binnen weniger Minuten in die heutige graue Suppe verwandelt. Das sind stressige Träume, schon eigentlich ziemlich klar im Albtraumbereich anzusiedeln.

Ende der 1990er Jahre war ICQ mein Tor zur welt. Ich hatte fast nur dort Kontakte, es eignete sich super, um neue Leute kennenzulernen und aus der mich mobbenden Blase meiner Mitschüler*innen auszubrechen. Meinen ersten richtigen Freund chattete ich über ICQ an, weil mir sein Nickname und die wenigen ansonsten angegebenen Informationen gefielen, mehrere Affären während dieser offenen Beziehung entstanden ähnlich.

Später, in den 0er Jahren, wurde ich Linuxmensch und arbeitete zunehmend mit einem Laptop. Das zwang mich dazu, nicht mehr den Bildschirm sondern die Braillezeile zu nutzen, weshalb ich textbasiert arbeiten musste und vor meinen Augen keine bunte Schrift mehr tanzte. Auf der Braillezeile war es aber auch hektisch und die Zeit war meist viel zu knapp, um die Nachrichten meiner Chat-Partner*innen wirklich zu lesen. Die Sprachausgabe kooperierte nicht mit dem Jabber-Client, der auch die alten ICQ-Kontakte verarbeiten konnte, also musste ich alles mit den Fingern lesen. Dazu war ich aber zu langsam, so dass ich meist nur die Hälfte von dem mitbekam, was mein Gegenüber mir schrieb. Egal, irgendwie lief es. Jetzt chattete ich mit Leuten, die ich aus dem echten Leben schon kannte – als Kontaktbörse brauchte ich den Messenger nicht mehr.

Um 2010 herum nutzte ich ein paar Jahre lang einen Mac und mein Sehrest löste sich in Wohlgefallen auf. Irgendwie weiß ich es komischerweise gar nicht mehr so genau, aber ich glaube, ungefär ab dieser Zeit konnte ich nicht mehr mehrgleisig fahren und stieg auch zu Hause am Desktop-Rechner auf Braille und Sprachausgabe um bzw. schaffte den Desktop-Rechner irgendwann kurzerhand ab, weil der Laptop reichte. Jetzt ging es nicht mehr ohne Screenreader und die Vergrößerungssoftware hatte endgültig ausgedient. Aus unerfindlichen Gründen sind das aber Details, die mein Gehirn nicht abgespeichert hat, und es kommt mir so vor, als hätte ich Webseiten und Programme noch mit Vergrößerung bedient, bei denen das zeitlich schlicht nicht sein kann. Zeitweise kam dann der Facebookmessenger dazu, ICQ und Jabber verschwanden langsam in der Versenkung. Meine Kontakte verlagerten sich, aber irgendwann kehrte ich Facebook aus sehr vielen Gründen den Rücken – und war plötzlich gänzlich messengerlos.

Das ist jetzt sieben Jahre her. Ich denke schon seit Wochen darüber nach, mir Signal auch auf dem Laptop zu installieren. Aber ich habe zu wenig Lust auf die Auseinandersetzung mit wieder einem neuen Programm, wieder neuen Hürden und Barrieren, wieder nervigen Workarounds und letztendlich, falls es dann irgendwann ordentlich funktioniert, vor der Ablenkung und Nerverei durch die dann dauernd reinschwirrenden Nachrichten irgendwelcher Leute, die sich für wichtig halten. Also lasse ich es lieber und kultiviere weiter meine Isolation.

12 Gedanken zu “Messenger – eine Zimmerreise

  1. puzzleblume sagt:

    Eine interessante Frage: wo endet das Zimmer? Im erst Kommunikationsmedium oder im Gerät?
    Die Empfindungen bei einer Messengerkommunikation mit nicht bereits persönlich Bekannten sind merkwürdig, weil man sie zwar nicht durch die Tür, aber „in den Kopf lässt“.
    Während man sonst vielleicht nur neutral veröffentlichte Texte von Autoren gedanklich und empotional mit sich selbst bearbeitet, lässt man sich über Messenger ungefiltert triggern und kommt erst nachher darauf. Ich verstehe, dass du diese Tür nun geschlossen lässt. Ich habe darauf auch keine Lust mehr,, auch ohne die zusätzliche Lese-Hürde.

