schIMPF und Schande

Die nächste Person, die mich fragt, ob ich schon gegen Covid-19 geimpft bin, wird gnadenlos an die Wand geklatscht. Nein, ich bin noch nicht geimpft. Ich bin eine von Denen, die durch alle Raster fallen. Das war schon bei den nie erhaltenen Coupons für FFP2-Masken so und das ist bei der Impfberechtigung nicht anders. Chronisch autoimmunkrank, Grad der Behinderung von 100, aber vulnerabel? Nein, wo denkt Ihr denn hin?! Angesichts der Impfstoffknappheit und zeitweisen Aussetzung von Astrazeneca, schien meine Chance auf eine Impfung in noch weitere Ferne zu rücken. Heute früh war ich sehr froh zu lesen, dass der britisch-schwedische Impfstoff nun wieder eingesetzt wird. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste und ich habe Verständnis dafür, dass die Impfungen mit diesem Präparat nach den unklaren Thrombosefällen erstmal ausgesetzt wurden. Mir wäre es allerdings ausreichend vorgekommen, Menschen mit einer Disposition für Blutgerinsel nicht mehr mit Astrazeneca zu impfen, also Raucher*innen, hormonell verhütende Menschen und Dergleichen. Aber gut, Jens Spahn sah das anders und wenn die WHO es sagte, hatte es wohl auch Sinn.

In zwei Wochen habe ich den Termin bei meiner neuen Neurologin, um endlich die Umstellung meines MS-Medikaments anzuleiern. Diese wurde mir im Klinikum schon vor einem Dreivierteljahr angeraten. Insofern hätte ich gern bald Klarheit. Das neue Medikament ist ein Immunsuppressivum, unterdrückt also gezielt das Immunsystem, um MS-Schüben entgegenzuwirken. Diese sind ja überschießende Reaktionen des eigenen Immunsystems gegen körpereigene Strukturen, hier die Myelinschichten, die die Nervenbahnen isolieren und deren Schädigung die neurologischen Symptome der Multiplen Sklerose bewirkt. Mit einem unterdrückten Immunsystem fallen die erwünschten Immunreaktionen auf Impfungen meist deutlich geringer aus und eine Impfung ist nur schwach oder gar nicht wirksam – dann kann mensch sich das Ganze auch sparen, weil kein Verlass auf den Impfschutz ist.

Laut meiner Hausärztin bin ich in der Impfprioritätsgruppe 4, also eigentlich in gar keiner bzw. in der, wo halt der ganze Rest reinfällt. Klar, ich bin relativ jung, habe keine Vorerkrankungen mit Bezug zu Lunge oder Herz, bin nicht übergewichtig – eher im Gegenteil – und arbeite weder im Gesundheitssystem noch in einer Kita oder Schule. Laut einer Stellungnahme der BAG Selbsthilfe sind blinde Menschen aber per se in Priorität 3 einsortiert, weil es blind nuneinmal annähernd unmöglich ist, selbst auf die Einhaltung von Abständen zu achten. Dass ich inzwischen konsequent die gelbe Armbinde mit den drei schwarzen Punkten trage, weil ich schon oft genug ungekennzeichnet von rücksichtslos in mich reinrennenden sehenden Menschen übelst angeranzt worden bin, ich solle gefälligst mehr Abstand halten, habe ich hier noch gar nicht erwähnt. Naja, jedenfalls bin ich dann also in Prio 3, wo ich eigentlich schon wegen meiner Autoimmunerkrankung zu sein glaubte.

Die Hausärztin hat mir außerdem ein Attest ausgestellt. Normalerweise bekommen Menschen diese Art von Attest, bei denen wegen eines erwartbar schweren Covid-Verlaufs eine Impfung beschleunigt werden soll. Bei mir geht es mehr darum, dass eine Infektion a) durch das Triggern des Immunsystems einen MS-Schub auslösen kann und b) die Medikamentenumstellung ansteht. Ich will erst geimpft sein, bevor das neue Medikament kommt, aber das Medikament brauche ich bald, damit die erhöhte Aktivität der MS mir nicht weiter aufs Dach kackt.

Mit diesem schönen Attest könnte ich nun also vielleicht sogar in Prio 2 vorrücken. Um das zu untermauern, habe ich auch noch den Entlassbericht aus dem Klinikum vom vergangenen Juli und den Bericht aus der MS-Ambulanz, wo ich im Januar dann endlich mit der sehr kompetenten und sympathischen Professorin sprechen konnte, die mir schon während meines stationären Aufenthalts das neue Medikament nahelegte.

Diese ganzen Unterlagen und eine Kopie meines Schwerbehindertenausweises zum Nachweis meiner Blindheit habe ich gestern ans Impfzentrum geschickt, um meine Hochstufung in der Impfreihenfolge zu beantragen. Ich bin gespannt und hoffe auf ein paar gedrückte Daumen, damit es sich nun tatsächlich beschleunigt.

Gedrückte Daumen brauche aber nicht nur ich. Ein guter Freund mailte mir gestern, dass er und seine Frau, die in einer Kita arbeitet, positiv auf Covid-19 getestet wurden. Besonders zynisch daran: Sie hätte in einer Woche ihren ersten Impftermin gehabt. Beide haben leichte Symptome – möge es bitte dabei bleiben und schnell vorbeigehen! Ich habe schon so viele Menschen, auch Bekannte, mit teils richtig üblen Long-Covid-Effekten erlebt, das ist einfach so gar kein Spaß und ich wünsche es niemandem – vor allem nicht Menschen, die ich sehr schätze.

5 Gedanken zu “schIMPF und Schande

  1. kommunikatz sagt:

    Was ich im Beitrag gar nicht so klar geschrieben habe: Dass ich meine Impfung beschleunigen will, ist kein reiner Egoismus. Wenn ich erst später, dann unter Immunsuppression, meine Impfung erhalte, die dann aber wegen der Immunsuppression gar nicht richtig anschlägt, bin nicht nur ich nicht geschützt, obwohl ich mich in Sicherheit wiegen könnte, sondern ich trage das Virus auch weiter und gefährde Andere.

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  2. kommunikatz sagt:

    Krass, ich hätte im Leben nicht gedacht, dass ich einen knappen Monat nach diesem Post tatsächlich meine erste Impfdosis bekommen würde 🙂 So geschehen am 15.04.21, nachzulesen im Beitrag „Geimpft ❤ ❤ <3"

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