Verschüttet

Unter einem riesigen Haufen von Dingen, Unrat, Biomasse, alles durcheinander, ein bisschen wie eine Müllkippe vor der Ära der Mülltrennung. Dort liege ich, kann mich nicht befreien, bin eingeklemmt von all dem Zeug, eingeengt und so unbeweglich, dass auch meine Gedanken feststecken. Der Müll blockiert mich. Und der Müll blockiert auch alles das, was gar kein Müll ist. Zwischen dem Müll finde ich die guten Dinge nicht mehr wieder. Alles wird zu Müll, denn alles wird dreckig durch den Kontakt mit dem Müll. Flüssigkeiten sickern durch den Haufen von Zeug und machen die schönen, reinen und guten Dinge dreckig und fies. Was kein Müll ist, wird entwertet und gleicht sich langsam dem Müll an, alles verklebt und backt zusammen, kein Durchkommen mehr, keine Möglichkeit, die Dinge voneinander zu trennen. Jedes Teil, das ich herausziehen will, zieht eine ganze Kette von daran klebenden und damit verknoteten weiteren Dingen nach sich, nichts lässt sich einzeln betrachten, keine Ordnung scheint möglich zu sein.

Es gibt kein Entrinnen, der Müllhaufen kan auch nicht zu den Seiten auseinanderfallen, denn er steckt in einem riesigen Container. Je mehr Müll oben drauf landet, umso mehr komprimiert sich das, was weiter unten liegt. Je mehr klebrige und eklige Flüssigkeiten nach unten sickern, umso dichter und undurchdringlicher wird die Masse. Bei jedem Versuch, mich von unten weiter nach oben zu graben, fällt mir mehr Müll entgegen und begräbt mich immer tiefer, anstatt einen Weg freizugeben. Lawine um Lawine rollt an, jedes Mal, wenn ich Teile entfernen und wegschieben will. Es ist ein riesiger Berg, der sich nicht abräumen lässt – schon gar nicht von unten, aus der Mitte des Berges heraus.

Von außen wäre es möglich. Jemand müsste die Seitentür des Containers öffnen und Dinge wegschaffen, den Berg von oben oder von der Seite langsam abtragen. Teil um Teil, Gegenstand um Gegenstand, vielleicht einfach nur umschichten, vielleicht sortieren. Mülltrennung könnte helfen, würde Überblick bringen, das Gefühl der Überforderung und des Erdrücktwerdens beheben. Die Last von mir nehmen, das kann ich nicht allein, denn es rutscht immer wieder mehr Müll nach. Die Last wegnehmen kann nur jemand von außerhalb des Müllcontainers. Von dort aus ist sichtbar, was noch zu retten ist, was wirklich Müll ist, was Kunst ist und was weg kann. Ich kann das von unten nicht unterscheiden, weil mich alles erdrückt, egal, wie es beschaffen ist. Von hier aus kann ich keine Ordnung in den Haufen bringen, Jemand muss mir beim Aufräumen helfen, mich aus diesem Berg befreien, damit ich dann, nicht mehr eingeklemmt, selbst beginnen kann, mitzuentscheiden, was von all dem Müll noch einen Nutzen hat und was nicht.

Ich weiß, dass das alles mein Müll ist. Aber nicht alles davon habe ich selbst aufgetürmt. Das Wenigste habe ich selbst aufgetürmt, sonst läge ich ja nicht darunter. Es ist auf mich drauf geworfen worden, immer mehr von immer mehr Menschen. Alle wollten ihren Müll loswerden und ich war bereit, ihn zu nehmen, ihn den Anderen abzunehmen, sie zu entlasten, indem ich mich selbst immer weiter belastet habe oder zugelassen habe, dass sie all ihren Mist bei mir abladen. Jetzt stecke ich fest, unter all dem Müll der Anderen, bis eine*r von ihnen endlich bemerkt, dass ich schon gar nicht mehr zu sehen und beinahe auch nicht mehr zu hören bin. Ich habe mich eingerichtet inmitten des Mülls, ich sage nichts mehr. Ich warte, dass irgendwem auffällt, dass sie oder er mich schon llange nicht mehr gesehen hat. Vielleicht kommt sie oder er dann auf die Idee, nach mir zu suchen, einmal in dem Müllhaufen zu graben oder die Containertür zu öffnen und zu schauen, was zum Vorschein kommt, wenn der Berg zur Seite kippen und aus dem Container herausfallen kann.

Bitte, grabe nach mir, schicke Spürhunde und Rettungsteams, wie nach einem Erdbeben. Oder schicke ein Erdbeben, das den Container zerstört und den Berg von allein zum Zerfallen bringt. Tu einfach irgendwas, um mir diesen Müllberg von den Schultern zu nehmen, der mich mehr und mehr am Atmen hindert.

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Dieser Text entstand im geschützten Raum des Schreibworkshops mit Andrea. Ihr Schreibimpuls waren Metaphern, die es entweder direkt aus einer Liste auszuwählen galt, indirekt anhand von Begriffen für Gefühle selbst zu konstruieren oder, wie ich es letztendlich tat, einfach im Drauflosschreiben entstehen zu lassen. Gefühl und Bild waren einfach da, schon vor dem Workshop. Ich brauchte sie nur zu kanalisieren – mit dem Ergebnis, dass sowohl mir als auch der Teilnehmerin, die meinen Text dankenswerterweise vorlas, am Ende die Tränen kamen. Es war sehr intensiv und ja, ich weiß, dass ein so negativer Text sicher keine Lösung für irgendetwas ist und ich viel mehr Positives schreiben sollte, um mich aus dem offensichtlichen Tief herauszuschreiben. Gestern habe ich das versucht, ich wollte etwas Zuversicht verbreiten, bevor ich diesen Beitrag auf Euch loslasse. Aber er ist authentisch und gibt leider sehr genau meine Gefühlslage der totalen Überforderung wieder.

4 Gedanken zu “Verschüttet

  1. puzzleblume sagt:

    Sehr deutlich teilen sich die Gefühle mit, lässt man sich auf die Beschreibung ein, so verstehe ich gut, dass auch die Vorleserin deines Textes Tränen in den Augen hatte. Dennoch finde ich eine solche intensive Beschreibung, die ebensogut ein Traum sein könnte, einen gelungenen Schritt, sich durch das gelungene Formulieren ein Stück weit dagegen zu behaupten.

    Gefällt 2 Personen

    1. kommunikatz sagt:

      Da hast Du absolut Recht. Schreiben ordnet Gedanken und hat etwas sehr Therapeutisches, mit Metaphern als Ausdrucksmittel umso mehr, weil diese sprachlichen Bilder viel direkter die Emotionen ansprechen und offenlegen, als es analytische Beschreibungen tun können.

      Gefällt 3 Personen

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