Das Erholungsheim – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

Triggerwarnung: Hier geht es um psychische und physische Gewalt gegen Kinder.

Heiner war ein schmächtiger, ängstlicher Junge, geboren Kurz nach Kriegsende. Sein Bruder erzählte ihm, wie er wegen seiner krummen Nase in der Volksschule jeden Tag Klassenkeile bekam. Heiner wusste, dass es ihm ähnlich ergehen würde. Wenn sogar sein großer Bruder dort zum Opfer wurde, würde ihm selbst Schlimmeres blühen.

In den Ferien wollten die Eltern den Jungen etwas Gutes tun. Ein Erholungsheim warb damit, schwache Kinder zu stärken, sie mit Freizeitspaß und viel gutem Essen aufzupeppeln.

Im Speisesaal durften sie nicht trödeln. Wer zu langsam war oder nicht aufaß, bekam sofort Schelte von der schwammig-unförmigen Küchenfrau. Heiner hatte eine Heidenangst vor ihr. Sein Sitznachbar hatte sich am zweiten Tag geweigert, seinen Eintopf aufzuessen. Die Küchenfrau schimpfte und drohte mit Schlägen. Das Kind führte widerwillig Löffel für Löffel zum Mund und schluckte sichtlich angeekelt gegen den Würgereiz an. Aber irgendwann kam alles wieder heraus. „Du stehst erst auf, wenn der Teller leer ist“, herrschte die Küchenfrau das Kind an. Heiner beobachtete ungläubig, wie es mit enormer Selbstbeherrschung sein eigenes Erbrochenes auflöffelte. Zum Glück war Heiners Angst stärker als sein Brechreiz.

Nachts im Schlafsaal war reden verboten. Zum Flüstern war sein Bruder im Stockbett über ihm zu weit weg. Als er morgens in einer Urinpfütze aufwachte, nahm ihm die Aufpasserin die Matratze weg. Abends bekam er sie nicht zurück, er sollte zur Strafe auf dem nackten Bettgestell schlafen. Als das Licht aus und die Aufpasserin weg war, gab sein Bruder ihm seine Decke, damit er nicht auf kaltem Metall liegen musste. Zum Zudecken hatten sie ja ihre Kleider.

Nach sechs Wochen, wieder zu Hause, wirkten sie ruhig, aber nicht erholt. Immerhin hatte der magere Heiner drei Kilo zugenommen. Aber Steckrübeneintopf und Haferschleim lösten für den Rest seines Lebens angstvolle Übelkeit aus und das Bettnässen begleitete ihn bis in die Pubertät.

Diese abc.etüde ist inspiriert durch verschiedene Berichte, die ich in den letzten Monaten über Kindererholungsheime in den 1950er Jahren und weit darüber hinaus hörte und las. Auch mein Vater und mein Onkel haben in ihrer Kindheit mindestens einmal solche „Erholungsferien“ erlebt und mein Vater erzählte mir davon. Zustände, wie ich sie fiktiverweise hier beschreibe, hat es laut Medienberichten bis in die 1980er Jahre hinein gegeben.

Die Wörter für die Textwochen 10/11 des Schreibjahres 2021 stiftete René, der BerlinAutor. Sie lauten „Klassenkeile“, „schwammig“ und „trödeln“. Vielen Dank an Christiane von „Irgendwas ist immer“ für die Schreibeinladung!

10 Gedanken zu “Das Erholungsheim – eine abc.etüde (3 Begriffe in maximal 300 Wörtern)

  1. Christiane sagt:

    Beim Lesen deiner Etüde werde ich traurig. Ich habe auch Berichte darüber gelesen/gesehen. Unfassbar, was noch nach dem Krieg alles geschehen durfte! Diese arroganten, aufgeblasenen Herrgötter, männlich wie weiblich!
    Ach, wenn man Menschen Macht gibt, geht das oft nicht gut aus … 😥
    Danke dir für deine Etüde.
    Herzliche Nachmittagskaffeegrüße 😁☁️☕🍪👍

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    1. kommunikatz sagt:

      Als ich die Berichte las und dann sogar von meinem Vater bestätigt bekam, wie real sowas war, hat es mich auch schockiert und traurig gemacht. Wenn mensch sich aber vorstellt, dass die Erwachsenen in diesen Geschichten genau die Gleichen sind, die wenige Jahre vorher noch Menschen vergast, zu Tode gequält, zwangssterilisiert und mit ihnen experimentiert haben, ist es eigentlich einfach nur logisch, dass solche Strukturen sich nicht von jetzt auf gleich ändern konnten. Es ist absolut krass, wie Menschen miteinander umgegangen sind und was für erschreckende Sichtweisen sie auf Ihresgleichen hatten. Das rechtfertigt nichts, erklärt aber viel.

      Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Vielleicht habe ich jetzt auch die wirklich krassen Beispiele herausgegriffen, weil die halt auch in den entsprechenden Medienberichten vorkamen. Es gab sicher auch Kurheime, in denen es anders zuging. Tatsächlich ist die Geschichte mit der eingenässt weggenommenen und zur Strafe einbehaltenen Matratze aber authentisch von meinem Vater – ich bin mir unsicher, ob erlebt oder nur beobachtet.

      Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Ja, Erholungsheim oder Kurheim traf wohl selten auf die realen Umstände zu, aber vermutlich war es wirklich die Idee dieser Heime, eine Kur und Erholung anzubieten. Nur waren die damaligen Methoden leider so unglaublich verkehrt. Und solche sprachlichen Euphemismen hatten tradition. Bei den Nazis hießen die Einrichtungen, in denen Menschen mit Behinderungen euthanasiert wurden, allen Ernstes Heil- und Pflegeanstalten.

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  2. Annuschka sagt:

    Selbst dort, wo körperliche und psychische Gewalt nicht angewandt wurde, war es oft schwierig. Im Jahr 2009 war ich mit unserer jüngsten Tochter (sie war 2 1/2 Jahre alt) auf Norderney im Seehospiz, das gibt es schon sehr lange (ich müsste nachlesen) für 4 Wochen zur Asthmakur. Unsere damalige Jugendreferentin (Jahrgang 1981) hatte keine so guten Erinnerungen daran (sie musste dort allein bleiben), wogegen für uns die Wochen wirklich in guter Erinnerung blieben: denn wir waren gemeinsam dort! (Und hatten tolles Wetter und ein paar andere nette Mutter-Kind-Gespanne dabei. Die Therapien waren auch sehr kindgerecht.)
    Lange Zeit war es auch so, dass die Kinder dort an der Pforte abgegeben werden mussten und dann auch noch 12 Wochen dort bleiben mussten. Ohne Besuch von den Eltern. Und obwohl die Diakonissen sich ordentlich um die Kinder kümmerten, war doch sehr viel Angst im Spiel.
    So viel zum Thema „Früher war alles besser“. Man muss nur mal über manche Verhaltensweisen nachdenken, die „früher“ gang und gäbe waren.
    Danke für diesen Anstoß, darüber einmal mehr nachzudenken.
    Liebe Grüße, Anja/Annuschka

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