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    1. kommunikatz sagt:

      Stimmt, das hast Du gut auf den Punkt gebracht. Und heutzutage assoziiere ich mit Messengern auch diesen ganzen Schwurbelscheiß auf Telegram, die Verschwörungsmythen und irgendwelche sinnlosen Chatgruppen, in die mensch einfach eingeladen oder reingezogen wird, ohne sich dagegen wehren zu können, weil Familie oder sonstige Menschen einen irgendwie unbedingt dabei haben wollen. Und dann bekommt mensch rund um die Uhr irgendwelchen Quatsch geschickt – nee nee, das brauch ich nicht.

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      1. puzzleblume sagt:

        Oft verweigert man sich nicht gleich, weil es eigentlich so bagatellenhaft wirkt, und einen dann geradezu „aufzufressen“ droht. Erst, wenn man einen Befreiungsschlag tätigt und die Leute richtig vor den Kopf stösst, wird man wieder frei. Und gerade bei Familie und Freunden fällt es schwer, sich auszubitten, nicht jeden Hühnerscheiss geschickt zu bekommen oder sich permanent rechtfertigen zu müssen, weil mal nicht zügig antwortet.

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      2. kommunikatz sagt:

        Genau, deshalb bekam ich kürzlich echt einen Schreck, als mein Vater plötzlich auf Signal auftauchte und mich in eine Gruppe einlud. Aber es klärte sich dann schnell, dass er nur etwas testen wollte und ich eigentlich gar nicht gemeint war 🙂
        Wieso habe ich eigentlich die abc.etüde über die beiden Freundinnen nicht verlinkt, wo die eine die andere ständig überreden will, sich bei WhatsApp anzumelden, damit sie ihr Babyfotos ihres Enkelkindes schicken kann? 😉

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  2. pflanzwas sagt:

    Ich habe gerade mein erstes Smartphone und wußte bislang nicht mal so genau, was ein Messenger ist. Danke für den Ausflug in die Aufklärung des digitalen Zeitalters! Ich versteh nur die Hälfte, haha. Ja, ich glaube, da muß man sehr sorgfältig und ausgewählt vorgehen, um nicht von der Text- und Bilderschwemme überfahren zu werden. Oder wie in deinem Fall, es ganz zu lassen. Ich habe den Eindruck, daß über diese Kommunikationswege viel Belangloses ausgetauscht wird und die Frage ist, ob man damit seine Zeit verbringen möchte. Gut geschrieben.

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    1. kommunikatz sagt:

      Danke! Ja, das ist ein kleiner historischer Ausflug geworden. Heutzutage sind Social Media wie Facebook oder Twitter eigentlich fast noch schlimmer als reine Messenger. Die können praktisch sein, als Alternative zu SMS oder Telefonanrufen. Aber mehr definitiv nicht – nicht für mich. Bin gerade so kein Digital Native, Anfang der 1980er geboren und in diese ganzen Dinge wirklich reingewachsen. Das ist für sowas wie Technik- und Medienkompetenz aus meiner Sicht ideal und ich bin, zumindest in diesem Bereich, sehr dankbar für den Zeitpunkt meiner Geburt.

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      1. pflanzwas sagt:

        Du meinst, du BIST ein Digital Native oder? Weil du geschrieben hast „kein“? Ja, daß hat sicher viele Vorteile damit aufzuwachsen. Wir Älteren sind da doch manchmal skeptischer, wobei ich ab und an den Eindruck habe, daß manch jüngerer Mensch zum Gegenteil tendiert und extrem unkritisch ist. Die goldene Mitte ist vielleicht am Besten.

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      2. kommunikatz sagt:

        Genau, mit der goldenen Mitte stimme ich Dir absolut zu. Ein Freund von mir sagt immer „Digital Naives“, und das t lässt er nicht ohne Grund weg. Ich meinte tatsächlich, dass ich keine Solche bin, weil mein Aufwachsen ohne diesen ganzen Kram stattfand. Ich bin aber ca. ab meinem 11. oder 12. Lebensjahr hineingewachsen, wo es schon bewusst und mit rationalem Überbau passieren konnte, nicht als Kleinkind und dementsprechend unkritisch und selbstverständlich. Insofern habe ich quasi das Beste aus beiden Welten mitgenommen 😉

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